Sonderpädagogik : Wann ist ein Kind behindert?

Die Zahl der Kinder, die eine zusätzliche sonderpädagische Förderung benötigen, steigt weiter an. Bei der Einschätzung in den Bezirken gibt es große Unterschiede.

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Trotz früheren und längeren Kitabesuchs und trotz des allgemeinen Schülerrückgangs steigt der Anteil der Kinder, die eine zusätzliche sonderpädagogische Förderung benötigen. Dies geht aus den neuen Prognosen der Bildungsverwaltung hervor. Demnach gibt es im kommenden Schuljahr in Berlin abermals rund 500 Kinder mehr, denen eine Behinderung attestiert wird. Über die Gründe gehen die Meinungen stark auseinander.

„Möglicherweise werden in der Schulanfangsphase immer mehr Kinder produziert, die das Lesen und Schreiben nicht lernen können“, lautet eine Vermutung von Inge Hirschmann, die den Grundschulverband sowie die Kreuzberger Heinrich-Zille-Grundschule leitet. Sie macht den Personalmangel in den ersten beiden Klassen dafür verantwortlich, dass die Kinder nicht hinreichend gefördert werden könnten. In der Folge komme es dazu, dass mehr Kindern eine Lernbehinderung oder eine Verhaltensstörung attestiert werden müsse als dies unter optimalen Förderbedingungen nötig gewesen wäre, so Hirschmann.

Die Förderschwerpunkte „Lernen“ und „Verhalten“ machen tatsächlich einen Großteil der festgestellten Behinderungen aus: Rund die Hälfte aller behinderten Kinder tragen eines dieser beiden Etiketten. Allerdings ist die Definition denkbar unscharf, so dass Schüler mit der identischen Problematik in dem einen Bezirk als „behindert“ eingestuft werden, in dem anderen aber nicht. Der Leiter des Kinder- und Jugend-Gesundheitsdienstes (KJGD) in Mitte, Matthias Brockstedt, geht deshalb davon aus, dass der Anstieg in manchen Bezirken eher darauf zurückzuführen ist, dass die Pädagogen strengere Maßstäbe anlegen.

Dietrich Delekat sieht das anders. Der Leiter des KJGD in Friedrichshain-Kreuzberg hat für seinen Bezirk festgestellt, dass der Anteil der behinderten Schüler seit 2005 von 6,3 auf 9,9 Prozent gestiegen ist. Er führt dies vor allem auf die fehlenden Anregungen in bildungsfernen Familien zurück und untermauert dies mit Zahlen aus den einzelnen Bevölkerungsgruppen: So liegt der Anteil der Schüler mit Behinderungen laut Delekat bei den arabischstämmigen Schülern bei 19 Prozent, bei den türkischstämmigen bei 15,5 und bei den deutschstämmigen bei rund sechs Prozent. Delekat verweist zudem darauf, dass der Anteil der arabischen Kinder in seinem Bezirk allein seit 2007 von 12,5 auf 15,7 Prozent gestiegen ist. Da unter den arabischstämmigen Familien besonders viele bildungsfernen Schichten angehören, sei für diese Kinder das Risiko besonders hoch, in der frühkindlichen Phase ungenügend gefördert zu werden.

„Sowohl Brockstedt als auch Delekat haben Recht“, meint Ulrich Fegeler, der Sprecher der Berliner Kinderärzte. Es sei tatsächlich so, dass es von Bezirk zu Bezirk große Unterschiede gebe bei der Einschätzung, wann ein Kind behindert sei und deshalb zusätzliche Förderstunden benötige. Aber auch Fegeler beobachtet, dass es „zunehmend schwierige Kinder aus anregungsarmen Familien gibt“. Es sei offensichtlich, dass „die Frühförderung nicht ausreicht – weder quantitativ noch qualitativ“. Fegeler teilt Hirschmanns Skepsis, dass die Schulanfangsphase unter den jetzigen Bedingungen für diese Kinder die richtige Fördermethode sei.

„Die Grundschule ist so geschwächt, dass sie keine gute Arbeit machen kann“, fürchtet Inge Hirschmann, die zum kommenden Schuljahr abermals Personal verliert, weil die berlinweit vorhandenen Sonderpädagogen künftig auf noch mehr behinderte Schüler verteilt werden müssen. Das gleiche gilt für die ebenfalls vielfach ausgezeichnete Schöneberger Fläming-Schule. Deren Elternschaft will jetzt beim Bildungssenator demonstrieren, damit das Personal nicht reduziert wird. Jürgen Zöllner allerdings kann nichts machen: Die Zahl der Förderlehrer wurde vom Senat festgezurrt und wird erst nach den Wahlen neu verhandelt.

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