Religion und Lebenskunde an Berliner Schulen : Kein Geld mehr für die großen Fragen

Grundschüler erhalten keinen Ethikunterricht. Religion und Lebenskunde füllen die Lücke – noch. Kirchen und Verbände können die Lehrer jedoch kaum noch finanzieren.

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Lies mal. Im Religionsunterricht geht es nicht nur um die Bibel.
Lies mal. Im Religionsunterricht geht es nicht nur um die Bibel.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wo anfangen, wenn das Wissen über Religionen allmählich verloren geht? Und wenn es keinen Ansprechpartner in Krisensituationen gibt? Christian Hannasky kennt sich aus mit dieser Doppelfrage, aus der eine Doppelrolle resultiert. „Ich hole die Kinder da ab, wo sie sind“, lautet seine Antwort.

Hannasky ist Religionslehrer im sozialen Brennpunkt, wo es nur noch eine Handvoll christlicher Kinder gibt. Die Katholiken haben sich aus seiner Moabiter James-Krüss-Grundschule bereits zurückgezogen, weil die staatlichen Zuschüsse für die Bekenntnislehrer nicht reichen, um so wenige Kinder zu unterrichten. Es fehlt an allen Ecken und Enden, und den anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften geht es nicht besser an diesem Punkt. Deshalb warnen sie alle vor einer Gefährdung ihres Unterrichtsangebotes, wenn die Landeszuschüsse nicht den steigenden Lehrergehältern folgen. Und sie alle hoffen, wie berichtet, auf die Abgeordneten von Rot-Schwarz und darauf, dass sie einige Millionen Euro nachlegen im Haushalt 2014/15.

Wie kann man diese Abgeordneten erreichen, die doch jetzt um jede Million ringen müssen? Wozu braucht Berlin den Unterricht der Religions- und Lebenskundelehrer, der doch in Berlin gar nicht zum vorgeschriebenen Rahmenplan gehört?

„Zu mir kommen Schüler in schwierigen Situationen. Sie wissen, dass sie in meinem Unterricht positiv aufgenommen werden, ohne Zensuren und ohne Zwang“, beschreibt Christian Hannasky einen Teil seiner Aufgabe in Moabit. Er will ihnen Toleranz vermitteln und sie „sprechfähig“ machen, wenn es um Religion geht. „Warum tragen Muslime Kopftücher“, „Was ist ein Minarett“ – auch das sind Fragen, die er in seinem Unterricht beantwortet. Und manchmal muss er noch viel weiter ausholen: „Es gibt deutsche Kinder, die nicht einmal wissen, was eine Kirche ist“, erzählt Hannasky. Deren Eltern hoffen, dass er ihren Kindern all das vermittelt, was sie nicht von ihren eigenen Eltern erfahren haben.

Die Vermittlung von religiösem und weltanschaulichem Wissen und Bekenntnis hat in Berlin keinen hohen Stellenwert. Neben Bremen und Brandenburg ist Berlin das einzige Bundesland, in dem es keinen Pflichtunterricht in diesem Bereich gibt. Das Land überlässt ihn den freiwilligen Angeboten der Religionsgemeinschaften und dem Humanistischen Verband, der Lebenskunde anbietet. Lediglich ab Klasse 7 gibt es das Pflichtfach Ethik, in dem Fragen nach dem „Woher“ und „Warum“ behandelt werden können. Das einzige Zugeständnis an die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften besteht darin, dass sie rund 90 Prozent des Gehaltes, das im Jahr 2002 für eine vergleichbare staatliche Lehrerstelle gezahlt wurde, vom Land erstattet bekommen sollten.

Inzwischen sind die öffentlichen Gehälter gestiegen, die der Bekenntnislehrer aber nicht und eine Anpassung gab es nicht. Mittlerweile klafft eine Lücke von rund fünf bis 15 Millionen Euro – je nachdem, welche Tarifsteigerung man zugrunde legt. Weder die Kirchen noch der Humanistische Verband sehen sich in der Lage, diese Lücke mit Spenden und Kirchensteuern langfristig zu stopfen und warnen inzwischen offen vor einer Gefährdung ihres Unterrichts. Die Evangelische Kirche spricht bereits offen darüber, dass sie weitere Standorte aufgeben muss.

„Das wäre ein Verlust“, steht für Jürgen Dreyer fest. Der stellvertretende Leiter der Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg berichtet von der „sozialen Arbeit“, die die Religionslehrer leisten und davon, wie sie den anderen Lehrern helfen, Projekte zu organisieren – wie zuletzt das große „Afrikafest“ in der Heinrich-Zille-Schule oder die Patenschaft mit einer Schule im Senegal. Der Religionslehrer ist es auch, der zusammen mit dem Lebenskundelehrer Exkursionen in das Jüdische Museum oder in die benachbarten Moscheen organisiert.

Zuständig für die Finanzierung der Bekenntnislehrer ist der Kultursenator und Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Er hat dafür gesorgt, dass Berlin wieder in die Tarifgemeinschaft der Länder zurückgekehrt ist, was dazu führte, dass die öffentlichen Gehälter steigen und die Kluft zu den Lehrern der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften wächst. Dennoch will Wowereit nicht nachbessern. „Wir machen eine Spendenkampagne nach der anderen. Aber das reicht nicht. Unser Unterricht wird ausgehungert“, warnt der Humanistische Verband.

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