Ganztagsbetreuung an Berliner Grundschulen : Schülerläden fordern Wahlfreiheit

Der Senat wollte sie loswerden, aber sie ließen sich nicht unterkriegen: Jetzt haben die Schülerläden eine Kampagne gestartet.

von
Ganz schön gemütlich: Nach der Schule treffen sich die Kinder im Schülerladen "Känguruh" in der Urbanstraße.
Ganz schön gemütlich: Nach der Schule treffen sich die Kinder im Schülerladen "Känguruh" in der Urbanstraße.Foto: Susanne Vieth-Entus

Sie heißen Brausepulver, Knalltüten, Schmuddelkinder oder Biberzahn, und sie sind ein ganz besonderes Kapitel Westberliner Geschichte, das eigentlich längst beendet sein sollte: Die Rede ist von Schülerläden, die einst aus der linken Bewegung entstanden und 2005 ausgerechnet vom rot-roten Senat abgewickelt wurden: Über 200 Schülerläden verschwanden, nur 30 konnten sich behaupten. Jetzt soll gegengesteuert werden.

„Berlin braucht Schülerläden“, nennt sich eine neue Kampagne, die sich für eine Wahlfreiheit der Eltern bei der Nachmittagsbetreuung einsetzt: Sie sollen selbst entscheiden können, wem sie ihre Kinder anvertrauen. Das ist die Kernforderung, mit der die Initiative an die Parteien herantritt: Die Wahl zum Abgeordnetenhaus soll genutzt werden, um Unterstützer aus der Politik zu gewinnen. Manche von ihnen wissen vielleicht nicht einmal, dass es noch Schülerläden gibt.

Tatsächlich sind sie aus dem Straßenbild fast verschwunden: Wer nicht gerade in Kreuzberg oder in Schöneberg – etwa in der Crellestraße – wohnt, wird sie kaum kennen. Man muss schon genau hinsehen, um die kleinen Räume hinter den Erdgeschossfenstern wahrzunehmen.

Die Reinhardswaldschule arbeitet mit zehn Schülerläden zusammen

Gar nicht zu übersehen sind die Schülerläden allerdings für denjenigen, der sich der Kreuzberger Reinhardswald-Grundschule nähert: Sie ist gewissermaßen umzingelt von zehn Schülerläden. Um die Mittagszeit sitzen ein paar Erzieher und Erzieherinnen in der Sonne auf dem Schulhof, um „ihre“ Kinder in Empfang zu nehmen und in die umliegenden Schülerläden zu begleiten: Egal, wie viele Unterrichtsstunden die Kinder haben: Sie werden individuell abgeholt.

So macht das auch der Schülerladen Känguruh in der Urbanstraße: Es ist gegen 13 Uhr, als einer der Erzieher mit einer Gruppe von rund zehn Kindern eintrudelt. Drinnen wartet schon Ellen Meister mit einem einzigen Schüler, der früher Schulschluss hatte. Die Erzieherin ist so begeistert von der Schülerladenidee, dass sie sich ganz besonders um die Kampagne kümmert. „Manche denken, wir wären eine Opposition zum Hortbetrieb in den Schulen, aber das stimmt nicht: Wir sind zwei Seiten einer Medaille“, sagt sie. Die Wahlfreiheit, die die Eltern an Schulen wie der Reinhardswald-Schule haben, empfindet sie als „großes Geschenk“, das die Schule den Eltern mache und das der Schule wiederum einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Schulen verschaffe.

Kleine Gruppe. Erzieherin Ellen Meister begrüßt ihre Schülerladenkinder im "Känguruh".
Kleine Gruppe. Erzieherin Ellen Meister begrüßt ihre Schülerladenkinder im "Känguruh".Foto: Susanne Vieth-Entus

Rund 500 Meter vom Känguruh-Laden entfernt sitzt Schulleiter Werner Munk in seinem Büro an der Gneisenaustraße und erzählt, wie es damals gelang, den Eltern diese Wahlfreiheit zu erhalten: Ein aufreibender Kampf, der in einer Großveranstaltung in der Passionskirche gipfelte, und bei dem sich der eigenwillige damalige Oberschulrat Gerhard Schmid plötzlich und unerwartet auf die Seite der Schule und der Eltern stellte, erinnert sich Munk. Das war deshalb so wichtig, weil die Schulen auf die Zustimmung der Bildungsverwaltung angewiesen waren – und sind – , wenn sie mit Schülerläden kooperieren wollen.

2005 gab es zu viele Erzieher

Der rot-rote Senat hatte 2005 mehrere Gründe, die Schülerläden zu bekämpfen, glaubt Roland Kern vom Dachverband der Kinder- und Schülerläden (Daks). Dazu zählte ein Erzieherüberhang in den staatlichen Kitas: Das Personal musste bezahlt werden, hatte aber nichts zu tun. Die Verwaltung wollte, dass sie in den Schulhorten eingesetzt wurden, denn anders als die Schülerläden waren die Horte meist in öffentlicher Trägerschaft.

Ein anderer wichtiger Grund für das Herausdrängen der Schülerläden bestand darin, dass der Senat einer Entmischung der Schüler entgegensteuern wollte. Die Schülerladeneltern galten aufgrund der Vorgeschichte der Schülerladenbewegung als bildungsnah und zumeist akademisch: Deren Kinder sollten nach dem Willen der Sozialdemokraten den gesamten Schultag mit den bildungsferneren Kindern verbringen und nicht schon um 12 Uhr ihre eigenen Wege in Richtung Schülerläden gehen.

„Das ist ein uralter SPD-Fehler in der Bildungspolitik, der meist mit der Nivellierung nach unten endet“, bedauert Werner Munk. Er sagt, dass man der sozialen Entmischung zwischen dem gebundenen Ganztagsbetrieb im Hort und dem Schülerladen entgegenwirken kann, indem man den Hort attraktiv macht.

Der Hort hat länger auf

„Wir haben keine Angst vor der Konkurrenz der Schülerläden“, lautet denn auch das selbstbewusste Statement des Hortleiters in den Räumen der Schule: „Die Durchmischung klappt“. Für viele berufstätige Eltern seien die langen Öffnungszeiten von 6 bis 18 Uhr wichtig, die der Hort – im Gegensatz zu den Schülerläden – biete. Bei den Infoabenden für die Eltern würden beide Betreuungsmodelle vorgestellt, zwischen denen die Familien dann frei wählen könnten.

Die Schülerläden werben damit, dass sie familiärer sind, selbst kochen und aufgrund der wenigen Kinder – etwa 20 pro Einrichtung – flexibler sind, um Ausflüge zu machen und kreativ zu arbeiten. Zudem können die Kinder den Nachmittag in komplett anderer Umgebung fern ihrer Klassenzimmer verbringen, während die Platzprobleme der Grundschulen dazu führen, dass immer mehr Zeit auch am Nachmittag in den Unterrichtsräumen verbracht werden muss. Gerade erst hat das neue Bündnis „Qualität im Ganztag“ mehr Raum und mehr Personal gefordert, weil die Situation in vielen Berliner Ganztagsgrundschulen „schlecht bis dramatisch“ sei.

Die Bildungsverwaltung hält dennoch an ihrer Linie fest, Schülerläden nur ausnahmsweise zuzulassen, „denn die mit dem Ausbau der Ganztagsschulen verbundene Hoffnung auf mehr Bildungserfolg und Bildungsgerechtigkeit entspricht nicht der Auslagerung des Hortes“, teilte Sprecherin Beate Stoffers mit. Auch die „verschiedenen Arten von Doppelnutzung“ von Unterrichtsräumen am Nachmittag seien kein Argument für die Auslagerung. Im Gegenteil: Sie könne „sogar von Vorteil sein“, sofern sie zum Lern- und Förderkonzept der Ganztagsschule passe.

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben