Projekt "Zweite Chance" : Schulschwänzer-Hilfe bangt um Finanzierung

Das Projekt „Zweite Chance“ kümmert sich um Jugendliche, die nicht mehr zur Schule gehen. Doch wie es weitergeht, ist ungewiss. Denn nach Ablauf dieses Jahres könnte die finanzielle Förderung enden.

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Die Schulsozialpädagogen Andreas Keßler und David Schröder arbeiten mit Schulverweigerern.
Die Schulsozialpädagogen Andreas Keßler und David Schröder arbeiten mit Schulverweigerern.Foto: Thilo Rückeis

Er fehlte an zwei bis drei Schultagen pro Woche. Dann lag er mit Kopf- und Bauchschmerzen zu Hause im Bett, spielte Computerspiele und sah fern. Außerdem hatte er stark zugenommen. Die Hänseleien der Mitschüler verstärkten das Gefühl, nach dem Übergang von der Grundschule an der neuen Schule nicht willkommen zu sein. „Die Lehrer haben vermutet, dass ich schwänze, aber ich war immer wieder krank“, sagt der 13-jährige Milan*. Er geht in Lichtenrade in die achte Klasse einer Sekundarschule. Seit einem dreiviertel Jahr bekommt er Hilfe von seinem Betreuer Andreas Keßler aus dem Schulverweigerer-Projekt „Zweite Chance“. Dazu gehören Gespräche mit den Eltern und Besuche beim Ernährungsberater. Milan geht jetzt wieder regelmäßig zur Schule.

Es gibt viele Arten von Schulverweigerung. Manche kommen bewusst nicht. Andere werden regelrecht krank, wenn sie nur an Schule denken, so wie Milan. Dann gibt es Schüler, die zwar im Unterricht sitzen, aber nur körperlich anwesend sind. Die Gründe für ihr Verhalten herauszufinden und den Jugendlichen auf möglichst allen Ebenen zu helfen, ist die Aufgabe von Andreas Keßler und David Schröder. Beide arbeiten an Milans Schule als Schulsozialpädagogen für das Projekt „Zweite Chance“. Es gehört zur Initiative „Jugend Stärken“ des Bundesfamilienministeriums. Bundesweit gibt es fast 200 Standorte der „Zweiten Chance“. 2013 erhalten sie insgesamt mehr als 18 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF). Doch die ESF-Förderperiode endet nach Ablauf des Jahres – die Standorte werden sich selbst überlassen.

Über die Jahre ist ein enges Netzwerk aus persönlichen Kontakten entstanden

Die elf Berliner Standorte, darunter vier in Neukölln, erhalten in diesem Jahr rund 940 000 Euro aus ESF-Fördermitteln. Das macht im Schnitt 85 000 Euro pro Träger. „Es ist viel Geld, doch damit können wir teure Jugendhilfemaßnahmen vermeiden“, sagt Andreas Keßler. Seit Beginn des Programms vor fünf Jahren hat er mit mehr als 80 Schülern ein Fallmanagement gemacht. Er begleitet die Schulverweigerer unter Mitarbeit des sozialen Umfelds von Lehrern, Eltern, Jugendhilfe. Über die Jahre ist ein enges Netzwerk aus persönlichen Kontakten entstanden. „Es gibt niemanden, der das ersetzen kann“, sagt Keßler. Wie es ohne die Fördermittel weitergehen soll, ist ungewiss. Dabei ist das Projekt erfolgreich. Bundesweit kehren rund 60 Prozent der durch die „Zweite Chance“ betreuten Jugendlichen in Schulen zurück. Doch die dezentrale Struktur der verschiedenen Träger macht die gemeinsame Zukunftsplanung nicht leichter.

Für die vier Standorte in Neukölln sieht die Zukunft nicht so düster aus. Hier, wo laut Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) jährlich zehn bis 14 Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen, schätzt man die „Zweite Chance“. „Solche Projekte sind extrem wichtig für uns“, sagt Giffey. Schon jetzt erhalten drei der vier Standorte jährlich jeweils 70 000 Euro zusätzlich aus dem Bezirksamt. Die Frage ist, wie es auch ohne die Bundesmittel weitergehen kann. „Es wird kräftig gerechnet und überlegt“, sagt Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU), der mit seiner Abteilung für die „Zweite Chance“ zuständig ist. „Es ist mir ein wichtig, dass wir eine Finanzierung finden.“

Auch Michael Haddad vom Diakonischen Werk Tempelhof-Schöneberg, einem der Träger, kämpft für eine Zukunft des Projekts. Zwar gibt es 2014 eine neue ESF-Förderperiode, doch wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa geht Haddad davon aus, dass eher Projekte zum Übergang von der Schule in den Beruf gefördert werden. „Dabei müssen wir schon viel früher ansetzen“, sagt Haddad. Das will er in einem Brief an das Bundesministerium deutlich machen. Ein zweiter Brief soll an die Senatsverwaltung gehen, mit der Bitte um Unterstützung, wenn die Fördermittel auslaufen.

*Name geändert

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