Studienfahrt nach Israel : Eine Reise gegen Vorurteile

Schüler aus Moabit, die meisten muslimisch, fahren mit ihren Lehrerinnen nach Israel und kommen verändert zurück.

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Einmal fühlte es sich dann doch bedrohlich an. Als ein Soldat mit Gewehr den Bus kontrollierte und auf Rima zeigte. Nur auf Rima, das Mädchen mit dem bodenlangen schwarzen Kleid und dem schwarzen Kopftuch. Sie musste aussteigen. Der Fahrer hatte zwar längst auf Hebräisch erklärt, dass es sich um Schüler handelt. Um 15-jährige Schüler aus Berlin auf Studienreise in Israel. Doch den Soldaten hielt das nicht ab. Rima musste sich durchsuchen lassen, und sie musste ihren Pass zeigen. Der war in ihrem Koffer, und der lag natürlich ganz unten, unter allem anderen.

Rima lacht, als sie das erzählt. „Es war ein bisschen so, wie ich es schon im Fernsehen gesehen hatte, deshalb hatte ich nicht so große Angst.“ Und außerdem sei es das einzige Mal gewesen, dass sie sich in Israel unwohl gefühlt habe: „Ich würde am liebsten sofort dorthin ziehen.“

Zehn Tage war sie mit zwölf anderen Zehntklässlern der Moabiter Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule, ihren Lehrerinnen Sabeth Schmidthals und Monika Mehr und zwei Mitarbeitern der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz unterwegs, die die Reise auch finanziell möglich gemacht hat. Sie waren in Jerusalem, Tel Aviv, Haifa, Nazareth und der arabischen Stadt Um el Fachem. Sie sprachen mit Zwi Cohen, der das KZ Theresienstadt überlebt hat und früher Horst Kohl hieß. Mit dem 81-jährigen Schauspieler Yossi Graber, der ihnen erzählte, wie es vor der israelischen Staatsgründung in Tel Aviv aussah. Mit einem ehemaligen Soldaten, der Arabisch gelernt hat und sich jetzt für den Frieden einsetzt. Mit einer arabischen Kindergartenleiterin, die als einzige Frau in ihrem Dorf kein Kopftuch trägt.

Manche Schüler haben Verwandte in Israel

Sie beteten in der Al-Aqsa-Moschee, besuchten die Grabeskirche und stiegen auf den Ölberg, sie übernachteten in einem Kloster und in einem Kibbuz, bestaunten die Bahai-Gärten, stöberten über Basare und badeten im Mittelmeer. Die meisten Schüler kommen aus muslimischen Familien. Ein paar haben Verwandte in Israel. „In Palästina“, sagen einige der Schüler. „Im heiligen Land“, sagt ein Mädchen, „nennen wir es doch so. Ein Land für alle Religionen, alle leben friedlich zusammen.“

Nahostkonflikt gelöst, hier im Klassenzimmer in Moabit geht das ganz leicht.

Aber so einfach ist es natürlich nicht in Wirklichkeit, das wissen auch die Schüler. „Vor der Reise hatte ich Vorurteile gegenüber Juden“, sagt ein Mädchen und die anderen nicken. „Ich hatte Angst vor den Juden. Dass sie uns umbringen, dass sie Terroristen sind“, sagt Ihab, einer von zwei Jungen, die auf der Reise dabei waren. So denken sie jetzt nicht mehr.

Zwei Familien erlaubten ihren Kindern die Reise nicht

Die meisten Schüler hatten in Berlin noch nie einen Juden getroffen. Manchmal sehen sie auf Facebook blöde Sprüche über Juden, mit Hitler und so, erzählen sie. Und nicht alle Familien waren von der Israelreise begeistert. Zwei Schüler, die gerne gewollt hätten, durften nicht mitfahren, weil ihre Eltern es nicht erlaubten. Sie wollten den Staat Israel nicht unterstützen, so die Begründung. Andere muslimische Eltern waren dagegen froh, dass ihre Kinder die Möglichkeit hatten, die Al-Aqsa-Moschee und den Felsendom auf dem Tempelberg zu besuchen – Jerusalem ist nach Mekka und Medina die drittheiligste Stätte des Islam.

Vor ein paar Monaten hatte eine jüdische Berliner Lehrerin im Tagesspiegel geschrieben, dass sie immer wieder von arabischen Schülern antisemitisch beschimpft werde. Sie traue sich nicht mehr, sich als Jüdin zu erkennen zu geben. Sabeth Schmidthals, die mit ihren Moabiter Schülern auf der Reise war, will der Kollegin ihre Erfahrungen keinesfalls absprechen. Aber sie selbst erlebe ihre Schüler eben auch ganz anders. „Ich habe den Eindruck, dass die Geschichten, die die Schüler mitbringen, bisher kaum jemanden interessiert haben.“ Im vergangenen Jahr waren sie in der Ausstellung „Sieben mal jung“, die Jugendlichen neue Zugänge zum Thema Nationalsozialismus bietet – zum Beispiel über Biografiearbeit. Da sollten die Schüler die Geschichten ihrer Familie erzählen. „Ein Mädchen fing an zu weinen. Viele ihrer Verwandten sind im Nahostkonflikt gestorben. Das Thema betrifft die Schüler ganz direkt, hat aber in der Schule oft gar keinen Platz“, erzählt Schmidthals.

„Ich war richtig erstaunt, wie gut das Zusammenleben in Israel klappt“, sagt Sabina, deren Familie aus dem Libanon kommt. „Besser als hier in Berlin.“ Die anderen nicken. Sie schwärmen von Guy, ihrem israelischen Reisebegleiter: „Den lieben wir alle!“ Eigentlich seien alle nett gewesen, die sie getroffen hätten.

Sabina will einen Kibbuz gründen

Als sie wieder in Berlin waren, haben sie in der Schule einen Abend veranstaltet, an dem sie über ihre Erlebnisse erzählten, Fotos und ihre Plakatwände gezeigt haben. „Ich war berührt, mit welcher Emotionalität und Überzeugungskraft die Schüler berichteten“, sagt Schmidthals. Selbst Mitschüler, die vorher ablehnend auf die Reise reagiert hatten, hätten ihre Bewunderung gezeigt und es bereut, dass sie nicht mitgefahren sind.

Und noch etwas hat die Reise bewirkt: Die Schüler wollen jetzt noch mehr lernen, über die Judenverfolgung und den Holocaust. Vielleicht sogar eine weitere Reise zusammen machen, dieses Mal nach Auschwitz. Und Sabina hat noch eine andere Idee: „Ich würde am liebsten einen Kibbuz gründen. Einen gemeinsamen Kibbuz für Christen, Juden und Muslime. Hier in Berlin.“

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