Jugendliche und Rauschmittel in Berlin : Experten: Schulen tun zu wenig gegen Cannabis-Konsum

In vielen Bundesländern sind Drogendelikte an Schulen gestiegen. In Berlin soll jeder zweite Jugendliche Erfahrung mit Cannabis haben, sagen Experten. Sie fordern mehr Prävention.

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Nur ein Joint? Kiffen ist bei Jugendlichen weitverbreitet.
Nur ein Joint? Kiffen ist bei Jugendlichen weitverbreitet.Foto: Imago

Auf Deutschlands Schulhöfen hat die Rauschgiftkriminalität in den vergangenen Jahren teils drastisch zugenommen. Das geht aus Zahlen der Landeskriminalämter und der Innenministerien hervor. In Baden-Württemberg etwa hat sich die Zahl der Drogendelikte am Tatort Schule fast verdreifacht. 2011 waren es noch 348, 2015 dagegen 939 Fälle. In den meisten Fällen geht es um Handel und Konsum von Cannabis. Ähnliche Entwicklungen kommen aus Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen und Sachsen.

Für Berlin jedoch liegen keine aktuellen Zahlen vor. Die neuesten Zahlen kommen aus der polizeilichen Kriminalstatistik. Die wurde in diesem Jahr noch nicht veröffentlicht, sodass sich die Zahlen des letzten Berichts auf das Schuljahr 2014/15 beziehen. 64 Rauschgiftdelikte sind darin verzeichnet, die im Umfeld der Schule zur Anzeige gebracht wurden. Im Vergleich zum Vorjahr, als 134 Fälle angezeigt worden waren, ein Rückgang von 52,2 Prozent. Aufschluss auf die aktuelle Entwicklung geben diese Zahlen aber kaum, zumal die Dunkelziffer bedeutend höher liegen dürfte.

Jüngling fordert Präventionsunterricht zu Cannabis

"In jeder weiterführenden Berliner Schule wird zumindest Cannabis konsumiert", sagt Kerstin Jüngling von der Fachstelle für Suchtprävention in Berlin. Studien und Befragungen zufolge habe bereits jeder zweite Oberschüler in Berlin Erfahrung mit Cannabis gemacht. Auch Amphetamine seien im Kommen, so Jüngling. Sie kritisiert, dass Schulen die Problematik tabuisieren und nicht thematisieren würden. "Schüler werden in Berlin nicht geschützt", sagt sie und bemängelt fehlende Präventionsarbeit.

Zwar gibt es in allen Bezirken seit einem Jahr einen sogenannten Cannabis-Koffer mit weitreichendem Infomaterial, aber dieser werde von den Schulen nicht genutzt, so Jüngling. "Wir hören oft das Argument, dass man keine Präventionsarbeit gegen eine illegale Droge machen könne", berichtet die Sozialpädagogin. Sie fordert deshalb eine Verankerung von Präventionsunterricht zum Thema Cannabis im Lehrplan. "Wenn es eine öffentliche Diskussion über die Legalisierung von Cannabis gibt, brauchen wir auch eine Diskussion über Prävention."

Den Jugendlichen sollen die schädlichen Folgen verdeutlicht werden

Gegen den Vorwurf, dass Berlins Schulen zu wenig gegen Cannabis-Konsum machen, wehrt man sich bei der Senatsverwaltung für Bildung. "Das Thema Suchtprävention wird an verschiedenen Stellen in den neuen Rahmenlehrplänen behandelt", sagt Sprecherin Beate Stoffers. So behandle man im Zusammenhang mit Drogenmissbrauch im Fach Biologie Bau und Funktion des Nervensystems, und im Ethikunterricht diskutiere man die Frage: "In welchem Zusammenhang stehen Drogen mit dem Freiheitsverlangen des Menschen?" Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) betont, dass es in Schulen Hilfsangebote gebe: "Wenn Schüler betroffen sind, können sie sich zum Beispiel an die Vertrauenslehrkraft oder den Klassenlehrer wenden."

Prävention fordert auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Sie hält nichts von Legalisierungsideen: "Ich lehne die Freigabe des Konsums zu Freizeitzwecken ab". Eine Legalisierung würde von Jugendlichen als "staatliche Unbedenklichkeitsbescheinigung" aufgefasst werden – und genau das sei nicht der Fall, sagt die Politikerin: "Den Jugendlichen muss vermittelt werden, dass Cannabiskonsum keineswegs harmlos ist und sie mit Cannabiskonsum ihr Gehirn in einer besonders sensiblen Lebensphase schädigen."

Cannabis-Konsum nicht verteufeln: "Es fehlt eine offene Diskussion"

Kerstin Jüngling will Cannabis-Konsum dagegen explizit nicht "verteufeln", sondern fordert einen anderen Umgang mit dem Thema. "Es fehlt eine offene Diskussion", kritisiert sie. Ein gelungenes Vorbild für einen maßvollen Umgang mit dem Thema Drogen sieht sie in der Präventionsarbeit bei Alkohol und Tabak. "Dort sind die Zahlen in Berlin unter den Bundesdurchschnitt gefallen."

Dass es in Berlin keine aktuellen Zahlen gibt, findet Joschka Langenbrinck, Bildungsexperte der SPD, "unglücklich". Seit vier Jahren stellt er parlamentarische Anfragen, um Zahlen zur Schulgewalt zu bekommen. Dort sind für das Schuljahr 2015/16 17 Fälle von Suchtmittelkonsum und vier Fälle von deren Handel verzeichnet. Zumindest die erste Zahl ist jedoch wenig repräsentativ, weil dieses Delikt dem Gefährdungsgrad 1 zugeordnet wird, der Vorfälle auflistet, die die Schulen nicht melden müssen. "Das zeigt einmal mehr, dass es Sinn macht, auch Delikte des Gefährdungsgrades 1 meldepflichtig zu machen", sagt Langenbrinck. Dies will Senatorin Scheeres nun evaluieren lassen. Langenbrinck argumentiert, dass man den Schulen nur helfen könne, wenn man wisse, wie es vor Ort aussehe. "Wir brauchen da einfach wieder Mut zur Wahrheit." (mit dpa)

Einen Kommentar zum Thema Jugendliche und Drogen lesen Sie hier: "Legal oder illegal ist nicht die Frage".

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