Eltern protestieren : Ganztagsschulen in Berlin: Viel zu oft viel zu voll

"Hilfe, wir platzen!": Eltern an Grundschulen protestieren, weil die Horte überfüllt sind. Ein neues Bündnis für Ganztagsschulen will helfen.

Julia Bernewasser
Kinder für mehr Platz. Malte, Eddi, Mats und Tjak mit Plakat.
Kinder für mehr Platz. Malte, Eddi, Mats und Tjak mit Plakat.Foto: Julia Bernewasser

Eddi steht vor dem backsteinroten Klinkerbau. Die Kapuze hat der Siebenjährige weit über die Ohren gezogen, die Hände in der Tasche vergraben, als er zu lesen beginnt: „Kinder brauchen ... Plaz ... für Bildung.“ Tatsächlich steht da „Plaz“ – auf dem weißen Transparent, das über der Fensterbank hängt. Geplant hatte sie diesen Rechtschreibfehler ja nicht, erklärt seine Mutter Andrea Lakeberg. Er habe sich irgendwie eingeschlichen. „Aber passt doch auch, oder?“, sagt sie und muss lachen.

So nicht gewollt und doch für alle sichtbar – die Entwicklung an der Schule an der Victoriastadt in Lichtenberg lässt sich ähnlich beschreiben. Es ist ein diesiger, kalter Berliner Nachmittag, als Eltern und Schüler beschließen: Jetzt reicht es! Sie stehen vor dem massiven Klinkerbau, haben Plakate gebastelt, die sie in den dämmernden Himmel emporstrecken. Ganz vorne mit dabei sind Andrea Lakeberg und Claudia Engelmann. Eine starke Elternvertretung hat sich an der Schule formiert. Ihre Forderungen haben sie auf wenige Worte reduziert. „Hilfe, wir platzen!“, „Infrastruktur mitdenken!“, steht da in weißer Schrift auf den rot leuchtenden Schildern. Sie wollen demonstrieren, aufmerksam machen, nicht länger im Regen stehen. Für ihre Kinder. Für ihre Zukunft. Für etwas, das die ganze Stadt angeht. „Es passiert auf Kosten nachwachsender Generationen“, betont Claudia Engelmann.

Berlin hat ein Problem bei den Ganztagsschulen – sagen Elternvertreter, Organisationen und Gewerkschaften. Es mangele an Platz, Atmosphäre und Personal. „Die Schulen sind auf sich allein gestellt. In dieser Stadt fehlt es an pädagogischen Konzepten und Visionen“, sagt Doreen Siebernik, Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Deshalb soll es nun ein Bündnis für den Ganztag geben. Freie Träger, Verbände und der Landeselternausschuss wollen sich – ähnlich wie beim Kita-Bündnis – für eine Verbesserung im Schulalltag einsetzen.

Das Klassenzimmer ist auch Hortraum

Ein Blick in den Klassenraum des Erstklässlers Tjak: Mappen und Kisten, Klebebänder und Stiftedosen stapeln sich im Regal an der Wand. Ein Projektor wirkt lieblos in die Ecke gestellt, neben dem schmalen Garderobenhaken. Will man das Fenster öffnen, müssen Töpfe, Kreiden und Bastelarbeiten von der Fensterbank weichen. Der Weg zum Pult am oberen Ende des Raumes gleicht einem Slalom durch Stühle und Schulranzen. In diesem Raum verbringt der Junge manchmal acht Stunden am Tag. Am Vormittag lernt er in dem Zimmer Mathematik, Lesen, Schreiben. Am Nachmittag soll er hier seine Freizeit verbringen. „Es gibt keine Lagermöglichkeiten, keine Rückzugsmöglichkeit. Alles ist knapp bemessen“, sagt Tjaks Mutter Claudia Engelmann. Es ärgert und beunruhigt sie, wenn sie sieht, wie sich ihr Sohn in einer Ecke des Klassenraums zurückzieht und dort für sich alleine spielt. „Er kommt mit dem Lärm hier nicht klar“, sagt Engelmann. „Der ist eine enorme Belastung für ihn.“

Klassenraum gleich Hortraum. Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, beobachtet dieses Konzept kritisch: „Viele Stunden am Stück in einem Raum. Das darf nicht sein. Und gesund ist es auch nicht.“ Er verweist auf ein Papier der Senatsbildungsverwaltung zu „Eckpunkten für die Ganztagsschulentwicklung“, in dem es heißt: „Es gibt erkennbare und möglichst voneinander abgetrennte Bereiche, u. a. Ruhe-, Bewegungs-, Spiel- und Arbeitsbereiche.“ Das Papier sei aber leider nur als Richtlinie zu sehen und nicht verpflichtend.

In der Lichtenberger Grundschule gibt es inzwischen nur noch fünf Räume, die den Schülern ab der zweiten Klasse ausschließlich als Horträume offen stehen; darunter ein Bauraum, eine Puppenstube, ein Spielraum. Diese Zimmer sind sehr viel geräumiger, offener und geordneter als die Klassenräume. „Das wird aber von Jahr zu Jahr weniger“, sagt Claudia Engelmann. Sie rechnet vor: Aktuell gehen rund 400 Kinder zur Schule an der Victoriastadt. Etwa 280 bleiben zur Nachmittagsbetreuung. Dadurch werden fast alle Klassenzimmer als Horträume benötigt. Und es werde bald noch voller: Im neuen Schuljahr erwarte man fünf oder sechs neue erste Klassen, aber nur zwei sechste Klassen verlassen die Schule. „So kann das nicht weitergehen. Irgendwann muss ein Deckel drauf“, sagt die Elternvertreterin. Noch dramatischer ist es in der Giesendorfer Grundschule in Lichterfelde. Hier protestieren Eltern, weil 170 Schüler in einem Hortgebäude untergebracht sind, das nur für 70 Schüler ausgelegt ist.

GEW: "Platz an den Schulen ist aufgebraucht"

„Berlin ist eine wachsende Stadt und der Platz in den Schulen ist aufgebraucht. Beim Bau waren Ganztagsschulen noch nicht vorgesehen“, sagt GEW-Chefin Siebernik. Schule habe sich verändert – von einem Lern- zu einem Lebensort.

Und was sagt die Senatsbildungsverwaltung? „Den Schulen gelingt es unterschiedlich erfolgreich, die Ziele einer Ganztagsschule umzusetzen“, teilt eine Sprecherin mit. Entsprechende empirische Erhebungen gebe es nicht. Genau eine solche Evaluation wünscht sich Doreen Siebernik. Sie sei längst überfällig. „Und wir brauchen Menschen, die den Ganztag strategisch weiterentwickeln.“

Der Protest der Eltern der Schule an der Victoriastadt wird gehört. Man prüfe einen neuen Schulstandort an der Hauptstraße 8/9, teilt Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Wilfried Nünthel (CDU) mit. Das Ergebnis liege erst im Mai vor. Zufriedenstellend ist das für Claudia Engelmann nicht: „Das Problem wurde bisher verschleppt. Jetzt braucht es ein Konzept und keine Flickschusterei“, sagt sie und zieht sich die Mütze etwas tiefer. So schnell lässt sie nicht locker.

"Bei manchen Schulen ist die Betreuung lieblos": Lesen Sie hier ein Interview mit einem Berater des Ganztagsschulverbands.

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