Projektwoche in Hohenschönhausen : Schüler fotografieren im Stasi-Knast

Schüler aus Wilmersdorf waren im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen und konnten dort in für Besucher unzugänglichen Bereichen fotografieren. Für viele der Schüler war es die erste Konfrontation mit DDR-Geschichte.

Karolin Steinke
Die Schüler fotografierten in für Besucher normalerweise nicht zugänglichen Bereichen
Die Schüler fotografierten in für Besucher normalerweise nicht zugänglichen BereichenFoto: Fabian Kramer

Es war eine ungewöhnliche Verbindung von Geschichts- und Kunstunterricht: 17 Schüler aus dem Kunst-Leistungskurs der Marie-Curie-Oberschule in Wilmersdorf erforschten im September die DDR-Diktatur durch die Linse ihrer Kameras. Für viele war es die erste Konfrontation mit dem untergegangen Staat. Ihr Lehrer René Faber durchlief mit seinem Kunstleistungskurs die außerschulische Projektwoche „Fotos aus dem Gefängnis“ des externen Anbieters PhotoWerkBerlin zum Thema Stasi-Haft. Der Projektfonds kulturelle Bildung des Berliner Senats finanzierte das Angebot der jungen Firma PhotoWerkBerlin, geleitet vom Künstler Norbert Wiesneth. Seit 2008 werden Kooperationen von Künstlern mit Schulen oder Jugendeinrichtungen gefördert, in diesem Jahr allein 12 Projekte in Charlottenburg-Wilmersdorf. Im Ergebnis der Woche entstand eine Fotoausstellung mit den beeindruckenden Arbeiten der Schüler, die im 2. Stock der Marie-Curie-Oberschule besichtigt werden kann.

In den Räumen herrscht Verfall.
In den Räumen herrscht Verfall.Foto: Fabian Kramer

Zu Beginn der Woche parkten Pädagogen der Gedenkstätte Hohenschönhausen einen originalen Hafttransporter, ihr „mobiles Learning Center“, auf dem Wilmersdorfer Schulhof. Der Zeitzeuge Thomas Raufeisen erzählte den Schülern von seiner dreijährigen Haft in Hohenschönhausen. Er war 1979 genauso jung wie seine Zuhörer, als seine Welt zusammenbrach: Sein Vater offenbarte ihm damals aus heiterem Himmel, nachdem er mit seiner Familie von ihrem Wohnort Hannover unter einem Vorwand nach Ost-Berlin gefahren war, dass er „Kundschafter des Friedens“ sei und sie fortan in der DDR leben würden. Der Vater - ein Stasi-Spion! Die folgenden Jahre waren für Raufeisen ein einziger Albtraum, der in einer dreijährigen Haft in Hohenschönhausen und Bautzen gipfelte, bevor er die DDR 1984 wieder verlassen durfte.

Mit diesen Eindrücken unternahm die Gruppe am nächsten Tag eine Zeitreise in das ehemalige zentrale Stasi-Untersuchungsgefängnis. Die meisten hatten zuvor weder in der Schule Einzelheiten über die DDR erfahren, noch waren sie in Hohenschönhausen gewesen. Fabian Kramer, einer der Teilnehmer, hatte sich die DDR-Zeit vorher „nicht so schrecklich vorgestellt“. Eine Schülerin begriff zum ersten Mal „die Ernsthaftigkeit des Themas“, eine andere wollte zuhause von ihren Eltern mehr über die DDR wissen, die ihr als Nachgeborene so fremd war.

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