Arabisch an Berliner Schulen : "Eine Weltsprache, die immer bedeutender wird"

In Berlin kann man Japanisch und Chinesisch lernen, aber kein Arabisch. Die IHK warnt vor Nachteilen für die Wirtschaftsbeziehungen. Ein Interview.

Susanne Vieth-Entus
Christian Wiesenhütter, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK, Jürgen Steltzer, Geschäftsführer der Deutsch-Arabischen Freundschaftsgesellschaft und ehemaliger Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Gerald Miebs, Leiter der Deutschen Schule in Abu Dhabi (v.l.).
Christian Wiesenhütter, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK, Jürgen Steltzer, Geschäftsführer der Deutsch-Arabischen...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

In Berlins Oberschulen kann man rund ein Dutzend Sprachen lernen, aber kein Arabisch. Warum wollen Sie das ändern?
STELTZER: Arabisch wird weltweit von etwa 300 Millionen Menschen gesprochen in den 22 Staaten der Arabischen Liga. Auch im Hinblick auf unser politisches und wirtschaftliches Interesse wäre es nützlich und eigentlich auch überfällig, dass wenigstens an einer weiterführenden Schule Arabisch als Fremdsprache angeboten wird. Man muss bedenken, dass von den 22 Staaten mindestens die Hälfte riesige Ressourcen hat.

Es ist doch durchaus üblich, sich in Politik und Wirtschaft auf Englisch zu verständigen.
STELTZER: Sicher. Aber auf politischem, wirtschaftlichem oder kulturellem Gebiet ist bei den Arabern die persönliche Bekanntschaft sehr wichtig. Wenn ein deutscher Politiker oder Geschäftsmann auch nur ein wenig Arabisch kann, ist das ein großer Türöffner.

Welchen Stellenwert haben denn die arabischen Staaten für die Berliner Wirtschaft?
WIESENHÜTTER: Der Anteil der arabischen Staaten an den Berliner Ausfuhren hat sich zwischen 2002 und 2012 fast vervierfacht und hatte zuletzt ein Volumen von fast 1,7 Milliarden Euro. Wir haben viele Unternehmen mit jahrelangen Beziehungen in Richtung Arabien. Die Delegation, die zuletzt mit dem Regierenden Bürgermeister in den Vereinigten Arabischen Emiraten war, bestand aus über 20 Teilnehmern. Das war die stärkste Delegationsreise mit der größten Wirtschaftsbeteiligung, die in den letzten Jahren von Berlin durchgeführt wurde.

Wie waren die bisherigen Reaktionen auf Ihren Vorschlag in Richtung Arabisch?
STELTZER: Die Schulleiter, mit denen ich gesprochen habe, waren überrascht, dass es noch keine derartige Initiative gibt, konnten aber auf Anhieb auch nicht sagen, für welche Art von Schule das Angebot infrage käme. Sie meinten dann auch, dass das mit dem Image der Araber zu tun haben könnte. Man müsste eine Schule finden, die weltwärtsgewandt ist und offen für solche Dinge. MIEBS: An der deutschen Schule in Abu Dhabi gibt es einen großen Run seitens der emiratischen Kinder. Wir sind inzwischen so weit, dass wir gern mit einem Schüleraustausch anfangen würden – am liebsten mit Berlin. Wenn es hier eine Schule gäbe, an der Arabisch gelehrt würde, könnten die Schüler für ein Jahr an unsere Schule kommen und umgekehrt.

Manche Berliner Schule dürfte Angst vor dem Etikett „Araberschule“ haben. Wie wollen Sie das verhindern?
WIESENHÜTTER: Diese Überlegung kann aber nicht im Mittelpunkt stehen. Wichtig ist vielmehr, dass man überhaupt mal anfängt. Wenn die Geschäftsbeziehungen so weiterwachsen wie im Augenblick, dann ist die Sprache natürlich ein Faktor. Wir müssen endlich anerkennen, dass Arabisch eine Weltsprache ist, und wir müssen Schritt halten. Mir ist bei den Gesprächen aufgefallen, mit welchem Einsatz andere europäische Länder mit Arabischkenntnissen nach dort kommen. Mir wurde gesagt: Deutschland hält da nicht Schritt. Zurzeit wird in den Emiraten wie wild Koreanisch gelernt. Korea steht im Fokus der Wirtschaftsbeziehungen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht abgehängt werden.

Das Arabische wird von vielen Berliner Eltern mit Problemfamilien assoziiert. Wenn diese Klientel sich an einer Schule ballt, weil man dort Arabisch lernen kann, werden deutschstämmige Eltern ihre Kinder dort bestimmt nicht hinschicken.
STELTZER: Das Angebot, das mir vorschwebt, richtet sich aber nicht an die arabischstämmigen Schüler, sondern an jene, für die es eine Fremdsprache ist.
Die Erfahrung in Berlin zeigt, dass sich das nicht trennen lässt: In den Schulen mit Russisch als Fremdsprache etwa gibt es viele Aussiedler, die Russisch als Muttersprache sprechen und sich dann in der Schule gern eine „Eins“ in Russisch abholen.
MIEBS: Ich denke, die Schule sollte zweigleisig fahren und Arabisch sowohl für Muttersprachler anbieten als auch als Zweitsprache.

WIESENHÜTTER: Man wird Zeit und Geduld brauchen. Vor allem müssen wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Arabisch eine Weltsprache ist, die immer bedeutender wird.

Welche Schritte stellen Sie sich vor, um Arabisch an einer oder mehreren Berliner Schulen als Fremdsprache einzuführen?
STELTZER: Sehr hilfreich wäre es , wenn Schulen von sich aus Interesse bekunden. Dann könnten wir mit den zuständigen Berliner Stellen im Senat, im Abgeordnetenhaus und in den Bezirksämtern über die Umsetzung sprechen.

Die Fragen stellte Susanne Vieth-Entus

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