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Anzeige in Berlin-Köpenick : Horst-Wessel-Lied im Unterricht

Gegen eine Musiklehrerin am Emmy-Noether-Gymnasium in Köpenick liegt eine Anzeige vor: Sie habe Schüler das "Horst-Wessel-Lied" singen lassen, die frühere Parteihymne der NSDAP.

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Leeres Klassenzimmer. Gegen eine Lehrerin in Köpenick wurde offenbar Anzeige erstattet.
Leeres Klassenzimmer. Gegen eine Lehrerin in Köpenick wurde offenbar Anzeige erstattet.Foto: Peter Endig/dpa

Am Köpenicker Emmy-Noether-Gymnasium gibt es Vorwürfe gegen eine Lehrerin: Sie habe Schüler des 11. Jahrgangs das verbotene „Horst-Wessel-Lied“ singen lassen. Gegen die Pädagogin liege eine anonyme Anzeige vor, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich. Danach soll die Lehrerin die Schüler auch dazu aufgefordert haben, „marschieren zu imitieren“. Das „Lied“ ist seit Ende des Zweiten Weltkriegs verboten. Das Lied war zunächst ein SA-Kampflied, später Parteihymne der NSDAP. Zwischen 1933 und 1945 wurde es regelmäßig nach der ersten Strophe der Nationalhymne gesungen.

Die Lehrerin habe der Polizei bestätigt, dass sie das nationalsozialistische Propagandalied im Musikunterricht behandelt habe. Sie habe auf Vorgaben im Lehrplan verwiesen. Mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen wollte Redlich keine Auskunft darüber geben, ob die Frau gesagt habe, wie sie das Thema konkret umgesetzt habe. Die Polizei ermittle wegen eines möglichen Verstoßes gegen Paragraf 86a des Strafgesetzbuches: „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“. Unter bestimmten Umständen ist es aber laut Gesetz erlaubt, die Propagandamittel in Lehre, Forschung, Kunst oder Berichterstattung zu verwenden.

Vergleich mit Brecht-Gedicht

Die Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung, Beate Stoffers, sagte, die Lehrerin habe angegeben, dass sie das Lied im Zusammenhang mit der Behandlung von Bertolt Brechts Gedicht „Der Kälbermarsch“ durchgenommen habe. Das Brecht-Gedicht sei eine Parodie auf das Horst-Wessel-Lied und ohne dieses nicht verständlich. In einer Stellungnahme für die Schule und die Schulaufsicht habe die Lehrerin gesagt, dass die Schüler den Rhythmus des Liedes durch Klopfen mit dem Fuß erfassen sollten und die Melodie mitsummen sollten. Ziel ihres Unterrichts sei es gewesen, dass die Schüler begreifen, wie politische Lieder in verschiedenen geschichtlichen Kontexten eingesetzt werden. Die Schüler sollten die manipulative Wirkung der Musik begreifen. Es habe sich um einen Grundkurs gehandelt. Im Lehrplan gibt es u. a. die Vorgabe, „hörpsychologische Wirkungen“ zu untersuchen, dies könne anhand von politischen Liedern erfolgen.

Wenn nationalsozialistische Propaganda im Unterricht behandelt werde, sei es unerlässlich, dass zu Beginn eine Kontextualisierung stattfinde – dass die Lehrer den Schülern also klarmachen, warum sie diese Dinge behandeln, erklärte Stoffers. „Wenn hier eine Unsicherheit bestanden hat, die zu einer Anzeige führte, ist diese Einordnung möglicherweise nicht erfolgreich didaktisch vermittelt worden.“

Aktuell arbeite die Schulaufsicht mit der Schulleitung an der vollständigen Klärung des Unterrichtsablaufs, sagte Stoffers. Bisher gebe es keine Anhaltspunkte, dass disziplinarische Maßnahmen nötig seien. Die Schule setze sich mit dem Fall intensiv auseinander und werde Schüler und Eltern informieren.

Laut Polizei konnten bisher die Schüler nicht befragt werden, da die Schule die Namensliste des betreffenden Kurses nicht herausgebe. Nach Angaben der Bildungsverwaltung stellt sich dies anders dar: Das Landeskriminalamt habe am 24. März ein Auskunftsersuchen an die Schule gestellt. Der Schulleiter habe daraufhin einen Termin gemacht, an dem die Schüler in der Schule hätten befragt werden können. Diesen Termin habe die Polizei nicht eingehalten. Der Fall werde jetzt der Staatsanwaltschaft übergeben, sagte Polizeisprecher Redlich.

Wer war eigentlich Horst Wessel?

Das Horst-Wessel-Lied war zunächst ein Kampflied der SA und wurde später zur Parteihymne der NSDAP. Der Text stammt von dem SA-Mann Horst Wessel, der 1930 von Mitgliedern des Roten Frontkämpferbundes getötet worden war. Die Nationalsozialisten stilisierten ihn zum Märtyrer. 1933 wurde Friedrichshain in Horst-Wessel-Stadt umbenannt, und der Bülowplatz (heute nach Rosa Luxemburg benannt) wurde zum Horst-Wessel-Platz.

Horst Wessel wurde auf dem St.-Marien- und St.-Nikolai-Friedhof I in Prenzlauer Berg begraben. Nach der Wende Treffpunkt von Rechtsextremen und Ziel linker Attacken, wurden die Reste des Grabes 2013 entfernt.

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