Sprachunterricht an Berliner Schulen : Latein – muss das sein?

Wenn Schüler Latein lernen, können sie ihre Deutschkompetenz verbessern, sagen Didaktiker. Was für und was gegen die Wahl der Sprache spricht.

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Julius Caesar. Um ihn kommt man im Lateinunterricht nicht herum.
Julius Caesar. Um ihn kommt man im Lateinunterricht nicht herum.Foto: Reuters

„Sum es est, sumus estis sunt“: Jona hüpft vor den anderen Achtklässlern herum und skandiert die Konjugationsformen des Verbs „esse“, also „sein“. Seine Mitschüler sprechen mit, im Chor. So beginnt eine Lateinstunde am Humboldt-Gymnasium in Tegel – und so ähnlich hat man sich das ja auch vorgestellt: Pauken, auswendig lernen, herunterleiern von Deklinationen und Konjugationen einer komplizierten Sprache, die so gut wie kein Mensch mehr spricht.

Doch der Eindruck täuscht. In dieser Unterrichtstunde wird diskutiert, geknobelt, gescherzt und vor allem: viel über die deutsche Sprache nachgedacht. Die Schüler sind konzentriert bei der Sache.

Gruppenarbeit. Im Lateinischen gibt es keine bestimmten oder unbestimmten Artikel. Geht es in dem Satz „Lucius Caesius Bassus servum videt“ also um „den Sklaven“, „einen Sklaven“ oder vielleicht „seinen Sklaven“, den Lucius Caesius Bassus sieht? Die Schüler beugen sich über ihre Arbeitsblätter und diskutieren, was wohl am besten passt und wie sie das herleiten können.

Auswendiglernen reicht nicht

„So viel Zeit, bewusst über Sprache nachzudenken, hat man in anderen Fächern meistens nicht“, sagt Maria Große, die an der Humboldt-Universität über die Didaktik des Lateinunterrichts forscht und als Referendarin am Humboldt-Gymnasium arbeitet. Die Schule führt gerade eine neue Unterrichtsmethode ein. „Latein plus“ nennt sie den Ansatz. Während des Lateinunterrichts soll verstärkt auf Sprachreflexion geachtet werden, auch um dadurch die sprachlichen Fähigkeiten in Deutsch zu verbessern. Von einer „Neuakzentuierung“ spricht Stefan Kipf, Professor für die Didaktik Alter Sprachen, der das Modellprojekt wissenschaftlich begleitet. Egal also ob neue Vokabeln, Grammatik oder Übersetzung: Auswendiglernen reicht nicht, man muss darüber sprechen, nach Vergleichen suchen, bewusst über ähnliche Strukturen im Deutschen nachdenken.

Für die Didaktiker ist genau dieser Aspekt der Sprachkompetenz das wichtigste Argument für das Erlernen von Latein. Denn natürlich steht die Sprache unter Rechtfertigungsdruck. Ist es nicht viel sinnvoller, eine moderne Fremdsprache zu lernen, in der man sich auch unterhalten kann? Nicht einmal fürs Medizinstudium braucht man noch Latein.

Eigentlich geschieht in diesem Unterricht aber genau das, was nach dem Willen der Senatsbildungsverwaltung und gemäß dem neuen Rahmenlehrplan künftig in allen Fächern passieren soll: Es wird verstärkt auf die Sprachbildung geachtet – Genauigkeit beim Lesen, Textverständnis, Wortschatz, Ausdruck. Nötig ist es, findet Jörg Kayser, der Schulleiter des Humboldt-Gymnasiums: „Die Fähigkeit zu sprachlicher Genauigkeit ist auch bei unseren Schülern schwächer geworden“, sagt er. Und das, obwohl das Humboldt-Gymnasium zu den besten Schulen der Stadt gehört. Die meisten Schüler kommen aus bildungsinteressierten Familien, ein Schwerpunkt ist die Hochbegabtenförderung. Warum die Schüler sprachlich schlechter geworden sind, wissen die Lehrer nicht, aber sie haben eine Vermutung: Die Schüler lesen weniger und chatten mehr, beobachten sie. Die vor Abkürzungen strotzende Kurzkommunikation auf dem Handy tut ihr Übriges.

Türkische Schüler profitieren von Latein

Ein solcher sprachsensibler Unterricht habe auch für Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, große Vorteile, sagt Maria Große. Am Neuköllner Ernst- Abbe-Gymnasium hat sie Schüler in Latein unterrichtet, deren Erstsprache Türkisch war. „Die Schüler verbesserten sich in Deutsch“, hat sie in ihrem Forschungsprojekt herausgefunden. Warum das so ist, erklärt sie an einem Beispiel. Auch im Türkischen gibt es, wie im Lateinischen, keine Artikel. Deshalb sprechen Kinder mit türkischer Muttersprache manchmal Deutsch nach dem Muster „Fragst du Lehrer“.

Beim Lateinunterricht müssen sich die Schüler explizit mit Artikeln, Präpositionen und Pronomen befassen. Dadurch bekommen sie ein Verständnis für die Strukturen des Deutschen und des Türkischen und können beide Sprachen mit einer „neutralen“ Sprache vergleichen. Aus diesem Grund sei Latein sogar für den Einsatz in Willkommensklassen denkbar und sinnvoll.
Und was spricht sonst noch für Latein? Altphilologie Kipf nennt als weitere Ziele: Der Unterricht kann Schülern Grundlagen europäischer Kultur nahebringen, in Literatur, Politik, Geschichte, Philosophie und Religion. Anhand lateinischer Texte könne man< ethische Fragen diskutieren. Und dann fällt ihm noch etwas ein. Für manche Schüler könne Latein eine identitätsstiftende Wirkung haben: „Eine türkische Schülerin sagte mir: seit sie Latein lerne, habe sie das Gefühl, dazuzugehören.“ Das Gebiet der Türkei gehörte zu den römischen Provinzen.

Es gibt aber auch gute Gründe, die gegen Latein sprechen. So lässt sich etwa die oft gehörte These nicht belegen, dass man mit Lateinkenntnissen leichter romanische Sprachen lerne, also Französisch, Italienisch oder Spanisch. Es gibt sogar Hinweise in Studien, dass Französischlerner ohne Lateinkenntnisse leichte Vorteile beim Spanischlernen haben. „Um romanische Sprachen zu lernen ist Französisch als Transfersprache ähnlich gut geeignet“, sagt Jürgen Reinsbach, der am Humboldt-Gymnasium Latein und Französisch unterrichtet. „Latein leistet aber etwas anderes: eine gründliche Schulung der Bildungssprache. Es ist eine anspruchsvolle, aber lohnenswerte Sache.“

In Berlin lernen mehr Schüler Spanisch als Latein

Wer Latein lernt, hat weniger Zeit für andere Inhalte, beispielsweise eine zweite moderne Fremdsprache oder Wahlpflichtfächer wie Informatik oder Darstellendes Spiel. Durch die Verkürzung der Gymnasialzeit sind die Stundenpläne noch dichter geworden. In den vergangenen Jahren ist das Interesse an Latein wohl auch deshalb leicht zurückgegangen. In Berlin liegt die Sprache an vierter Stelle bei den gewählten Fremdsprachen, hier lernen inzwischen mehr Schüler Spanisch (23 800) als Latein (19 500). Bundesweit liegt sie hinter Englisch und Französisch auf Platz drei. Als Studienvoraussetzung hat Latein an Relevanz verloren. Für viele Studiengänge muss man Kenntnisse in zwei modernen Fremdsprachen vorweisen. Das Latinum braucht man für den Bachelor an der Humboldt-Universität und der Freien Universität nur, wenn man Latein studieren will. Für einige geisteswissenschaftliche Masterstudiengänge ist es allerdings vorgeschrieben oder empfohlen, an anderen Universitäten gibt es teilweise strengere Bestimmungen.

Bei der Europäischen Kommission finden die Politiker zwar lobende Worte: Das Erlernen von Latein und Altgriechisch könne „zur Erhaltung unseres gemeinsamen Erbes beitragen.“ Nach den Barcelona-Zielen von 2002 finden sie es aber wichtiger, dass Schüler zwei Fremdsprachen lernen, in denen sie auch kommunizieren können. Ob sich die Jugendlichen dann auch etwas zu sagen haben, ist ein anderes Thema.

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