Interview mit Kult-Lehrerin : Frau Freitag ist Berlinerin

In den Schulen der Republik ist sie bekannt wie ein bunter Hund, aber kaum jemand kennt sie: Eine anonyme Lehrerin unterhält mit ihren Berichten aus dem sozialen Brennpunkt eine große Leserschaft.

Das ist nicht Frau Freitag. Weil die 44-jährige Lehrerin unerkannt bleiben will, ist dies nur ein Symbolbild.
Das ist nicht Frau Freitag. Weil die 44-jährige Lehrerin unerkannt bleiben will, ist dies nur ein Symbolbild.Foto: ddp

Deutschlands bekannteste Lehrerin ist Berlinerin, aber bis heute wusste das niemand. Warum war das ein Geheimnis?
Damit man nicht denkt ,typisch Berlin‘. Damit die Leute wissen, dass das alles überall passieren kann.

Offensichtlich hat das funktioniert. Tausende verfolgen täglich im Internet ihren Blog, über 200 000 haben Ihr Buch gelesen. Wie erklären sie sich diesen Erfolg – vor allem unter den Lehrern?

Ich denke, dass sich viele wiedererkennen und das Gefühl haben, dass sie nicht mehr so allein sind mit ihren Erlebnissen, den positiven wie negativen. Aber nicht nur Lehrer sind dabei. Es schreiben mir auch Leute aus anderen Berufen.

Was war der Auslöser für den Blog?

Dass ich so gestresst war von meiner Klasse und mir von der Seele schreiben wollte, was so passiert. Ich hatte so etwas im Internet gesucht und nicht gefunden. Ich wollte mal schreiben, was nicht so klappt. Ich wollte mich im Scheitern solidarisieren. Ich denke, das macht auch den Erfolg aus: Man kann täglich miterleben, was passiert, und dann sind die Leute gespannt, wie ich den Konflikt löse.

Sie verstehen sich als Tippgeberin?

Manchmal schon. Aber ich habe natürlich auch nicht für alles eine Lösung. Ich kann auch nur sagen, was bei mir geklappt hat. Ich bin schon sehr froh, wenn ich mal was gefunden habe, was gut läuft.

Bloggen Sie täglich?

Im ersten Jahr schon. Das war 2009, da war der Leidensdruck größer, und es ist mehr passiert in meiner damaligen Klasse. Jetzt habe ich eine neue siebte Klasse, die ist ruhiger. Da passiert nicht mehr so viel. Jetzt schreibe ich nicht mehr am Wochenende.

Bald erscheint Ihr neues Buch. Was erwartet die Leser?

Es geht um das letzte Schuljahr meiner alten Klasse. Sie sind erwachsener geworden. Es geht um den Schulalltag, aber auch darum, was ich ihnen in den vier Jahren mitgeben konnte.

Sind sie als Lehrerin mit dem Ergebnis zufrieden?

Menschlich bin ich schon zufrieden. Wichtig war mir immer, dass sie hier ankommen als Deutsche, dass sie sich zugehörig fühlen. Am Anfang hat mal ein Schüler gefragt, wer Ausländer ist, und da sind die alle aufgestanden. Und dann habe ich gefragt, wer hier geboren ist. Da sind auch fast alle aufgestanden. Vielen fiel es aber schwer zu sagen, ich bin deutsch. Das ist jetzt anders geworden.

Woher wissen Sie das?

Am Ende der Schulzeit haben viele meiner Schülerinnen und Schüler gesagt, dass hier ihre Heimat ist und sie sich als Deutsche fühlen, auch wenn sie Kopftuch tragen und vielleicht anders aussehen. Dass sie sich zugehörig fühlen und keine Ausländer sind. Ich versuche, die Gemeinsamkeiten zu betonen. Man muss jetzt sehen, was aus ihnen wird. Die brauchen noch Zeit, die reifen noch nach.

In Berlin gibt es über 1550 dauerkranke Lehrer. Warum gerade hier?

Ich glaube einfach, dass es härter ist, hier zu arbeiten. Durch die Einstellungspolitik der letzten Jahrzehnte fehlen junge Lehrer. Es ist anstrengend, vor einem Haufen Jugendlicher zu stehen. Und dazu noch die vielen Reformen.

Was schlagen Sie vor?

Man sollte an Brennpunktschulen die Unterrichtsverpflichtung senken. Dann würden weniger Lehrer krank. Stattdessen sollte es eine Präsenzpflicht geben, damit man sich um die Schüler kümmern kann. Die Zeit für den einzelnen Schüler fehlt, weil man von Stunde zu Stunde hetzt. Es gibt Schüler, da weiß man ganz genau, dass mehr herauskäme, wenn man sich mehr kümmern könnte. Unsere Schüler lernen sehr stark für den Lehrer. Wenn sie ihn mögen, machen sie mit. Deshalb muss man an Sekundarschulen viel mehr an der Beziehungsarbeit tun. Man muss sich mit ihnen hinsetzen und zum Beispiel darüber sprechen, was man tun kann, damit sie pünktlich in die Schule kommen.

Würden Sie lieber an einem Gymnasium arbeiten?

Nein. Ich setze mich gern mit unseren Schülern auseinander. Ich freue mich morgens auf die Schule. Die Schüler empfinden ihre Klasse als eine Art Familie.

Aber ihre Klasse, die Sie in Ihrem Buch und im Blog beschreiben, ist doch ziemlich schwierig gewesen – eine richtige Brennpunktklasse.

Klar war es schwierig. Sie haben viel geschwänzt und sich gegenseitig in ihren Leistungen runtergezogen. Trotzdem war ich gern ihre Klassenlehrerin.

Viele Lehrerinnen berichten, dass ihnen vor allem Jungen aus Migrantenfamilien aufgrund ihres Frauenbildes respektlos begegnen. In Ihrem Blog spürt man davon nichts.

Man muss sofort auf so etwas reagieren. Dann ist das gegessen.

Interview: Susanne Vieth-Entus

DER BESTSELLER

„Chill’ mal, Frau Freitag. Aus dem Leben einer unerschrockenen Lehrerin“, lautet der Titel, mit dem die Berliner Pädagogin seit März 2011 auf der Spiegel-Bestseller-Liste steht. Der Nachfolgeband „Voll streng, Frau Freitag“, erscheint am 13. Juli.

DER BLOG

Bekannt geworden war die Autorin schon vorher durch ihren Blog, den sie seit 2009 schreibt (http://fraufreitag.wordpress.com).

DIE AUTORIN

„Frau Freitag“ ist ein Pseudonym. Die 44-jährige Lehrerin will unerkannt bleiben.

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