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Farbanschlag : Schillerbar will sich nicht einschüchtern lassen

Rote Farbe soweit das Auge reicht und eingeschlagene Fensterscheiben: In der Herrfurthstraße in Neukölln haben in der Nacht Unbekannte einen Farbanschlag auf die Schillerbar verübt. Die Besitzerin ist schockiert.

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Farbanschlag auf die Schillerbar in Neukölln.Alle Bilder anzeigen
Foto: Axel Gustke
19.06.2012 11:49Farbanschlag auf die Schillerbar in Neukölln.

Die Farbe ist überall. Sie klebt auf der Fassade und auf dem Fenster, sie reicht von der Schillerbar bis zur angrenzenden Bäckerei gleich nebenan. Die Ausmaße: 23 mal drei Meter. Vier Maskierte haben hier in der Herrfurthstraße im Norden Neuköllns die Läden beschmiert und fünf Scheiben eingeschlagen. Zeugen hätten die Unbekannten in der Nacht zu Dienstag gegen zwei Uhr beobachtet, meldet die Polizei. Der Staatsschutz ermittelt; es könnten Gentrifizierungsgegner dahinterstecken.
Für die 33-jährige Geschäftsführerin Juliane Gerroldt, die beide Läden betreibt, kam die Attacke überraschend: „Ich hatte das Gefühl, wir wären gut angenommen im Schillerkiez.“ Anfang April hatte sie mit zwei Partnern in der Herrfurthstraße ihr erstes Geschäft – einen Burgerladen – eröffnet. Anfang Mai kam die angrenzende Bäckerei hinzu. In einer Woche wollten sie die Schillerbar eröffnen.
„Wir lassen uns nicht einschüchtern. Aber wir werden die Eröffnung verschieben müssen“, sagt Juliane Gerroldt. Und die Bäckereiverkäuferin Nadine Kern meint fast schon entschuldigend: „Wir sind keine ausgebufften Geldeintreiber und wollen hier auch kein Imperium aufbauen.“ Seit einem Monat steht die Frau hinter dem Tresen der Bäckerei. Sie freue sich über die vielen aufmunternden Stimmen aus der Nachbarschaft. „Nicht unterkriegen lassen“ – das hat sie am Tag nach der Farbattacke oft gehört. „Das ist ein Angriff auf unseren Kiez“, meint auch ein junger Kunde in der Bäckerei, der seinen Namen nicht nennen möchte. Seit 2003 wohnt er in der Straße. Er schüttelt verständnislos den Kopf, als er in das Loch in der Scheibe fast. Mit den Betreibern hat er sich angefreundet, er findet den Angriff ungerecht. Genauso sieht es auch die seit neun Jahren über dem Bäckerladen wohnende Eveline Ludwig. Sie ist entsetzt und spricht von einer „Sauerei“. „Die Attentäter müssen einen ganz schönen Hass haben“, sagt die 61-Jährige.

In der Vergangenheit hat es in der Gegend ähnliche Vorfälle gegeben, aus Protest gegen die Verdrängung sozial schwacher Einwohner aus ihren Kiezen. Auf einer Hauswand gegenüber der Schillerbar steht seit längerem ein Graffiti, wie man sich gegen Mieterhöhungen wehren kann. Preissteigerungen werden als Vorbote der Gentrifizierung gesehen.
Die rote Farbe wird Juliane Gerroldt erst einmal an der Fassade lassen, sie sucht nach einem passenden Schillerzitat für die Hauswand. In der Auswahl steht: „Jedes Neue, auch das Glück erschreckt.“

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