Überforderte Kinder : Eltern und Ärzte warnen vor Früheinschulungen
07.08.2012 00:00 Uhr„Das wird schon“, lautete die lapidare Antwort der Lehrerin, als die fünfjährige Lisa (Name von der Redaktion geändert) Tag für Tag bitterlich weinend in die Schule kam. Der allmorgendliche Abschied von der Mutter wurde zur Tortur, das Kind blieb auch nach Wochen noch untröstlich. Dann zogen die Eltern die Notbremse – in Form einer Krankmeldung. Nach ein paar Wochen und endlosen Gesprächen mit dem Schulrat war es dann soweit: Lisa konnte mangels Schulreife zurück in ihre Kita, obwohl dieser Weg gesetzlich ausgeschlossen ist.
Fälle von Kindern wie Lisa, die dem Schulalltag mit fünfeinhalb Jahren noch nicht gewachsen sind, sind keine Seltenheit.
Das Thema „Früheinschulung“ ist ein Dauerbrenner bei Elterngesprächen auf Kitafluren und Spielplätzen: Insbesondere Eltern von Kindern, die zwischen Oktober und Dezember geboren wurden, sind verunsichert und befürchten, dass ihr Kind überfordert sein könnte. „Ich mache mir schon jetzt Sorgen und hoffe, dass die Regelung wieder geändert wird“, sagt eine Neuköllner Mutter, deren Tochter in zwei Jahren schulpflichtig würde – drei Monate vor ihrem sechsten Geburtstag.
Wie berichtet, schwindet in Berlin die Rückendeckung für die Früheinschulung mit fünfeinhalb Jahren, die bundesweit einzigartig ist. Viele Eltern haben erst durch die konkreten Erfahrungen mit ihren betroffenen Kindern begriffen, was die Früheinschulung bedeutet.
„Wir hatten zunächst gar keine Bedenken und haben unsere Tochter gern so früh eingeschult“, berichtet ein Kreuzberger Vater. Dann aber hätten sie bemerkt, dass ihre Tochter noch sehr verspielt war und anfing, unter der Schule zu leiden. „Sie und ihre fünfjährigen Klassenkameraden waren mit dem Kopf noch im Kindergarten“, erzählt er. Die Klassenlehrerin habe das – trotz allen Engagements – nicht ausgleichen können. „Die Schulzeit meiner Tochter blieb jahrelang überschattet von dem Gefühl der Überforderung“, sagt der Vater.
Mittlerweile ist es für Eltern zwar wieder möglich, einen Antrag auf spätere Einschulung zu stellen. Doch dieser ist mit Aufwand verbunden und manche Eltern fürchten zudem eine Art Stigmatisierung. Die Regelung, dass man seinem Kind eine Behinderung attestieren musste, um eine Rückstellung zu erreichen, wurde 2010 zwar abgeschafft. Aber nicht alle Eltern wissen, dass es inzwischen wieder möglich ist, eine spätere Einschulung zu beantragen, wenn sie den Schulrat davon überzeugen können, dass ihr Kind noch nicht so weit ist.
Tatsächlich ist das Verfahren kompliziert: Vier Seiten umfasst das entsprechende Rundschreiben. „Die meisten Eltern sind damit völlig überfordert“, berichtet ein Amtsarzt. Die Folge: Je bildungsferner die Eltern sind oder je schlechter sie Deutsch sprechen, desto geringer ist die Wahrscheinlicheit, dass sie eine verfrühte Einschulung ihrer Kinder verhindern können.
Die Erwartung, dass die Grundschulen in diese Aufgabe noch hineinwachsen, schwindet sieben Jahre nach der Reform. „Viele Kinder zeigen Überforderungsreaktionen“, berichtet Ulrich Fegeler vom Bundesverband der Kinderärzte. Spätestens ab der dritten Klasse würden sie dann „schwerst auffällig“. Oftmals schicken die Lehrer ihm die Kinder, damit er ihnen Therapien verschreibe. Es sei aber ein „Irrglaube“, dass man etwa mit Logopädie die Probleme der verfrühten Einschulung beheben könne, mahnt Fegeler, der als Kinderarzt in Spandau arbeitet. Anstatt die Kinder zu früh dem ABC auszusetzen, plädiert er dafür, die Fünfjährigen in die Vorschule zu schicken. Und zwar in der Schule und nicht in der Kita, denn die Kitaqualität sei „allenfalls mittelmäßig“, sagt Fegeler mit Hinweis auf entsprechende Langzeitstudien.








