Drastischer Anstieg : 3800 Kinder in Berlin von der Schulpflicht zurückgestellt

Dieses Schuljahr wurden sehr viel mehr Kinder von der Schulpflicht zurückgestellt als im Vorjahr. Die alarmierenden Zahlen zeigen, dass Berlins Sonderweg immer umstrittener wird. In der Hauptstadt sitzen auch Kinder in den Schulbänken, die fünf Jahre und sieben Monate alt sind.

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Berlin geht einen Sonderweg, hier werden Kinder teilweise sehr früh eingeschult.
Berlin geht einen Sonderweg, hier werden Kinder teilweise sehr früh eingeschult.Foto: dpa

Wesentlich mehr Kinder als im Vorjahr sind in diesem Jahr auf Antrag der Eltern von der Schulpflicht zurückgestellt worden. Ihre Zahl stieg auf rund 3800, was einer Steigerung um 45 Prozent gegenüber den 2600 Fällen von 2012 entspricht. Dies ergab eine Umfrage des Tagesspiegels in allen Bezirken. Die Gesamtzahl der Erstklässler stieg im Vergleichszeitraum nur um rund sieben Prozent. Das Abgeordnetenhaus wird sich an diesem Donnerstag mit dem Antrag des grünen Abgeordneten Özcan Mutlu befassen, die Schulpflicht um drei Monate zu verschieben. Dies würde bedeuten, dass weniger Fünfjährige eingeschult werden müssten. Die SPD hat schon Ablehnung signalisiert.

Teil der Erstklässler fünf Jahre und sieben Monate alt

An der Spitze der Rückstellungsanträge steht weiterhin Pankow mit über 600 Fällen. Das ist überproportional viel, selbst wenn man berücksichtigt, dass der Bezirk mehr Schüler hat als andere Bezirke. In den übrigen Bezirken liegt die Zahl der zurückgestellten Kinder zwischen 200 und 380.

Angesichts der Weigerung des Senats, das Einschulungsalter anzuheben, sagte Mutlu am Mittwoch, die  „Kopf-in-den-Sand-Politik“ des Senats sei „verantwortungslos“ und beschädige die Bildungskarrieren von Kindern: „Wir fordern den Senat auf, die Blockade aufzugeben, Berlins Sonderweg zu beenden und die Früheinschulung abzuschaffen“. Der Bildungspolitiker schlägt vor, dass nur noch die Kinder im Sommer eingeschult werden müssen, die bis zum 30. September sechs Jahre alt werden. Bislang liegt der Stichtag am 31. Dezember. Das bedeutet, dass ein Teil der Erstklässler erst fünf Jahre und sieben Monate alt ist.

Berlin ist das einzige Bundesland, das Kinder deutlich unter sechs Jahren einschult. Der Senat verfolgt damit das Ziel, die Kinder früher zu erreichen, die zu Hause keine Förderung erhalten und mangels Kitapflicht nur durch eine Schulpflicht erfasst werden können. Kritiker der Früheinschulung warnen allerdings, dass verspielte Kinder und Spätentwickler die Lust am Lernen verlieren, wenn sie zu früh in das schulische Korsett gesteckt werden. Angesichts der zunehmenden Skepsis der Eltern und auch des Koalitionspartners  CDU  hat Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) eine Auswertung der Früheinschulung in Auftrag gegeben. Außerdem soll es mehr Aufklärung über die Möglichkeit von Rückstellungen geben. Bislang erfahren nur bildungsinteressierte Eltern von dieser Option. Dennoch steigt die Zahl der Anträge immer mehr an. Hier die Einzelergebnisse der Bezirke für das aktuelle Schuljahr 2013/14 in alphabetischer Reihenfolge. In Klammern die Zahl der Rückstellungen zum Schuljahr 2012/13:

Charlottenburg-Wilmersdorf  - 259 (208)

Friedrichshain-Kreuzberg - 305 (207)

Lichtenberg – 350 (243)

Marzahn-Hellersdorf – 340 (265)

Mitte – 300 (199)

Neukölln - 360 (219)

Pankow – 608 (385)

Reinickendorf – 240 (159)

Spandau – 282 (212)

Steglitz-Zehlendorf - 230 (184)

Tempelhof-Schöneberg – 380 (206)

Treptow-Köpenick – über 200 (199)

 

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