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Betrugsverfahren eingestellt : "Waldjunge Ray" kommt mit 150 Stunden Arbeit davon

Robin van H., der als "Waldjunge Ray" die Behörden in Berlin zehn Monate lang an der Nase herumführte, wird nicht wegen Betrugs bestraft. Der Niederländer hatte mit einer abenteuerlichen Geschichte Sozialleistungen in Höhe von 30.000 Euro erschlichen.

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Robin v. H. im Gerichtssaal: Der 21-Jährige machte als "Waldjunge Ray" Schlagzeilen.
Robin v. H. im Gerichtssaal: Der 21-Jährige machte als "Waldjunge Ray" Schlagzeilen.Foto: dpa

Der als „Waldjunge Ray“ bekannt gewordene Robin aus den Niederlanden, der über Monate die Berliner Behörden narrte, wird nach seinen Lügen nicht bestraft. Ein Betrugsverfahren um erschlichene Sozialleistungen in Höhe von knapp 30 000 Euro ist am Donnerstag nach kurzem Prozess vor einem Jugendgericht eingestellt worden. Der 21-jährige Robin van H. wurde jedoch angewiesen, 150 Stunden gemeinnützige Arbeit zu leisten. Zudem soll er an Beratungsgesprächen teilnehmen, um die Sache aufzuarbeiten. Zur Einstellung sei es gekommen, weil der Schaden für den Steuerzahler gering gewesen sei, sagte Gerichtssprecher Tobias Kaehne. Hätte der damals Obdachlose sein wahres Alter angegeben, wäre er als Erwachsener mit Leistungen in ähnlicher Höhe unterstützt worden.

Ein unbekannter Junge erschien am Roten Rathaus

Die Geschichte begann am 5. September 2011. Ein Unbekannter erschien mit Rucksack und Zelt am Roten Rathaus in Berlin-Mitte. Auf Englisch berichtete er von einem abenteuerlichen und traurigen Schicksal, das die Gemüter rührte. Er sei 17 Jahre alt und heiße Ray, tischte er den Beamten auf. Seinen Nachnamen sowie seinen Herkunftsort kenne er nicht. Er sei mit seinem Vater jahrelang durch Wälder gewandert. Sie hätten in Zelten oder in Höhlen geschlafen. Als sein Vater im August 2011 starb, habe er ihn in einer Grube unter Steinen beerdigt. An den Ort könne er sich allerdings nicht mehr erinnern. Seine Mutter sei bei einem Autounfall gestorben, als er zwölf Jahre alt war.

Ray sah nicht aus, als käme er aus der Wildnis

Der „Waldjunge“ gab Rätsel auf. Die Polizei hatte Zweifel am Wahrheitsgehalt der Abenteuerstory. Schließlich sah der Junge nicht aus, als käme er aus der Wildnis. Zähne, Hände und Kleidung wirkten recht gepflegt. Er wurde ein Fall für das Jugendamt Tempelhof-Schöneberg. Man brachte ihn in einer Wohngruppe unter. Er bekam ein Taschengeld von 240 Euro im Monat und Deutschstunden. Zwischen September 2011 und Juni 2012 beliefen sich die Kosten auf insgesamt mehr als 3000 Euro im Monat. Der Schwindel flog erst auf, als die Polizei ein dreiviertel Jahr später ein Foto des Unbekannten veröffentlichte. „Ray“ war tatsächlich der bereits volljährige Robin van H. aus dem holländischen Hengelo. Freunde und Verwandte identifiziert ihn.

Unter großem Medienandrang wurde nun über die mögliche Schuld des Lügners und die angemessene Reaktion der Justiz verhandelt. Der einst blonde „Waldjunge“ kam pünktlich mit seinem Verteidiger. Der junge Mann hatte sich die Haare dunkel gefärbt und versteckte sein Gesicht hinter einer Zeitung. Doch noch vor Verlesung der Anklage musste die Öffentlichkeit den Gerichtssaal verlassen. So beschloss es die Richterin auf Antrag von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Zum Schutz des zur Tatzeit Heranwachsenden, hieß es. Es sei auch die „Gefahr einer Stigmatisierung und Sanktionierung über die gerichtliche Entscheidung hinaus abzuwenden“, hieß es. Etwa 40 Minuten später verließ Robin van H. kommentarlos den Saal.

Betrugsverfahren gegen Waldjunge Ray wird eingestellt

Der junge Mann sei im Kern geständig gewesen und habe Reue gezeigt, sagte der Gerichtssprecher. Die Entwicklung des Niederländers sei außerdem positiv verlaufen. Der junge Mann ohne Vorstrafen lebe heute in Deutschland und in „geordneten Verhältnissen“. Zu den Motiven für das monatelange Lügen wollte sich der Sprecher nicht weiter äußern. Es hätten aber persönliche Probleme vorgelegen, sagte er lediglich. Wenn Robin van H. die Weisungen der Jugendrichterin erfüllt, wird das Betrugsverfahren endgültig eingestellt.

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