Polizei in Berlin : Achtung! Hier spricht die Polizei

Für manche sind sie Freunde und Helfer, für andere nur die „Bullenschweine“. Jeder verlässt sich auf sie, doch ihr Tun ist oft umstritten. Aber wie sieht das eigentlich genau aus?

Werner van Bebber
Aufruhr als Alltag. Der junge Mann an der Spandauer Rathausmauer war nach diversen Bieren ausfällig geworden und dabei an einen Polizeischüler geraten. Der holte die Kollegen Ronald Schüler und Dirk Zollondz.
Aufruhr als Alltag. Der junge Mann an der Spandauer Rathausmauer war nach diversen Bieren ausfällig geworden und dabei an einen...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mit der Achtung ist es so eine Sache. Achtung voreinander, Respekt und Umgangsformen mögen in einigen Berliner Milieus durchaus vorkommen. Aber da, wo die Blaulichtfahrten vieler Streifenpolizisten enden, ist es mit der Achtung oft nicht weit her. „Ich trage zwölfeinhalb Stunden lang eine Schutzweste, und das hat seinen Grund“, sagt Polizeikommissar Ronald Schüler, der vom Spandauer Abschnitt 21 aus Streife fährt, mal tagsüber, mal nachts.

Vorbei sind die Zeiten, in denen es Polizisten mit verschüchtert blickenden Bürgern zu tun hatten, die mit zittrigen Händen den Personalausweis aus der Tasche fingerten. Ewig her sind auch die Zeiten, in denen ein Verein namens „Bürger beobachten die Polizei“ aufs Allerkritischste die Arbeit der Ordnungshüter der Stadt verfolgte. Den Verein gibt es noch, aber seine Themen sind heute eher Datenschutz und Geheimdienst-Kritik. Das mag an dem veränderten Verhältnis zwischen Bürgern und Polizei in Berlin liegen. Uniformen machen keinen Eindruck mehr, Autorität muss anders entstehen. Die Polizei gibt sich offen und, wenn es die Situation erlaubt, auch entspannt. In Twitter-Nachrichten lässt sie die Leute Anteil nehmen am alltäglichen und allnächtlichen Wahnsinn. Die Polizei versteht sich als bürgernah – wozu gehört, dass ihr der Bürger mit Pampigkeiten und körperlich bei vielen Einsätzen ausgesprochen nahe kommt.

Berlin ist in sechs Polizeidirektionen mit insgesamt 37 Abschnitten aufgeteilt. Die Abschnitte sind heute, was früher die Reviere waren, einschließlich der „Wache“, die Tag und Nacht besetzt ist. 17.000 Vollzugsbeamte arbeiten in Berlin. Oft sind die Beamten nicht direkt Freunde, aber doch Helfer, immer noch. Sie kommen auch, wenn Bürger einen verletzten Schwan im Landwehrkanal bemerken und nicht wissen, was sie tun sollen. Öfter aber werden sie gerufen, wenn es Ärger gibt. Das hat in den vergangenen vier Jahren zu rund 2000 Angriffen auf Polizeivollzugsbeamte geführt. „Allgemeingültige Ursachen“, so erfuhr der SPD-Abgeordnete Tom Schreiber nach einer Anfrage im April dieses Jahres, seien dafür nicht zu benennen, auch wenn „Gründen wie der Werteentwicklung“ in der Gesellschaft und dem „Sinken von Hemmschwellen“ Bedeutung zukomme.

Mehr denn je sind Polizisten nicht Ordnungshüter, sondern verantwortlich für die provisorische Reparatur dieser Ordnung. Sie kommen dorthin, wo zuvor andere gesellschaftliche Instanzen versagt haben. Noch immer ist der Beruf des Polizisten jeden Tag aufs Neue ein Garant für Spannung, Adrenalinproduktion. Und Frust.

Ein paar driften dann ab. Im Oktober geriet ein Berliner Polizist unter Rechtsextremismus-Verdacht. Der Mann, angeblich Mitglied der rechtspopulistischen AfD, soll bei einer Demonstration in Brandenburg/Havel ein fremdenfeindliches Plakat getragen haben. Ein Disziplinarverfahren war die Folge – Polizisten haben sich politisch neutral zu verhalten.

Christopher Lauer, Mitglied der Piraten-Fraktion im Abgeordnetenhaus und deren innenpolitischer Fachmann, befürchtet durchaus, dass sein Lieblingsfeind, Innensenator Frank Henkel, die Gefahr des Abdriftens mancher Polizisten nach rechts unterschätzt. Lauer hat indes auch viel Sinn für das, was die Polizeiarbeit besonders mühsam macht. Von einer zehntägigen Hospitanz 2014 in der Direktion drei weiß er, dass die Polizei „unter widrigen Umständen“ arbeitet, wie er sagt. Sie habe eine schlechte Ausrüstung, ein schlechtes Schichtarbeitssystem und am Wochenende oft noch den Druck, in einer Einsatzhundertschaft Demonstranten zu begleiten. Damit seien Beruf und Familie oft nicht zu vereinbaren. Und er sagt, vielleicht überraschend für einen als eher links geltenden Politiker: „Ich habe die Polizei als sehr offen erlebt.“

Tom Schreiber, Innenpolitiker der SPD-Fraktion, sieht ebenfalls „gute Ansätze“ einer bürgernahen Polizei. Prävention, das Vorgehen gegen jugendliche Intensivtäter, die „ausgestreckte Hand“ bei großen Demonstrationen wie am 1. Mai – da seien in Berlin Ideen entstanden, die von anderen Polizeibehörden aufgenommen wurden. Doch andererseits leide die Berliner Polizei darunter, dass immer weniger Polizisten immer mehr Aufgaben übernehmen müssten. Dass zwar, wie gerade beschlossen, in die Ausrüstung investiert werde – Polizeietat 2015: 1,3 Milliarden Euro, Tendenz steigend–, aber etwa Schießtraining nicht möglich sei, weil Schießstände saniert werden müssten. Was fehle, sagt Schreiber, sei eine Analyse der Aufgaben und der Möglichkeiten, um entscheiden zu können, wie groß der Bedarf an Material und Mannschaftsstärke überhaupt sei.

Zeit für ein paar Blicke auf die Wirklichkeit.

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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