Holocaust-Erinnerung : Berliner Jugendliche erforschen Schicksal jüdischer Schüler

1938 wurden die letzten jüdischen Schüler in Berlin „ausgeschult“. Ihr weiteres Schicksal ist in vielen Fällen noch nicht geklärt. Viele Schulen kennen erst Bruchstücke ihrer NS-Geschichte.

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Schulen in Berlin fangen an, über das Schicksal ihrer jüdischen Schüler nach 1933 zu forschen.
Schulen in Berlin fangen an, über das Schicksal ihrer jüdischen Schüler nach 1933 zu forschen.Foto: dpa

Warum gibt es an unserer Schule vor der Aula eine Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges und im Hof ein Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges, aber keines für die Opfer des Nationalsozialismus? Wie könnten wir an diese erinnern? Und an wen eigentlich? Mit diesen Fragen begannen 15 Schüler der Schiller-Oberschule in Charlottenburg im März dieses Jahres die Geschichte der ehemaligen jüdischen Schüler zu recherchieren. Seit mehreren Jahren schon besuchen die jeweils zehnten Klassen das Haus der Wannseekonferenz, um sich über die NS-Verbrechen zu informieren. Regelmäßig finden Schülerreisen nach Israel statt. Was aus den eigenen Schülern nach 1933 wurde, als die Nazis an die Macht und in die Schulleitungen kamen, war bislang aber nur in Bruchstücken bekannt. Bei einer Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht wurden Namenslisten und Kurzbiografien verfolgter und ermordeter Schüler präsentiert und an die NS-Opfer sowie ihre Angehörigen erinnert. Wie auch an anderen Berliner Schulen wurden im November 1938 am Schiller-Gymnasium die letzten jüdischen Schüler auf Anordnung des Berliner Oberbürgermeisters ausgeschult. An der Schiller-Schule waren es noch acht.

Juden mussten die Schule wechseln oder flüchteten ins Ausland

Auf rund 220 Jungennamen kam die AG „Erinnern an ehemalige Schüler des Schiller-Realgymnasiums“. Diese mussten laut alten Zugangs- und Abgangsbüchern als Juden die Schule wechseln oder flüchteten in das Ausland. Von zehn ehemaligen Schülern ist bekannt, dass sie in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet wurden. Konnten die Schüler emigrieren, wurden häufig die in Deutschland gebliebenen Eltern und Familienmitglieder ermordet. Ein ehemaliger Schüler geriet in Gestapo-Haft und nahm sich das Leben. Der 1921 geborene Berthold Winter, der als „Ehrenschüler“ an der diesjährigen Gedenkveranstaltung der Schiller-Oberschule teilnahm, musste im Oktober 1933 auf die Jüdische Mittelschule in Mitte wechseln. 1936 flüchtete er über Österreich nach Argentinien. 1964 kehrte er zurück nach Berlin, wo er als Buchhändler arbeitete. Zur Schule hatte er bis vor zwei Jahren, als ihn eine interessierte Schülerin ausfindig machte, keinen Kontakt.

Berthold Winter, der bis 1933 Schüler am Schiller-Gymnasium war, im Gespräch mit heutigen Schülern.
Berthold Winter, der bis 1933 Schüler am Schiller-Gymnasium war, im Gespräch mit heutigen Schülern.Foto: privat

Was ist aus den jüdischen Schülern nach 1933 geworden?

In vielen Fällen ist das weitere Schicksal noch nicht geklärt. „Die Recherche ist sehr aufwendig“, sagt Elke Gryglewski vom Haus der Wannseekonferenz, die gemeinsam mit Initiatorin Sabine Puchstein vom Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an der Schiller-Oberschule die AG leitet. Allein 20 bis 30 Karteikästen mit Zugangs- und Abgangskarteien von Schülern fand man im Landesarchiv Berlin, dazu alte Klassenbücher und Meldelisten. Viele der Schüler hielten so zum ersten Mal reale Dokumente aus der NS-Zeit in den Händen. Die Recherche kann nicht alleine von Schülern in ihrer Freizeit geleistet werden, sagen Gryglewski und Puchstein. Man brauche Hilfe von Profis in Archiven und Gedenkstätten, um den Kontext der gefundenen Dokumente zu verstehen.

Es ist oft in der Freizeit, dass einige Engagierte an Berliner Schulen versuchen, die NS-Geschichte und Biografien ehemaliger Schüler zu rekonstruieren. Ein Überblick, welche Schüler wann von welchen Schulen vertrieben wurden, liegt auch der Senatsverwaltung nicht vor.

Schulen in Berlin beginnen sich mit den jüdischen Schülern zu beschäftigen

An der Walther-Rathenau-Schule, die früher Grunewald-Gymnasium hieß, haben die ehemalige Schulleiterin Ute Kniepen und die ehemalige Lehrerin Marga Quiring mit Helfern im Laufe von zehn Jahren 200 Abmelde-Briefe jüdischer Eltern aus dem Jahr 1933 in Buchform zugänglich gemacht. Ein Drittel der Schüler des Grunewald-Gymnasiums war damals jüdischen Glaubens. Die Briefe erzählen von erzwungenen Schulwechseln und Wegen in die Emigration, das weitere Schicksal der Schüler ist oft unbekannt. Auch die „Schwarzen Listen“ der Schulleitung, in der Schüler in „Volljuden“, „Halbjuden“, „Frontkämpfer“ und „Ausländer“ eingeteilt wurden, sind dokumentiert. Die übrigen Dokumente der Schule hat der damalige Schulleiter 1945 verbrannt.

An der Löcknitz-Grundschule in Schöneberg, in deren Hof eine jüdische Synagoge stand, verwahrt und pflegt die Schulleiterin Christa Niclasen eine seit 1898 kontinuierlich von den Schulleitern geführte Schulchronik. Die Namen der verfolgten Kinder waren der Schule aber lange nicht bekannt, weil ihre Karteikarten fehlten. Erst über die Jahrzehnte meldeten sich Ehemalige und Zeitzeugen wieder bei der Schule. Waren im Schuljahr 1934/35 noch 132 von 782 Schülern jüdischen Glaubens, besuchten 1936/37 nur mehr 56 jüdische Schüler die Schule. Im Schuljahr 1937/38 waren es elf. Die Verbliebenen wurden, so ein Eintrag vom 10.11.1938, laut Verfügung „sofort vom Unterricht beurlaubt“. Deutschen Lehrern könne nicht mehr zugemutet werden, schreibt der damalige Schulleiter, jüdische Kinder zu unterrichten, noch könne von deutschen Kindern verlangt werden, mit jüdischen Kindern in einer Klasse zu sitzen.

Zentraler Teil des Projektes an der Schiller-Oberschule war auch eine Studienreise zu ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagern in Polen, um an die Ermordeten zu erinnern. Im laufenden Schuljahr soll nun auf dem Schulhof ein Denkmal für die verfolgten Schüler entstehen. Einer der bisherigen Entwürfe sieht einen Tisch vor, auf den in jüdischer Tradition Steine für die Toten gelegt werden können. Und ein Besuch bei Berthold Winter ist auch geplant.

Das Heimatmuseum Hermsdorf zeigt in einer Sonderausstellung noch bis zum 31. Januar 2014 eine Dokumentation über die medizinischen Verbrechen an Kindern in der Städtischen Nervenklinik für Kinder zwischen 1941 und 1945. (13467 Berlin, Alt-Hermsdorf 35, geöffnet täglich außer Samstag von 9 bis 17 Uhr)

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