Lernen in Berlin: Projekte statt Pauken : Schülerausstellung über den Abiturjahrgang 1961

Geschichtsunterricht mit laufender Kamera: Das geteilte Berlin ist Pflichtstoff in Klasse 10, aber eine Schule machte mehr draus – eine Ausstellung mit Zeitzeugeninterviews.

von
Wie war das denn? Dasha (2.v.r.) und ihre Mitschüler im Zeitzeugengespräch.
Wie war das denn? Dasha (2.v.r.) und ihre Mitschüler im Zeitzeugengespräch.Foto: privat

Wie fern heutigen Gymnasiasten die Lebenswelt der Abiturienten von 1961 ist, macht Dasha deutlich. Wenn auch unabsichtlich. Die Schüler von damals seien zwar, aufgeschreckt durch den Mauerbau mitten in ihrer Stadt, irgendwie politischer gewesen als heute, sagt sie, aber im Grunde hätten auch die vor allem Spaß haben wollen: Freunde treffen, ausgehen, tanzen, „zu Elton John oder so“.

Elton John?

Dasha schaut zu Bettina Tacke. Nicht Elton John?

Tacke sagt: „Elvis Presley.“

Ach so, na ja, aber auch mit E.

Elton John und Elvis Presley, aus der Sicht der um 2000 Geborenen ist das alt und vergangen wie Schiller und Lessing. Wer nicht extra lernt, was es mit den Namen auf sich hat, weiß es nicht, unbedingt begegnen muss es einem nicht mehr. Begegnet sind Dasha und ihre Mitschüler aber Abiturienten von damals. Fünf Männern und einer Frau, heute alle über 70 Jahre alt, die im Mauerbaujahr an der Käthe-Kollwitz-Schule in Pankow Abitur gemacht haben und vor der Frage standen: schnell noch rüber oder im Osten bleiben? Käthe Kollwitz ist die Schule, auf die Dasha und die anderen gehen.

„Heute trifft damals“ und lässt sich erzählen. Das war die Idee, die im Rahmen einer Projektwoche umgesetzt wurde, unter Leitung von Bettina Tacke vom Geschichtsverein Nord-Ost. Tacke stellte die Kontakte zu den 1961er Absolventen her, und die Schüler von heute haben sich Fragen überlegt, Interviews geführt und Ton- und Bildaufnahmen gemacht. Sie haben Einblicke in die Geschichte ihrer Stadt bekommen, die sie zeitgleich im Unterricht behandelt haben, und erlebt, was die für jene ist, die dabei gewesen sind.

Im Gästebuch der Ausstellung wird die "gelebte Geschichte" gelobt

Aus dem Material ist eine biografische Ausstellung entstanden: „Klassentreffen. Berliner Lebenswege 1961–2015“, in der die sechs Schüler von damals vorgestellt werden. Sortiert nach verschiedenen Fragen – von Lebensbedingungen über Mauerbau und die Zeit danach – zeigen Schautafeln und Videofilme, die man über Kopfhörer hören kann, ein Panorama jener gar nicht so vergangenen und doch schon fernen Zeit. „Gelebte Geschichte“ haben die bisherigen Besucher bereits mehrfach lobend ins Gästebuch geschrieben.

Das kann Dasha nur bestätigen. „Im Geschichtsbuch lese ich nur die Fakten, aber nichts über die Menschen“, sagt die 16-Jährige. Das sei durch das Projekt anders geworden. In den Gesprächen mit den Zeitzeugen sei es oft „so emotional“ gewesen. Wenn etwa Gerrit Logé mit ihnen zur Sonnenallee gefahren ist und davon erzählt hat, wie 1961 die Straße geschlossen wurde, und er 1989 am selben Ort erlebte, wie die Mauer wieder fiel. „Das hat mir die Augen geöffnet.“

Seite 1 von 2 Artikel auf einer Seite lesen

0 Kommentare

Neuester Kommentar