Schulen in Berlin : Politische Bildung? Aber doch nicht in der Schule

Das Fach und das Wissen um Demokratie kommen im Unterricht oft zu kurz. Das will Rot-Rot-Grün ändern. Die Frage ist nur: Wie?

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Mitreden. Ob Schüler über Politik Bescheid wissen, hängt oft vom Lehrer ab.
Mitreden. Ob Schüler über Politik Bescheid wissen, hängt oft vom Lehrer ab.Foto: Imago

Kann man in Berlin die Schule verlassen, ohne eine Stunde Politikunterricht gehabt zu haben?

Wenn man Pech hat, anscheinend schon. Das sagt zumindest die Politikwissenschaftlerin Sabine Achour von der Freien Universität Berlin: „Jugendliche, die kein Abitur ablegen, haben sich in Berlin im ungünstigsten Fall nie mit Politik in der Schule beschäftigt.“ Denn erst in der Oberstufe ist Politikwissenschaft ein eigenständiges Unterrichtsfach – allerdings muss man es selbst im Kurssystem nicht unbedingt wählen. In den Klassen 7 bis 10 ist Politik eigentlich im Rahmen des Geschichts- und Sozialkundeunterrichts vorgesehen. Doch aus Zeitgründen falle Sozialkunde oft unter den Tisch, sagt Achour – und Schülervertreter und Lehrer bestätigen das.

Dass das Fach Politik gestärkt werden soll, fordern Schülervertreter – bundesweit und beim Berliner Landesschülerausschuss (LSA) – seit Jahren. Und auch bei den Parteien ist dies eigentlich Konsens. In den Koalitionsverhandlungen hat sich Rot-Rot-Grün jetzt darauf verständigt, die politische Bildung in der Schule zu stärken. Wie genau das gehen soll, ob und wie die Stundentafel verändert werden soll – das ist allerdings noch unklar. Zunächst soll mit Schüler-, Lehrer- und Elternvertretern ein „ergebnisoffener Dialog“ geführt werden, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Linkspartei, Regina Kittler.

Schülervertreter schlagen eine Stunde mehr Unterricht vor

Der Landesschülerausschuss Berlin spricht sich für eine Erweiterung der Stundentafel aus. „Das Thema ist uns so wichtig, dass wir eine Stunde zusätzlichen Unterricht in Kauf nehmen würden – auch wenn wir natürlich nicht wissen, ob alle Berliner Schülerinnen und Schüler diese Meinung teilen“, sagt Roman Danilov, Vorsitzender des LSA. „Wir merken, dass viele Schüler zu wenig über Politik wissen, und das führt auch dazu, dass sie sich nicht so oft engagieren. Unser Gremium zum Beispiel, die oberste Schülervertretung in Berlin, ist konstant unterbesetzt.“

Eine Erhöhung der Stundentafel lehnt der Geschichtslehrer und Schulreformer Robert Rauh ab, weil an Gymnasien seit dem zwölfjährigen Abitur der Stoff und die Stundenpläne ohnehin sehr gedrängt seien. Er hat zwei Alternativvorschläge: Man könnte in den Klassen 9 und 10 Politik statt Ethik unterrichten. Oder man könnte in Klasse 10 Politikunterricht verbindlich einführen und dafür Stunden für Wahl- und Profilfächer reduzieren.

Die Frage nach dem Ethikunterricht

Sabine Achour, die an der FU Politikdidaktik unterrichtet, hat einen anderen Vorschlag: Sie plädiert dafür, Politik- und Ethikunterricht zusammenzulegen und dies auch in der Oberstufe fortzuführen. Die Fächer Ethik und Politik passen ihrer Meinung nach besser zusammen als Geschichte und Politik: „Wenn man ethische und gesellschaftliche Fragen diskutiert, ist es sinnvoll, auch über politische Prozesse Bescheid zu wissen.“

Eine Stärkung des Faches Politik hält auch Rauh für notwendig: „Ich bemerke eine zunehmende Entfremdung zwischen Jugendlichen und Demokratie. Sie wissen zu wenig darüber, und das bereitet den Boden für Extremismus.“ Dabei habe er andererseits festgestellt, dass das Interesse der Schüler an aktueller Politik zumindest seit Beginn der Flüchtlingskrise gestiegen ist. „Es gibt bisher aber keinen festen Platz im Unterricht, an dem man Tagespolitik behandeln kann. Natürlich kann das auch mal im Rahmen von anderen Fächern passieren, aber das hängt stark vom Lehrer ab.“ Rauh bestätigt, dass Sozialkunde oftmals unter den Tisch falle: „Viele Lehrer sagen, dass sie schon die Lehrplaninhalte für Geschichte kaum unterbringen.“ Ob Sozialkunde tatsächlich unterrichtet wird, werde nicht kontrolliert, sagt Rauh. Es gibt in der Verordnung für die Sekundarstufe I auch keine Vorgaben, wie viele Arbeiten in Geschichte oder Sozialkunde geschrieben werden müssen.

Auch Studierende wissen wenig

Sabine Achour stellt fest: „Bei Besuchen in Bundestag und Bundesrat gelten die Berliner Schülergruppen als die Schlusslichter, wenn es darum geht, über politische Entscheidungsprozesse zu diskutieren. Selten kennen sie die Bedeutung eines Parlaments oder des Föderalismusprinzips für die Demokratie. Zu politischen Fragen können sich viele nur schwer positionieren.“ Auch bei manchen ihrer Studierenden seien die Kenntnisse teilweise so gering, dass sie bei Null anfangen müsste.

Die Minimalforderung der Schülerinitiative „Politik als Schulfach“ ist, zumindest eine getrennte Benotung von Geschichte und Politik einzuführen. Das war eigentlich schon zu Beginn der vergangenen Legislaturperiode versprochen worden. Passiert ist bisher nichts.

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