Unterricht in Multikulti-Klassen : Mehr Respekt, Alter!

Jungen aus Ehrenkulturen fällt es manchmal schwer, Lehrerinnen als Autorität anzuerkennen. Ein Seminar des Projekts "Heroes" soll den Pädagoginnen helfen.

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Jungenversteher. Ahmad Mansour (li.) und Yilmaz Atmaca.
Jungenversteher. Ahmad Mansour (li.) und Yilmaz Atmaca.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Von einer Frau lasse ich mir bestimmt nichts sagen. Dieser Satz ist so mancher Lehrerin bekannt. Vor ihnen sitzen Jungen, die eine weibliche Autoritätsperson aus Prinzip nicht akzeptieren und Mädchen, die an Ausflügen nicht teilnehmen dürfen, aus Angst, ihre Reinheit zu verlieren oder die Ehre ihrer Familie zu beschmutzen. Wie sie mit den unterschiedlichen Werten im Klassenzimmer umgehen sollen, überfordert viele Pädagogen. Ein Seminar soll ihnen helfen, Unsicherheiten zu verlieren.

Angeboten werden die Workshops im Rahmen des Projekts Heroes, das der Verein Strohhalm 2007 in Berlin gegründet hat. In erster Linie dient es dazu, dass junge Männer aus dem arabischen Raum und der Türkei lernen, gegen die Unterdrückung im Namen der Ehre und für die Gleichberechtigung von Mann und Frau einzustehen. Der Psychologe Ahmad Mansour und der Theaterpädagoge Yilmaz Atmaca coachen darüber hinaus aber auch Sozialarbeiter und Pädagogen. Von der Kreuzberger Ferdinand-Freiligrath-Schule nahm kürzlich das gesamte Kollegium an ihrem Seminar teil.

In Rollenspielen üben die Lehrerinnen und Lehrer, wie sie in provokanten Situationen selbstbewusst auftreten und den richtigen Ton finden. Dafür müssten sie die Jugendlichen aus sogenannten Ehrenkulturen aber zunächst verstehen. Viele von ihnen sind laut Ahmad Mansour in patriarchalischen Familien- und Gesellschaftsstrukturen aufgewachsen. „Das bedeutet, dass der Mann die Regeln aufstellt und die Frau gehorchen muss. Handelt sie nicht nach seinen Werten, kleidet sie sich zu freizügig oder hat Sex vor der Ehe, verliert die Familie ihr Ansehen und ist gesellschaftlich ruiniert“, erklärt er. Eine Frau, die in der Schule plötzlich Forderungen an die Jungen stelle, passe jedoch nicht in dieses Bild hinein – und so erzählt Ahmad Mansour zum Beispiel von einer Lehrerin aus seinem Seminar, die schwanger und unverheiratet gewesen sei. Ihr Kind bezeichneten die Schüler als Bastard.

„Ein Verhalten dieser Art basiert allerdings auf Unsicherheit“, sagt Yilmaz Atmaca. Beschönigen möchte er solche Beleidigungen nicht. Er möchte aber darauf hinweisen, dass die Jugendlichen in einem Korsett aus Tabus, Gehorsam und Bestrafung aufgewachsen sind. Ohne Raum für eigene Meinungen und ein starkes Selbstbewusstsein. „Deswegen benehmen sich die Jungen oft wie Machos oder spielen die Ehren-, Nazi-, oder Diskriminierungskarte aus.“

Um sich auf dieses Spiel nicht einzulassen, sollten Lehrerinnen auf Sätze wie „das kannst du mit deiner Mutter machen, aber nicht mit mir“ oder „wir leben hier nicht in der Türkei“ verzichten. Mit solchen Vergleichen würden sie die Familie und Kultur des Schülers abwerten. Stattdessen sollten Pädagogen auf Augenhöhe mit den Schülern sprechen, aber Grenzen aufzeigen. Nicht die Werte einer anderen Kultur angreifen, aber die Werte der Schule selbstsicher vertreten. Und sie sollten Fragen stellen wie zum Beispiel: Warum lässt du dir von mir nichts sagen? Welchen Stellenwert haben Frauen deiner Meinung nach? Was ist an respektlosem Verhalten ehrenhaft? Dabei würden die Schüler schließlich beginnen, kritisch über ihre Worte und Vorstellungen nachzudenken.

Für die Integrationsbeauftragte Monika Lüke ist eine solche Diskussion sehr wichtig. „Lehrer sind neben dem Elternhaus nämlich die prägendsten Wertevermittler“, sagt sie. Und eine Projektionsfläche der Gesellschaft, wie Ahmad Mansour ergänzt. Bei Kritik würden sich die Jugendlichen im Klassenzimmer ebenso fremd und abgelehnt fühlen wie in anderen Situationen ihres Alltags. Doch statt die Konfrontation deswegen zu meiden, sollten Lehrer das Gespräch suchen. „Wir sind quasi am Anfang einer zweiten Aufklärung“, sagt Hildburg Kagerer, Rektorin der Ferdinand-Freiligrath-Schule. Auf das Heroes-Projekt ist sie 2012 aufmerksam geworden, als der Berliner Rabbiner Daniel Alter den Bambi-Integrationspreis an Ahmad Mansour weitergegeben hatte. Zudem liegt der Ausländeranteil an ihrer Schule bei rund 80 Prozent.

Weil ein solch kultureller Mix in Berlin nicht selten ist, muss sich das System Schule laut der Vorsitzenden der Gewerkschaft GEW Berlin, Sigrid Baumgardt, weiterentwickeln. „Heute stehen Pädagogen vor ganz anderen Herausforderungen. Das Problem mit Jungen, die Frauen über sich in der Hierarchie nicht akzeptieren, ist nur ein Beispiel.“ Mittlerweile ist das Thema Interkulturalität ein fester Bestandteil des Referendariats. Im Alltag sieht die GEW-Vorsitzende aber nach wie vor junge Lehrkräfte, die wenig über die verschiedenen Herkünfte ihrer Schüler wissen – und dadurch überfordert sind.

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