Herder-Gymnasium in Berlin : Die Freuden der Mathematik

Am mathematisch orientierten Herder-Gymnasium in Charlottenburg müssen sich Schüler viele Inhalte selbst erarbeiten. An der Uni sind sie deshalb beliebt.

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Experimentell. Schüler des Herder-Gymnasiums in einer Physikstunde. Foto: Thilo Rückeis
Experimentell. Schüler des Herder-Gymnasiums in einer Physikstunde.Foto: Thilo Rückeis

Mit seiner Freude an Mathematik war Björn Daase in der Grundschule meistens allein. Am Herder-Gymnasium in Charlottenburg, das er seit der fünften Klasse besucht, habe er Gleichgesinnte gefunden, erzählt der Elftklässler, und „sehr gute Lehrer“, die auch außerhalb des Unterrichts fördern. Björn hat zum Beispiel gemeinsam mit einem Mitschüler einen Algorithmus entwickelt, um ein beliebtes Denkspiel, bei dem man eine Kette vieler kleiner Würfel zu einem großen Würfel zusammenfalten muss, zu erleichtern. Das macht das Spiel einfacher.

Selbstständiges Lernen wird am mathematisch-naturwissenschaftlich orientierten Herder-Gymnasium großgeschrieben. „Nur selbst denken macht schlau“, lautet das Motto der Schule. Das bereitet Schülern wie Björn, die sich nach Förderung sehnen, Freude am Unterricht und macht die Abiturienten unter Uni-Professoren beliebt. Entsprechend dem pädagogischen Grundsatz der Schule sind die Schüler häufig angeleitet, sich die Lerninhalte selbst zu erarbeiten, erzählt Björn. In Mathe leiten die Schüler zum Beispiel häufig Beweise her. In Deutsch kann es sein, dass sie ein Gedicht analysieren sollen, ohne dass im Unterricht vorab besprochen wurde, wie man das macht. Er schlage dann selbst erst mal nach, wie man so eine Analyse schreibt und dann erst mache er sich an den Text.

Auch die zwölfjährige Annika hat sich früher im Unterricht häufig gelangweilt. Am Unterricht der Schule gefällt ihr, dass nun auch Raum für grundsätzliche Fragen sei: „Wo ist das Ende eines Lochs?“ zum Beispiel. Oder ob man eine Zwei tatsächlich sehen kann – oder nur das Zeichen für eine Zwei? Eine Stunde Anfahrt mit den Öffentlichen oder zwölf Kilometer mit dem Rad nehmen manche Schüler in Kauf, um hierher zum Unterricht zu kommen.

Doch was die Schule auszeichnet ist zugleich ein Teil ihres Problems: Mit der besonderen Förderung in Mathematik und Naturwissenschaften hatte die Schule zuletzt Schwierigkeiten, mit dem allgemeinbildenden Profil in den übrigen Klassen zu überzeugen und genügend Schüler für diese „Stammklassen“ zu gewinnen. Das hat auch mit der hohen Dichte an öffentlichen Gymnasien und Privatschulen in Charlottenburg und der Umstellung auf das zwölfjährige Gymnasium zu tun, die Sekundarschulen zur entspannteren Alternative auf dem Weg zum Abi machen. Die Schule will aber auch bei ihrem Angebot nachbessern: Ab nächstem Schuljahr soll ein zweiter Leistungskurs in einer Fremdsprache angeboten werden sowie ein weiterer Wahlpflichtkurs, sagt die stellvertretende Schulleiterin Cornelia Ansprenger. Schon jetzt kann man an der Schule neben Englisch, Französisch und Latein auch Chinesisch lernen. Es gibt neben der Schach-AG auch Theater- und Musik-AGs und ein Bienenprojekt.

Nicht allen Schülern fällt die Umstellung auf die Profilklassen leicht: Der 13-jährige Kristoffer erinnert sich an die Tränen, als er zum ersten Mal in Mathe und Deutsch eine Vier bekam – nach all den Einsen in der Grundschule. Die Schule steht trotz des steigenden Drucks, für NC-Fächer an der Uni möglichst gute Noten zu sammeln, zu ihrem Benotungskonzept: Wer zu hundert Prozent richtig wiedergibt, was der Lehrer im Unterricht vorgemacht hat, der bekommt eine Zwei. Für eine Eins muss man Aufgaben selbst weiterdenken und etwas Eigenes einbringen, erklärt Lehrer Falk Ebert. Insgesamt ist der Abi-Schnitt am Herder-Gymnasium leicht besser als der Berliner Durchschnitt von 2,4.

Später an der Uni erkennt sie die Schüler des Herder-Gymnasiums unter den Studierenden, sagt Elke Warmuth vom Institut für Mathematik der Humboldt Universität, die das Netzwerk der Berliner Schulen mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Profil leitet. Die Schüler hätten gelernt, selbstständig zu arbeiten und es auch auszuhalten, wenn sie ein Problem nicht innerhalb von fünf Minuten lösen, sondern vielleicht mal dreißig Minuten dafür brauchen. Besonders angesichts der hohen Abbrecherquoten unter Bachelorstudenten sei das ein Qualitätskriterium.

Die Schüler entwickeln auf jeden Fall auch Selbstbewusstsein für ihr Wissen und Können: Julius Wachlin aus der 10p zum Beispiel ist ein sehr guter Nachhilfelehrer. Schon mehrere seiner Freunde von anderen Schulen hat er in Mathe auf eine Eins oder Zwei gebracht, erzählt er. Dabei hat er selbst in Mathe eine Drei. „Bei uns ist eine Drei gut“, sagt er ohne Anzeichen von Panik.

Info-Abend für fünfte Klassen: 2.12., 19 Uhr; für die siebten Klassen 3.12., 19 Uhr; Tag der Offenen Tür am 24.1.2015 von 9.30 Uhr bis 13.30 Uhr. Westendallee 45–46.

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