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Ostschüler in West-Berlin : Die Mauer kam dazwischen
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Für Karin und ihren Freund Karl-Heinz Albert steht sofort fest: Wir gehen. Alles dreht sich um die Suche nach einer Fluchtmöglichkeit. Sie streifen an der Grenze herum, halten Ausschau nach einem Schlupfloch. Eines Tages steht Karins Schulfreund Dieter Wohlfahrt vor der Tür, fragt: „Wollt ihr rüber?“ – „Ja“, sagt Karin. Zu sechst, mit Karins Familie, fliehen sie in der Nacht zum 3. Oktober durch einen Abwasserkanal zwischen Mitte und Kreuzberg.

Dieter Wohlfahrt hat 1960 sein Abitur am Bertha-von-Suttner-Gymnasium gemacht, 1961 studiert er bereits an der TU. Er hat einen österreichischen Pass – und darf die Grenze passieren. Fast täglich fährt er mit dem Motorrad nach Ost-Berlin, besucht Bekannte, bietet Hilfe an. Dutzenden verhilft der 19-Jährige mit Kommilitonen zur Flucht; im Westen angekommen, helfen auch Karin und Karl-Heinz Albert der Gruppe. Vor den Augen von Karl-Heinz Albert wird Dieter Wohlfahrt am 9. Dezember in Staaken von Grenzpolizisten erschossen.

„Ich hatte mir große Sorgen um Dieter gemacht“, sagt Ruth Wellmer. „Er war so mutig, gefährlich mutig.“ Die heute 86-Jährige war am Bertha-von-Suttner-Gymnasium jahrzehntelang Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Für viele ihrer Ostschüler war sie noch viel mehr.

In den Tagen nach dem 13. August 1961 klingelt Dieter Wohlfahrt auch an ihrer Tür am Roseneck. Sie besprechen die Situation. Was man machen könne. Dass man helfen müsse. Genau weiß sie es heute nicht mehr, aber wahrscheinlich ist er es, der den Gedanken in ihr weckt: Ich muss etwas tun. Sie zögert nicht.

Ruth Wellmer war Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Für viele Schüler war sie noch viel mehr.
Ruth Wellmer war Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Für viele Schüler war sie noch viel mehr.Foto: Joachim Musehold (privat)

Schnell sind ausländische Studenten gefunden, die bereit sind, ihre Pässe zu verleihen. Die Lehrerin fährt damit nach Ost-Berlin, bringt Schüler aus mehreren Ostklassen in der S-Bahn über die Grenze. Später, als West-Berliner die Grenze nicht mehr passieren dürfen, wartet sie im Auto an den Kanaldeckeln auf der Westseite und „sammelt auf, was rauskommt“. Schüler, die nicht wissen, wohin, nimmt sie erst einmal bei sich auf. „Wir sind manchmal mit 20 Leuten bei ihr reingeplatzt“, erzählt Karin Albert. „Dann drückte sie einem von uns 20 Mark in die Hand und schickte ihn zum Metzger, dass er für alle Essen besorgt.“

„Es war eben das, was man damals tun musste“, sagt Ruth Wellmer, ruhig und bestimmt. Eines will sie nicht: dass man sie idealisiert, heroisiert. Ob sie Angst hatte damals? Sie lächelt die Frage weg. „Natürlich hatte ich Angst. Aber man war ja an die Angst gewöhnt.“

Die Angst ist es auch, die die Klasse auseinanderstieben lässt. Von 38 Abiturienten fliehen zwölf, drei bleiben im Osten, die übrigen waren am 13. August schon im Westen. Nahezu alle Kontakte reißen ab, Freundschaften zerbrechen. Über die eigene Flucht wird geschwiegen – auch aus Angst vor dem langen Arm des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. „Jeder hatte mit seiner eigenen Biografie zu tun“, sagt Ruth Wellmer. Sie selbst gibt lange nichts preis über ihre Rolle bei der Flucht ihrer Schüler. Das West-Abitur bestehen die Ostschüler übrigens alle: Wer nicht zur mündlichen Prüfung erscheinen kann, bekommt das Zeugnis später per Post.

Sie richten sich ein in ihren neuen Leben. Karin studiert Religionspädagogik, zieht mit Karl-Heinz erst nach Friedenau, später nach Ruhleben, bekommt zwei Kinder. Jürgen Schleicher studiert Volkswirtschaftslehre, eröffnet einen Buchladen in Dahlem-Dorf, wo er mit seiner Familie auch wohnt.

Klaus Richter arrangiert sich mit dem real existierenden Sozialismus.

In den Tagen nach dem 13. August 1961 wird auch er gefragt, ob er fliehen will. Er schlägt das Angebot aus. „Ich hatte nicht den Mut dazu“, sagt er. „Dann hätte ich vielleicht meine Familie nie wieder gesehen.“ Er ist das einzige Kind, die Großeltern, die Freundin – sie alle leben im Osten. Er kann und will seine Heimat nicht aufgeben. Die Eltern sagen: Entscheide selbst, ob du gehen willst.

Klaus Richter blieb im Osten - in seiner Heimat, bei seiner Familie.
Klaus Richter blieb im Osten - in seiner Heimat, bei seiner Familie.Foto: Paul Zinken

Er bleibt. Macht eine Lehre und an der Abendschule Ost-Abitur, darf studieren und bekommt eine Stelle als Ingenieur. 1964 lernt er Eleonore kennen, sie heiraten 1968, bald kommen die beiden Kinder. In Rosenthal, nicht weit weg von der Mauer, finden sie ihr Paradies: einen riesigen Garten mit „Nachkriegsbehelfsheim“, wie die Laube im DDR-Jargon heißt; dort bauen sie später ihr Haus. Die Freiheit, die ihnen der Staat nicht zugesteht, nehmen sie sich im Privaten.

Irgendwann 1981 fahren bei Richters mehrere Westautos vor, alte Schulfreunde steigen aus. 20 Jahre hatten sie sich nicht gesehen, dann hat Jürgen Schleicher die Abiturienten zum Klassentreffen zusammengebracht. Weil es nur so möglich ist, auch Klaus Richter zu sehen, fahren sie grüppchenweise zu ihm rüber. Er organisiert Ausflüge, in den Spreewald, nach Chorin, nach Niederfinow. Die Klasse rückt wieder zusammen, trifft sich fortan alle fünf Jahre.

Im September 2009 sitzen sieben der Abiturienten von 1961 im Garten einer Mitschülerin in Birkenwerder. Ein Ereignis steht bevor, es bedeutet ihnen grenzenlose Genugtuung: der 20. Jahrestag des Mauerfalls. Sie haben eine Idee: Lasst uns unsere Geschichten aufschreiben – und zum 50. Jahrestag des Mauerbaus veröffentlichen. Ein Buch für uns, unsere Kinder, unsere Schule. Sie kontaktieren die Mitschüler, 16 sind bereit, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen.

Monatelang feilen sie an ihren Beiträgen, kramen in Gedanken und alten Fotos, lesen penibel die Artikel der anderen. Das Projekt bringt sie eng zusammen. „Obwohl ich viele von ihnen bei Klassentreffen gesehen habe, hatte ich vorher keine Ahnung, was sie erlebt haben“, sagt Klaus Richter.

Was so lange ungesagt blieb, ist nun endlich mitgeteilt. Aufgeschrieben, 50 Jahre nach dem 13. August 1961.

Klaus Richter ist am 1. August nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Das Interview mit ihm fand noch vor seiner Erkrankung statt. Seine Frau Eleonore hat der Veröffentlichung dieses Artikels ausdrücklich zugestimmt.

Das Buch: »Immer auf der Hut. Ost-Schüler in West-Berlin. Als die Mauer dazwischenkam.« Nachwort von Veronika Wabnitz: Mit dem Ranzen über die Sektorengrenze. Verlag Scheichers Buchhandlung, Berlin 2011. 212 Seiten mit Abb. 13 Euro. ISBN 978-3-9809089-4-8.

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