Kranke Lehrer an Berliner Schulen : 30.000 Unterrichtsstunden müssen pro Woche vertreten werden

Jahrelang hat Berlin keine jungen Lehrer eingestellt – das rächt sich durch eine hohe Ausfallquote. Hier erklären wir die Ursachen.

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Heute wird nichts gelernt: Wenn Unterricht ausfällt, ist meist der Lehrer krank. Andere Grüne fallen weniger ins Gewicht.
Heute wird nichts gelernt: Wenn Unterricht ausfällt, ist meist der Lehrer krank. Andere Grüne fallen weniger ins Gewicht.Foto: dpa

Rund 30.000 Unterrichtsstunden pro Woche müssen in Berlin wegen Erkrankungen der Lehrkräfte vertreten werden. Die Krankenquote liegt bei knapp zehn Prozent, ohne dass es an den Schulen eine feste Vertretungsreserve gäbe. Die Krankmeldungstage summieren sich auf 36 pro Jahr. Improvisieren ist angesagt, zumal Klassenfahrten, Nachwuchsmangel, zentrale Prüfungen und Fortbildungen die Lage noch weiter verschärfen. Bei Eltern verdichtet sich der Eindruck, dass der Unterrichtsausfall völlig aus dem Ruder läuft. Sie wollen insbesondere wissen, wie der hohe Krankenstand zu erklären ist und was man dagegen tun kann.

Ist der Krankenstand bei den Lehrern besonders hoch?

Mit den genannten 36 Tagen – Wochenenden inklusive – lagen Berlins Lehrer, wie berichtet, 2013 knapp unter dem Schnitt des gesamten öffentlichen Dienstes. Somit nehmen Berlins Lehrer keine Sonderrolle ein. Hoch ist der Krankenstand allerdings im Vergleich zu anderen Branchen, in denen die Krankenkassen Zahlen wie 15 oder 17 Krankentage im Bundesschnitt nennen. Dies liegt zum Teil daran, dass die Krankenkassen nur die Tage zählen, für die Krankmeldungen vorliegen, während im öffentlichen Dienst alle Krankentage gezählt werden. Zudem ist die Krankenquote in Berlin generell rund zehn Prozent höher, weil hier vor allem die langwierigen psychischen Erkrankungen häufiger sind. Darüber hinaus hat Berlins öffentlicher Dienst im Zuge der Sparrunden jahrelang kaum Nachwuchs eingestellt. Dadurch ist der Altersschnitt drastisch angestiegen. Im Schulbereich wurde diese Entwicklung noch durch den Geburtenknick verschärft: Der dadurch entstandene Lehrerüberhang hat dazu geführt, dass auf Neueinstellungen noch länger als im übrigen öffentlichen Dienst verzichtet wurde.

Wie wirkt sich das Alter auf den Krankenstand aus?

Diese Frage lässt sich etwa mit Hilfe der Techniker Krankenkasse beantworten. Ihre Mitglieder sind im Schnitt 14,7 Tage krank, die 50- bis 54-Jährigen aber 18,4 Tage. Bei den 55- bis 59-Jährigen sind es 22,8 und bei den 60- bis 64-Jährigen 25,2 Tage. Es hat also nichts mit dem öffentlichen Dienst zu tun, wenn die Krankenquote mit dem Alter erheblich ansteigt.

Warum sind verbeamtete Lehrer öfter dauerkrank als angestellte?

Auch hier spielt das Alter die entscheidende Rolle: Die angestellten Lehrer sind im Schnitt wesentlich jünger, weil Berlin seit einigen Jahren Lehrer nicht mehr verbeamtet. Wie groß der Unterschied ist, zeigen Zahlen der Bildungsverwaltung: Die Angestellten sind im aktuellen Schuljahr im Schnitt 41,2 Jahre alt, die Beamten aber 54,1. Damit sind sie genau in dem Alter, in dem die Zahl der Dauerkranken rapide steigt. Dies belegt der Gesundheitsbericht 2013: Dort ist zu lesen, dass die Quote der Dauerkranken nur zwischen 0,4 und 2,6 Prozent liegt, solange die Lehrer unter 50 sind. Bei den über 60-Jährigen ist bereits jeder Zehnte betroffen. Da es in dieser Altersgruppe wenig Angestellte gibt, ist nicht verwunderlich, dass sie in der Dauerkrankenstatistik keine Rolle spielen. Vergleicht man die Lehrer mit den Erziehern und den Sozialarbeitern, die an Schulen tätig sind, fällt auf, dass der Unterschied nicht übermäßig ist: Bei den Lehrern liegt die Dauerkrankenquote bei 4,7 Prozent, beim übrigen pädagogischen Personal bei 3,3.

Was tut der Senat?

Angesichts des besonders hohen Krankenstandes im öffentlichen Dienst haben sich die Senatsverwaltung für Inneres und der Hauptpersonalrat im Jahr 2007 auf ein ganzes Paket von Maßnahmen geeinigt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Dazu gehören auch Mitarbeiterbefragungen. In über 50 Prozent der Verwaltungen hat es diese Befragungen inzwischen gegeben, in der Bildungsverwaltung allerdings nur in Ansätzen: In Mitte gab es eine Pilotbefragung. Die Fortsetzung in den anderen Bezirken scheitert bisher am Geld: Eine Befragung von rund 30.000 Lehrern ist nicht umsonst zu haben, zumal sie auf den Schulbereich speziell zugeschnitten werden muss. Die Bildungsverwaltung teilte auf Anfrage mit, dass das nötige Geld für den Haushalt 2016/17 beantragt werden soll. Vielleicht könne man „mit drei Bezirken auch schon in diesem Sommer starten“, will Beate Stoffers, die Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), nicht ausschließen.

Was bemängeln die Lehrer?

Auch ohne flächendeckende Mitarbeiterbefragungen ist schon jetzt vieles darüber bekannt, was die Lehrer als krank machend empfinden: Vor allen anderen Gründen benennen die meisten Lehrer die gestiegene Zahl an Unterrichtsstunden und die großen Klassen sowie die als „immer schwieriger“ eingeschätzten Schüler. Wichtige Informationen sind auch den Schulbegehungen zu entnehmen, die im Rahmen des Arbeitsschutzes gesetzlich vorschriebenen sind. Zu den immer wieder genannten Problemen gehört der Lärm: Die Akustik in vielen Räumen und insbesondere in den Turnhallen ist schlecht, und Geld für Lärmschutz ist angesichts des Sanierungsstaus von zwei Milliarden Euro knapp. Auch die hygienische Situation wird als Belastung benannt: Die Sparmaßnahmen der letzten Jahre haben dazu beigetragen, dass die Schulen immer schmutziger werden. Infektionskrankheiten leistet das Vorschub.

Welche Rolle spielt der Sanierungsstau?

Bei den Arbeitsschutzbegehungen weisen Lehrkräfte nicht nur auf Dreck und fehlende Lärmdämmung hin. Auch Schimmel spielt eine Rolle: Die undichten Dächer und Fenster begünstigen die Bildung des gesundheitsschädlichen Stoffs. Auch defekte oder fehlende Jalousien können zur Belastung werden, weil etwa die Arbeit am Beamer wegen zu starker Sonneneinstrahlung kaum möglich ist. Wenn dann endlich Gelder für Sanierungen bewilligt werden, kommen neue Belastungen durch die Bauarbeiten hinzu, die sich – wegen schlechter Planung – oftmals jahrelang hinziehen.

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