Für den Deutschen Schulpreis nominiert : Anna-Essinger-Schule: Lernen – ganz nach Laune

Die Anna-Essinger-Schule aus Steglitz-Zehlendorf ist für den Deutschen Schulpreis nominiert. Was macht sie so besonders?

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Von Anfang an dabei. Schulleiterin Eva Schmoll.
Von Anfang an dabei. Schulleiterin Eva Schmoll.Foto: Georg Moritz

Daumen hoch, Daumen runter, wie ist die Stimmung? Jeden Morgen, wenn die Schüler der Gemeinschaftsschule in Lichterfelde in ihrem Klassenzimmer angekommen sind, überlegen sie erst mal, wie sie sich fühlen. Der Tag beginnt mit einem Morgenkreis. Das kennt man aus der Kita und vielleicht aus der Grundschule, aber klappt das auch mit Jugendlichen an einer Oberschule? Ja, und zwar sehr gut, sagt Schulleiterin Eva Schmoll: „Wir alle funktionieren ja nicht jeden Tag gleich gut. Wenn die Schüler sich wahrgenommen fühlen, hilft das schon viel.“ Geht es jemandem nicht so gut, dann fragen die Lehrer, ob sie etwas tun können – und bringen bei Halsweh eine Tasse Tee und eine Wärmflasche bei Bauchschmerzen.

Der Morgenkreis ist nicht die einzige Besonderheit an dieser Schule, die jetzt für den Deutschen Schulpreis nominiert ist (siehe Kasten rechts). In den Klassen lernen Siebtklässler zusammen mit Acht-, Neunt- und Zehntklässlern. Noten gibt es erst ab Klasse neun. Und wenn die Schüler Lust haben, gehen sie auf den Flur und lernen dort – oder spielen eine Viertelstunde Tischtennis auf dem Hof.

Präventiv arbeiten, nennt das Schulleiterin Eva Schmoll. Wenn sich ein Kind nicht mehr konzentrieren könne, dann helfe es nicht, wenn man ihm sage: „Jetzt konzentriere dich doch mal.“ Viel besser sei dann eine Auszeit, und noch besser, wenn der Schüler das selbst merkt und sich beim Lehrer abmeldet.

Vertrauen in die Schüler, Wertschätzung, Eigenverantwortung, darauf wird an dieser Schule Wert gelegt. Zwei Standorte gibt es, die Grundschule ist in Zehlendorf, ab der siebten Klasse geht es in Lichterfelde weiter. Seit 2010 wachsen sie in einem Pilotprojekt zu einer Gemeinschaftsschule zusammen. Bis vor Kurzem hieß die Oberschule Nikolaus-August-Otto-Schule und die Grundschule, zehn Kilometer entfernt, Grundschule am Rohrgarten. Künftig haben sie einen gemeinsamen Namen: Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule. Am 24. Juni ist die offizielle Fusionsfeier. Und schon 2017 machen die ersten Schüler Abitur.

Bis dahin war es ein weiter Weg – und so wird die Fusion wohl die Krönung der Karriere von Schulleiterin Eva Schmoll. 66 Jahre alt ist sie, sie arbeitet seit 1973 an der Nikolaus-August-Otto-Schule und will noch so lange bleiben, bis die ersten Schüler das Abiturzeugnis in der Hand haben. Als sie anfing, war die Nikolaus-August-Otto-Schule eine Hauptschule, und zwar eine für „die schweren Fälle“: für Heimkinder, missbrauchte Kinder, Kinder mit ADHS und Lernstörungen. „Wir heißen benachteiligte Schüler willkommen“, war das Credo der Schule. Bald merkten sie, dass sie mit Frontalunterricht nicht weit kamen. Deshalb stellten sie das Konzept um, wurden zu „Ottos Lernwerkstatt“, mit kleinen Gruppen, Jahrgangsmischung, mit verbalen Beurteilungen statt Noten, mit verpflichtenden Seminaren für die Eltern. Die Ämter empfahlen die Schule, die Anmeldezahlen waren hoch, die Abschlussquote gut. Und dann kam die Schulstrukturreform, und die Nikolaus-August-Otto-Schule sollte mit einer eher leistungsorientierten Realschule fusionieren. Die Schule fürchtete um ihr Konzept.

Die Lösung kam dann aus Zehlendorf. Die Grundschule am Rohrgarten arbeitete nach den Prinzipien der Montessori-Pädagogik (siehe Kasten unten), und die Eltern dort wollten, dass ihre Kinder dieses Konzept auch in der Oberschule fortführen könnten – aber fanden erst keine passenden Räumlichkeiten. So wurden sie auf die Nikolaus-August-Otto-Schule aufmerksam. Dass dort jedes Kind individuell gesehen und gefördert wird, überzeugte die Eltern, erzählt die Leiterin der Grundschule, Ulrike Michalsen-Burkardt. Obwohl es natürlich auch Vorbehalte gab. Würden die akademisch geprägten Eltern aus Zehlendorf es wagen, ihre Kinder an die ehemalige Hauptschule zu schicken, in einen Schulversuch mit ungewissem Ausgang? Sie würden. Und sie kämpften weiter, erreichten bald, dass die Schule eine gymnasiale Oberstufe aufbauen durfte. Das Konzept ging auf: Von den rund 40 Schülern, die im nächsten Jahr Abitur machen, hatten nur vier eine Gymnasialempfehlung.

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