Händchenhalten verboten : In England steigen die Zahlen deutscher Schüler

Es hat wohl mit der Pisa-Studie zu tun, und auch ein bisschen mit dem berühmten Zauberlehrling mit der runden Brille: Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder auf englische, schottische oder walisische Internate – in den vergangenen Jahren hat die Zahl deutscher Schüler dort deutlich zugenommen.

Rita NikolowD

Britische Medien schätzen, dass dort rund 5000 Deutsche lernen. Von denen sicher nicht alle Enid Blytons Internatsbuchreihe „Hanni und Nanni“ gelesen haben, aber viele sicherlich „Harry Potter“.

Davon sind auch die Experten überzeugt, die das Internatsleben dort durchaus realistisch beschrieben finden. „Mit Harry Potter haben diese Schulen gemeinsam, dass man immer einen Ansprechpartner hat – und alle Bildungseinrichtungen vor Ort sind“, sagt Gabriele Jürgens-Till. Sie berät seit vielen Jahren Familien bei der Auswahl des passenden Internats, das für immer mehr Eltern eine Alternative zu den Bildungsangeboten in Deutschland darstellt. „Das deutsche Schulsystem hat nachgelassen, auf den englischen Internaten sind die Klassen kleiner, und die Erziehung ist sehr werteorientiert.“ Und mache die Kinder fit fürs Leben. „Außerdem können die Kinder dort Angebote aus den Bereichen Kunst, Kultur, Musik und Sport nutzen.“ Viele Internate stellen den Schülern in den Bibliotheken Computerarbeitsplätze zur Verfügung und sind außerdem mit einem Schwimmbad oder Tennisplätzen ausgestattet. Außerdem gibt es häufig auch spezielle Kunsträume oder eigene kleine Theater. Und geschlafen wird in den Internaten längst nicht mehr in riesigen Schlafsälen – sondern meist in Vier- oder Zweibettzimmern, manchmal sogar im Einzelzimmer.

Im Jahr müssen Eltern für den Schulbesuch ihrer Kinder auf einem britischen Internat zwischen 25 000 und 30 000 Euro bezahlen. Dafür liegt das Lehrer-Schüler-Verhältnis auf diesen Schulen oft bei eins zu acht, die Räumlichkeiten sind gepflegt und die Lehrer motiviert. Ideal findet die Beraterin einen Aufenthalt von zwei Jahren.

Wer sich das nicht leisten könne, für den sei es „immer noch besser als gar nichts“, die Kinder für einen „Term“, also ein Drittel des Schuljahrs, nach England zu schicken: „Das ist auch kurzfristig möglich, es gibt immer Schulen, die noch Plätze frei haben“, sagt Gabriele Jürgens-Till. Für sehr bekannte Schulen müsse man allerdings eine Vorlaufzeit von etwa einem Jahr einplanen. Durch die Einführung des achtjährigen Gymnasiums käme für deutsche Schüler theoretisch ein Auslandsaufenthalt in den Klassen neun und zehn infrage. Viele Jugendliche, die Gabriele Jürgens-Till vermittelt hat, beginnen später auch ein Studium in Großbritannien: „Ob die Jugendlichen dort bleiben, hängt aber natürlich auch vom Studienfach ab.“

Gabriele Schütter hat ihre Tochter für ein Jahr nach England geschickt – und es nicht bereut, obwohl sie die 25 000 Euro „nicht gerade einfach so übrig“ hatte. „Ich denke, meine Tochter hat in diesem Jahr gelernt, dass gute Bildung nicht selbstverständlich ist, und man deshalb hart arbeiten muss.“

Ihr Kind spreche nun ein „sehr fließendes Englisch“ und wolle nach dem Abitur unbedingt zurück nach Großbritannien. „Sie hat auf dem Campus sehr viele internationale Freunde gefunden, mit denen sie immer noch regelmäßig Kontakt hat.“ An ein paar Dinge musste sich die Tochter damals allerdings gewöhnen: „Händchenhalten war auf dem Campus nicht erlaubt, und von der Schulleitung auch nicht gerne gesehen, wenn meine Tochter mit ihrem Freund durch die Fußgängerzone spaziert ist.“ An diese „Spielregeln“ habe sich ihr Kind aber schnell gewöhnt, ebenso an die Schuluniform.

Neben den Deutschen zieht es übrigens auch andere Europäer nach Großbritannien: vor allem Franzosen und Spanier. Nach Ansicht von Experten stärken diese auswärtigen und bildungsorientierten Schüler das britische Privatschulsystem. Denn diese Schulen sind auf die Einkünfte angewiesen. Nicht jeder Brite kann es sich leisten, sein Kind auf ein solches Internat zu schicken. Schüler, die herausragende sportliche oder musikalische Leistungen erbringen, können sich an vielen Schulen aber auch um Stipendien bemühen – durch die sich die Schulgebühren um maximal 50 Prozent senken lassen.

Allen, die ihre Kinder ein bisschen billiger unterbringen möchten, rät Schulvermittlerin Gabriele Jürgens-Till übrigens zu einem anderen englischsprachigen Land: Australien. „Das ist mal was anderes, und vor allem für diejenigen Schüler geeignet, die richtiges Fernweh haben.“ Für Traditionalisten bleibe Großbritannien aber weiterhin die erste Wahl – auch, weil dort schon die Eltern und Großeltern gelernt haben – sicher nicht nur ein feines Englisch. Rita Nikolow

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