Rolf-Joseph-Preis : Schüler stiften Preis zu Ehren eines Berliner Holocaust-Überlebenden

Vor zehn Jahren lernten Schüler des evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster den Berliner Holocaust-Überlebenden Rolf Joseph kennen. Sie schrieben ein Buch über ihn - und riefen einen Wettbewerb ins Leben.

Karolin Steinke
Gute Freunde. Die Schüler vom Grauen Kloster und Rolf Joseph 2006.
Gute Freunde. Die Schüler vom Grauen Kloster und Rolf Joseph 2006.Foto: promo

„Jüdische Orte in Berlin" haben die Achtklässler des Canisius-Kollegs ihre Einreichung genannt: eine kleine braune Kiste, gefüllt mit Dingen, die sie auf ihren Streifzügen durch das jüdische Leben der Stadt entdeckt haben. Auf einer Karte haben sie die Geschichte einer Frau festgehalten, die von den Nazis deportiert wurde. Sie lebte in der Straße in Charlottenburg, durch die einer der Schüler jeden Tag geht. Ihm fiel der Stolperstein auf dem Gehweg für Stefanie Fabian auf. Neben den Lebensbericht legten sie koschere Haribo-Bären aus dem „Schalom-Laden“ und Eindrücke aus dem Beth-Café in der Tucholskystraße. Mit dieser Schatztruhe haben sie den ersten Platz des Rolf-Joseph-Preises gewonnen. Vor einer Woche wurde der Preis, den eine Gruppe von ehemaligen Schülern zu Ehren des Holocaust-Überlebenden Rolf Joseph gestiftet hat, zum ersten Mal vergeben. Außer den Schülern vom Canisius-Kolleg wurde eine Gruppe der Evangelischen Schule Berlin Zentrum ausgezeichnet.

Spannend ist die Geschichte hinter dem Rolf-Joseph-Preis. Er ist aus der jahrelangen Freundschaft von Schülern des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster in Schmargendorf zu dem Berliner Juden Rolf Joseph hervorgegangen. 2004 lernten die damals 15-Jährigen den netten Herrn bei einem Besuch der Synagoge in der Pestalozzistraße kennen und luden ihn ein, in ihrem Religionsunterricht aus seinem Leben zu erzählen. Rolf Joseph berichtete von der Verladung seiner Eltern in einen LKW, die er von einer Straßenecke aus beobachtete. Er sah sie nie wieder. Joseph erzählte von seiner Flucht aus einem Deportationszug nach Auschwitz, wie er aus einem hohen Fenster des Jüdischen Krankenhauses im Wedding sprang, um sein Leben zu retten, und wie er dank einer Berliner Lumpensammlerin im Versteck überlebte.

Der Bericht beeindruckte die Schüler nachhaltig. Mehr als jedes Geschichtsbuch machte dieser freundliche weißhaarige Mann, der ihnen die Hand schüttelte, die Schrecken der Nazizeit fassbar. Sechs Schüler blieben mit ihm in Kontakt, nannten sich bald „Rolf-Joseph-Gruppe“ und fingen an, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Ihr damaliger Religionslehrer Albrecht Hoppe staunt noch heute darüber, was der Schulbesuch des Zeitzeugen ausgelöst hat. 2008 brachten die Schüler im Eigenverlag die Biografie von Rolf Joseph unter dem Titel „Ich muss weitermachen - Die Geschichte des Herrn Joseph“ heraus.

Ende 2012 starb Rolf Joseph, die Abiturienten zogen zum Studieren in verschiedene Städte, hielten aber Kontakt. Bald kam die Frage auf, was mit den Erlösen aus dem Verkauf des Büchleins geschehen soll. So kamen sie auf die Idee mit dem Schülerwettbewerb, bei dem Acht- bis Zehnklässler aufgerufen werden, sich mit der jüdischen Geschichte oder Gegenwart Berlins auseinanderzusetzen. Simon Strauß von der „Rolf-Joseph- Gruppe“, der heute Geschichte studiert, will die Schüler zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema ermuntern: „Weißt du, ob du vielleicht jüdische Freunde hast? Was bedeutet es, jüdisch zu sein?“

Den zweiten Preis haben Schüler der Evangelischen Schule Berlin Zentrum mit einem Film über das ehemalige jüdische Kinderheim Ahawah in der Auguststraße gewonnen. Der dritte Platz ging an eine 8. Klasse des Canisius-Kollegs, die ihre Eindrücke nach einem Besuch des Jüdischen Museums aufgeschrieben hat. Karolin Steinke

Die Rolf Joseph-Biographie "Ich muss weitermachen" ist in der Buchhandlung Windsaat (Uhlandstr. 82, 10717 Berlin) erhältlich.

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