Prävention an Schulen : Wie man Schüler vor Radikalisierung schützt

Was bewahrt Schüler davor, sich salafistisch zu radikalisieren? Schulen erhalten nun mehr externe Hilfe. Auf welche Weise der Islam in Ethik behandelt wird, bleibt den Lehrern überlassen – seit zehn Jahren.

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Werbegeschenk. Salafisten verteilten vergangenes Jahr kostenlos den Koran.
Werbegeschenk. Salafisten verteilten vergangenes Jahr kostenlos den Koran.Foto: picture alliance / dpa

Zuerst war es nur eine kaum merkliche Veränderung: Mevlüt* hing nicht mehr mit seinen Freunden herum, tat mehr für die Schule. Aber dann kapselte er sich völlig ab und verschwand schließlich. Seinen Tod fand er in Syrien.

„Meine Kollegen haben die Veränderungen nicht ernst genommen. Aber wer weiß, ob wir noch hätten helfen können“, fragt sich ein Ethiklehrer der Schule. Er erzählt von Achtklässlern, die im Fitnessstudio von Salafisten angesprochen werden und von der großen Frage, welche Rolle die Schulen beim Schutz dieser Kinder spielen können, bevor sie für immer verloren gehen.

Diese Frage treibt Eltern und Lehrer, aber auch die Politik zunehmend um, zumal sich die Salafisten und der Islamische Staat mit ihrer Propaganda länger halten als die immer nur kurzlebig finanzierten Workshops freier Träger, die Aufklärung zum Thema anbieten. Daher hat die Landeskommission gegen Gewalt ein Programm aufgelegt, das mehr Kontinuität bieten soll und den Schulen ab sofort kostenlos zur Verfügung steht: In diesen Tagen sollen alle Sekundarschulen und Gymnasien eine Liste mit Ansprechpartnern erhalten, kündigte die Landeskommission gegenüber dem Tagesspiegel an.

"Manipulationsprozesse offen legen"

Mit dabei ist auch der Verein Violence Prevention Network (VPN), der seit vielen Jahren bundesweit gegen Extremismus aktiv ist. „Es muss vor allem darum gehen, die Manipulationsprozesse offen zu legen“, beschreibt VPN-Geschäftsführer Thomas Mücke das Hauptziel seiner Arbeit. Dabei benennt er fünf Lernschritte, wobei der erste darin besteht, mit einer Art Islamkunde überhaupt erstmal eine inhaltliche Ausgangsbasis zu schaffen. Weiter wird dann über interreligiöse Toleranz diskutiert und darüber gesprochen, was Identität bedeutet. Der vierte Schritt bedeutet, dass ein israelischer und ein arabischer VPN-Mitarbeiter zusammen mit den Schüler über den Nahostkonflikt sprechen. Zum Schluss wird gemeinsam mit den Schülern ein IS-Propagandafilm angesehen und diskutiert: „Es geht dann um die Frage, was in dem Film versprochen und was gehalten wird“, erläutert Mücke das, was in dem Workshop unter der Überschrift „Extremismus entzaubern“ passiert.

„Wir haben immer wieder Nachfragen aus Schulen, aber wenn aktuell Anschläge passieren wie in Brüssel, fühlen sich die Lehrer besonders allein“, berichtet Sozialpädagogin Deniz Kaynak von dem freien Träger „Ufuq“, der ebenfalls von der Landeskommission gefördert wird. Kaynak beschreibt das Erstaunen der Schüler, wenn sie feststellen, dass die jungen Ufuq-Teamer vom Thema „Religion“ sehr schnell überleiten zur Frage „Wie wollen wir leben, und was heißt das für dein Leben?“ Die Schüler hätten viele Fragen, berichtet Kaynak, und man müsse sie mit diesen Fragen ernst nehmen „bevor das gewaltbereite Salafisten machen“. Wichtig sei es dabei aber auch, Religiosität nicht einfach abzutun, sondern auch zu vermitteln, dass sie „etwas Wichtiges, Gutes, Identitätsstiftendes sein kann“.

Vor zehn Jahren wurde Ethik als Pflichtfach eingeführt

Was Sozialarbeiter und Lehrer gleichermaßen feststellen, sind die großen Lücken, die auch muslimische Schüler bei inhaltlichen Fragen zum Islam haben. Die Erwartung, dass im Ethikunterricht alle Weltreligionen fundiert behandelt werden und viel mehr passiert als ein Moscheebesuch, hat sich nicht erfüllt. „Der Ethik-Lehrplan war von Anfang an zu sehr auf Philosophie ausgerichtet“, bedauert Reiner Haag, der in Tempelhof selbst Ethik unterrichtet. Andererseits hätten es die Ethiklehrer aber in der Hand, eigene Prioritäten zu setzen. Gute Erfahrungen hat Haag bei der Zusammenarbeit mit der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm gemacht. Er hält nichts davon, das Fach Ethik zugunsten eines Religionsunterrichts aufzugeben, bei dem die Schüler – wie in andern Bundesländern – nach Bekenntnis aufgeteilt werden.

Knapp zehn Jahre ist es her, dass Ethik – unter dem Eindruck des „Ehrenmordes“ an Hatun Sürücu – als verpflichtendes zweistündiges Unterrichtsfach ab Klasse 7 installiert wurde. Hier soll laut Rahmenplan auch eine „Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Ausprägungen der Religionen stattfinden“, wie die Bildungsverwaltung betont. „Das Problem beim Ethikunterricht ist, dass er nicht ganz ernst genommen wird und auf Kosten des Geschichtsunterrichts ging“, sagt die Leiterin des Gymnasiums Tiergarten, Cynthia Segner: „Wir sollten diskutieren, ob wir nicht eher einen Islamkundeunterricht brauchen oder einen bekennenden Religionsunterricht“, findet sie. Das sei doch besser, als wenn die Schüler ihr Religionswissen aus dem Koranunterricht der Moscheen bezögen.

Nur wenige Schüler haben Islamunterricht

Tatsächlich herrscht beim Thema Islamunterricht ein großes Vakuum an den Schulen: Von den grob geschätzt 50 000 muslimischen Schülern werden nur rund 5000 an den Grundschulen durch den Unterricht der Islamischen Föderation erreicht. Während viele Ethiklehrer eng mit evangelischen Religionslehrern kooperieren, finden vergleichbare Kooperationen mit Islamlehrern offenbar nicht statt. Zudem ist die Islamische Föderation nicht imstande, ihr Angebot eines Islamunterrichts auszuweiten, weil ausgebildete Lehrer fehlen, was wiederum an fehlenden Studienplätzen liegt.

Das Missverhältnis zwischen Angebot und Bedarf dürfte noch steigen angesichts der aktuellen Zuwanderung – und auch der Aufklärungsbedarf: Längst haben die Salafisten ihre Propaganda auf die Gemeinschaftsunterkünfte ausgeweitet, in denen unbegleitete jugendliche Flüchtlinge sich selbst überlassen sind.

*Name geändert

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