Prozessauftakt zur Messerstecherei am Oranienplatz : Anwohner fühlte sich von Flüchtling provoziert

Sieben Monate nach einem blutigen Streit vor dem Flüchtlingscamp am Oranienplatz in Kreuzberg steht ein 24-jähriger Anwohner wegen versuchten Totschlags vor Gericht. Nach seiner Version fühlte er sich durch ein „Zischeln“ provoziert.

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Am 17. Juni 2013 gab es eine Messerstecherei am Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz, die jetzt vor Gericht verhandelt wird.
Am 17. Juni 2013 gab es eine Messerstecherei am Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz, die jetzt vor Gericht verhandelt wird.Foto: dpa

Täglich kam Oguz A. am Flüchtlingscamp vorbei. Der 24-Jährige wohnte in der Nähe, er kaufte ein und streifte den Oranienplatz in Kreuzberg bei Spaziergängen. Am 17. Juni aber fühlte er sich durch Bewohner des Flüchtlingscamps provoziert. „Da war ein Zischeln“, sagte A. vor Gericht. Es kam zu Pöbeleien. Bis der türkischstämmige A., der mit seinem Baby im Kinderwagen unterwegs war, auf einen Flüchtling aus dem Sudan einstach und den 27-Jährigen an der Lunge verletzte.

Messerstich löste Tumulte am Oranienplatz aus

Die Messerattacke gab Oguz A. am Donnerstag vor dem Berliner Landgericht zu. Doch den Vorwurf des versuchten Totschlags bestritt er. „Ich wollte ihn in den Arm stechen und traf aus Versehen die Brust“, erklärte der junge Vater. Er habe den Flüchtling lediglich „warnen“ wollen. Er habe einen Schlag mit einer Holzlatte befürchtet, zu seinem Schutz das Messer gezogen. „Es war mein Fehler, dass ich mich provozieren ließ, aber ich wollte auf keinen Fall, dass der Mann stirbt“, so A.

Die Attacke löste Tumulte aus. Holzlatten wurden geschwungen, Steine flogen. Rund 200 Personen versammelten sich in kurzer Zeit – Camp-Mitglieder auf der einen Seite, Angehörige von A. auf der anderen, zudem viele Schaulustige. Die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an. Etwa 250 Polizisten waren im Einsatz. Die Wut habe sich gegen eingetroffene Familienmitglieder des zunächst flüchtigen Täters gerichtet, hieß es. Bewohner des Camps kritisierten danach die Polizei. Beamte seien hart vorgegangen.

Anwohner fühlte sich in seiner Ehre verletzt

Was den Konflikt auslöste, ist allerdings umstritten. Oguz A. will ein Zischeln aus einer fünfköpfigen Gruppe als ein Angebot zum Drogenkauf verstanden haben. Das habe ihn, der mit dem Baby und zudem mit seinem Vater unterwegs war, „in der Ehre verletzt“. Er habe „nicht freundlich“ reagiert, den angeblichen Zischer gefragt: „Schämst du dich nicht?“ Im Streit habe man sich auch rassistische Beleidigungen an den Kopf geworfen, nach seiner Version gegenseitig. Der Streit sei eskaliert. Um einen Schlag mit einer Latte abzuwehren, habe er zugestochen.

Die Version des Verletzten aber ist eine ganz andere. Er gab bei der Polizei zu Protokoll, er habe ruhig auf einer Bank gesessen und sei wie aus dem Nichts heraus attackiert worden. Die Anwältin des Sudanesen sagte: „Was das Motiv war, ist völlig unerklärlich.“ Ihr Mandant leide bis heute an den Folgen der Verletzung. Der Sudanese, der drei Monate vor der Tat nach Deutschland gekommen war und damals im Camp lebte, wird am kommenden Donnerstag als Zeuge aussagen.

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