Nachruf auf Hilde Singer (Geb. 1911) : Nie wieder "Deutsch"

Ihr Glück: Die Nazis steckten sie ins Gefängnis statt ins KZ. Im Exil änderte sie ihren Namen. Ein Nachruf auf Hilde Singer.

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Hilde Singer (1911 - 2014)
Hilde Singer (1911 - 2014)Foto: privat

Jahrzehntelang hatte sie kein Deutsch gesprochen. Bis sie bei einem Vortrag in New York Daniela kennenlernte. „Darf ich Sie einmal besuchen kommen?“, hatte die Berlinerin sie nach kurzem Wortwechsel gefragt. Wenig später saßen die beiden in Hilde Singers Apartment, blickten durchs Fenster auf den Hudson River, und begannen zu reden. 102 Jahre alt war Hilde Singer, als sie der Sprache ihrer Kindheit erlaubte, zurückzukehren. Von da an kam Daniela jeden Montag. Dann lasen sie Bücher und sangen Lieder: Ach, es sind des Haifischs Flossen / Rot, wenn dieser Blut vergießt ...

Und Hilde begann aus ihrem Leben zu erzählen. „Ich war eine kleine Verrückte“, pflegte sie zu sagen. Ein Mädchen, das häufig die Schule schwänzte, sich die Entschuldigungen selber schrieb und an einer Liste schmutziger Witze arbeitete.

Ihre Eltern besaßen Aktien des Berliner Zoos. Da sie freien Eintritt hatten, verspeiste die Familie zusammen mit Freunden und Verwandten dort fast jeden Sommerabend ihr Abendbrot. Während die Erwachsenen in der Nähe der Musikkapelle blieben, lief Hilde am liebsten zu den Elefanten.

Immer wieder erzählte sie, wie ein Affe sie mal am Kragen ihres schwarzen Seidenmantels packte und zu sich herüberzuziehen versuchte. Eine Cousine schnappte Hildes Füße, das Mädchen wurde hin- und hergezerrt, das Tier verlor.

Die Geschichte liest sich wie ein Sinnbild dessen, was die Zukunft bringen sollte: Mit einiger Hilfe ist es Hilde Singer geglückt, sich der Gewalt der Nazis zu entziehen.

Doch darüber sprach sie erst später und wenig detailreich. Lieber erinnerte sie sich an die Zeit davor: 14 Jahre alt war sie, als sie den Nervenkitzel anderswo zu suchen begann als am Gehege der spuckenden Lamas. Sie versuchte es mit Tanzstunden, fand sich „totally unmöglich“, schloss sich Wander- und Diskutiergruppen an und blühte auf. Umso mehr, als sie in einer dieser Gruppen Kurt Deutsch kennenlernte.

Die Eltern waren von Hildes Wahl wenig begeistert. Hatten sie ihrer Tochter doch einen geschäftsmännischeren Ehemann gewünscht als diesen links-demokratischen Schreiberling, der seinen ersten Gedichtband erst herausgeben konnte, nachdem Hilde ihre goldene Uhr versetzt hatte.

Um den Schöngeist auf solide Füße zu stellen, schenkten sie dem Paar zur Hochzeit eine Buchhandlung am Olivaer Platz, die sie billig erworben hatten. Der Vorbesitzer war Jude wie sie selbst, wie auch Kurt, und hatte eilig und in weiser Voraussicht das Land bereits 1932 verlassen.

Kurt und Hilde gefiel an ihrem neuen Geschäft vor allem der Keller. Denn wer einen Keller hat, hat einen Untergrund. Während oben die erlaubte Lektüre über den Tresen ging, wurde unten ab 1933 die unerlaubte produziert.

Basierend auf Informationen ausländischer Radio-Sendungen verbreiteten sie in diesen Schriften Berichte von Konzentrationslagern und baten um Pakete für die Inhaftierten.

Das ging gut, bis eine Freundin 1934 verhaftet und so lange gefoltert wurde, bis sie den Keller der Buchhandlung preisgab. Wo ihr Ehemann sei, wurde Hilde gefragt. „Auf einer Geschäftsreise in Köln.“ Die Lüge verschaffte Kurt die Zeit, nach Schweden zu flüchten.

Hilde Singer und ihr Mann im Exil
Hilde Singer und ihr Mann im ExilFoto: privat

Hildes Vater führte einen hohen Nazi-Anwalt ins Feld, der ein Jahr Gefängnis herausschlug. Kein KZ. „Hotel zum Goldenen Gott“ nannten Hilde und ihre Zellennachbarin das Gefängnis in der Barnimstraße. Durchs vergitterte Fenster blickten sie auf die vergoldete Figur auf dem Karstadt-Gebäude gegenüber.

Kaum frei, floh Hilde zu Kurt nach Schweden. Dort begannen sie, sich für „Mein Kampf“ zu begeistern. Mehrmals banden sie gefälschte Papiere für Hildes Vater und andere illegale Dokumente ins Hitler-Buch ein und schickten sie nach Deutschland. So traf auch Hildes Schwester bald in Schweden ein. Die Mutter aber hatte sich in der Untersuchungshaft das Leben genommen.

Im Exil legte das Paar den Nachnamen „Deutsch“ ab, sowie die Sprache und die Identität, für die der Name so unmissverständlich gestanden hatte. Unter „Singer“, dem Mädchennamen von Kurts Mutter, publizierten sie weiter gegen die Nazis. Als Kurt ein Buch mit dem Titel „Göring. Tysklands farligste man“ veröffentlichte, in dem er die Luftwaffe analysierte und Görings morphiumumnebelte Zeit in Schweden auswertete, verlangte Deutschland die Beschlagnahmung der Bücher und Kurts Auslieferung.

1940 erreichten sie auf einem finnischen Frachter zusammen mit ihrer neugeborenen Tochter Brooklyn. In New York nahm Hilde ihre Arbeit als Röntgenassistentin wieder auf, die sie in Berlin gelernt hatte. Nach einigen schönen Anfangsjahren wurde die Ehe mit Kurt geschieden. Jahre später gestand er, dass er sich mehr noch als von Hilde von seiner Geschichte trennen wollte. Wollte er Deutschland vergessen, musste er auch Hilde opfern, die fortan mit ihren beiden Kindern allein blieb.

Dabei war sie, wie Daniela feststellte, eine denkbar liebenswerte Person. Die ihre Liste schmutziger Witze noch als Über-Hundertjährige fortführte, abends gerne ein, zwei Baileys trank, immer die Tür offen hielt für Freunde und Verwandte, hingerissen, sobald Musik ertönte.

Sie starb einen Monat, bevor auf die Initiative von Daniela hin in der Jenaer Straße 21 zwei Stolpersteine für ihre Eltern Alice und Siegfried Tradelius gesetzt wurden.

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