Sportprojekt für Spandauer Familien : Da bewegt sich was!

Sonntags können Kinder in acht Spandauer Sporthallen gratis turnen und spielen. Es geht um die Gesundheit von Familien in sozialen Brennpunkten.

Lilith Grull
Gut geschaukelt. Die Sporthalle der Siegerland-Grundschule ist sonntags ein Winterspielplatz.
Gut geschaukelt. Die Sporthalle der Siegerland-Grundschule ist sonntags ein Winterspielplatz.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Mach schneller“, sagt das Mädchen, etwa vier Jahre alt, in weißer Leggins und Sportschläppchen, zu ihrer Mutter und wippt aufgeregt vor und zurück. Die Mutter versucht gerade, die blonden Haare der Tochter zu einem Zopf zu binden. Geschafft. Sofort rennt das Mädchen los, hinein in die Sporthalle der Siegerland-Grundschule im Hermann-Schmidt-Weg im Falkenhagener Feld in Spandau. Die Kleine klettert gleich auf einen Kasten, balanciert dann auf einer eingehängten Bank zum gegenüberliegenden Kasten, um sich von dort aus an Ringen weiterzuschwingen. Überall liegen Matten und Bälle, Trampoline stehen im Raum verteilt. Kinder tollen auf dem Erlebnisparcours herum. Ein Vater schiebt seinen kleinen Sohn auf einem Skateboard umher, andere Eltern üben selbst, die Balance auf dem rollenden Brett zu halten. Nicht wenige der Eltern sind stark übergewichtig. Die Kinder sind eher normalgewichtig.

Es ist ein trüber Wintersonntagnachmittag, kein Tag zum Draußenspielen. Spandauer Familien können in den graueren kalten Monaten – von September bis März – sonntags acht Turnhallen im Bezirk ansteuern, in denen die Kinder sich so viel bewegen können, wie es notwendig ist. Denn das tun sie oft nicht, vor allem nicht in Spandau, wo es viele soziale Brennpunkte gibt.

„Die Bewegten Winterspielplätze sind ein Spandauer Kooperationsprojekt zwischen Medizin, Politik und Sport“, sagt Tanja Goetz-Arsenijevic, Mitarbeiterin der Abteilung Gesundheitsförderung und Prävention im Bezirksamt Spandau. Es gehe neben der Bewegung auch um die Eltern-Kind-Bindung. Seit 2012 gibt es das Projekt, damals startete es mit nur einer festen Halle. Einer der Kooperationspartner ist das Waldkrankenhaus Spandau. „In der Notaufnahme hatten wir immer wieder Kinder mit Gehirnerschütterungen oder Zerrungen“, sagt Frank Jochum, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Waldkrankenhauses Spandau, der Paul-Gerhardt-Diakonie. „Die Häufigkeit war im Vergleich zu anderen Bezirken auffällig.“

Manche können sich keinen Sportkurs leisten

Recherchen, ein Blick in den Sozialatlas und eine gezielte Umfrage zeigten: Kinder aus sozialen Brennpunktgebieten in Spandau haben häufiger gesundheitliche Defizite. Die Gesundheit von Kindern ist eng mit dem sozialen Status ihrer Familie verbunden. Deutschlandweit wird dieser Zusammenhang in der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland dargestellt. Ursachen sind beispielsweise erhöhter Konsum von Digitalem und Bewegungsmangel bei bei ungesunder Ernährung. „Das hängt viel mit dem Angebot zusammen, welches die Eltern den Kindern machen“, sagt Jochum. „Manche können sich einen Sportkurs nicht leisten oder ernähren sich und ihr Kind so, dass sie fettleibig werden. Auch zu viel Gewicht und die dadurch gegebene Bewegungseinschränkung kann zu Verletzungen führen.“

Das Winterspielplatzprojekt, das gerade mit dem Zukunftspreis des Berliner Sports ausgezeichnet wurde, soll das ändern. Das Angebot in Spandau ist kostenfrei, gerade für Familien mit geringen Einkommen und mehreren Kindern eine Möglichkeit, Sport zu machen. Es gibt drei Angebote für Babys und Kleinkinder bis drei Jahre und fünf Angebote für die Größeren bis zehn Jahre. „Die Aufgabe von Sport darf nicht unterschätzt werden. Schon im frühen Alter kann ein Kind dabei seine motorischen Eigenschaften schärfen und lernen, mit dem eigenen Körper umzugehen. Das Angebot von Kita und Schule reicht da nicht aus“, sagt Jochum. „Diese Fähigkeiten entwickeln sich sozusagen nach einem Zeitplan. Wenn man den verpasst, ist es später schwer oder unmöglich, diese Defizite aufzuholen.“

Pamela Chirindza nutzt schon seit vier Jahren das Angebot, zunächst nur mit dem älteren Sohn, der heute vier ist, inzwischen auch mit dem zweiten Kind. „Hier können sie sich austoben, ohne dass ich sie bespaßen muss“, sagt die 29-Jährige. „Mit Eltern, Betreuern und Kindern haben sich hier schöne Freundschaften entwickelt und die Kinder können es kaum abwarten, bis wieder Sonntag ist und sie drei Stunden lang turnen können. Sport macht ihnen hier Spaß.“

In Balance. Mit Papa auf dem Board.
In Balance. Mit Papa auf dem Board.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Jonny Mues kommt seit drei Jahren regelmäßig zum Winterspielplatz in die Siegerland-Grundschule. Seine fünfjährige Tochter und sein achtjähriger Sohn sind Trennungskinder, die Mutter ist in eine andere Stadt gezogen. „Ich habe sie leider nur an sechs Tagen im Monat. Dann will ich ihnen etwas Besonderes bieten. Wenn wir zum Winterspielplatz gehen, kann ich gemeinsam mit ihnen etwas unternehmen und die zwei können ihre alten Spielkameraden wiedertreffen.“

Die Kinder von Mues wachsen – wie alle ihre Altersgenossen – mit Tablet, Smartphone, Fernseher auf. Die sind in den meisten Familien viel im Einsatz. Aber der Winterspielplatz ist eine medienfreie Zone. Digitales ist verboten. Die Kinder halten sich auch daran, nicht aber alle Eltern, einige zücken das Smartphone, um Fotos zu machen. „Bei den vielen glücklichen Kindergesichtern kann man ihnen das aber nicht übel nehmen“, sagt Viola Dobberphul. Die 62-Jährige ist Trainerin beim TSV Spandau 1860. Der Sportverein ist einer der Kooperationspartner des Projekts. Dobberphul betreut mit einer Kollegin als Übungsleiterin jeden Sonntag den Winterspielplatz im Falkenhagener Feld. „Gleich am ersten Tag hatten wir hier 35 Kinder, schnell wurden es 60“, sagt sie. „Natürlich gibt es auch mal die ganz normalen Streitereien, aber die Grundstimmung ist gut. Jeder ist willkommen, egal wie viel er verdient, woher die Familie stammt und wie er aussieht – das versuche ich vorzuleben, und es wird angenommen.“

Das Kooperationsprojekt „Bewegte Winterspielplätze“ ist Teil des größeren „Netzwerks Prävention und Gesundheitsförderung in Spandau“ (Kiju FIT). Mit den Programmen des Netzwerks soll Schulen und Eltern ein Anreiz geboten werden, in der Erziehung nachhaltig etwas zu ändern und unabhängig von ihrem sozialen Status Kindern ein gesundes Aufwachsen zu bieten. Mitarbeiter des Netzwerks gehen auch in Schulen, um dort über Ernährung, Hygiene und Gesundheit zu sprechen. „Meist treten wir an die Bildungseinrichtungen heran, gerne können diese sich jedoch auch bei uns melden“, sagt Jochum.

Sogar aus Zehlendorf ist eine Mutter gekommen

Das Winterspielplatzprojekt weckt bei so manchem Spandauer Kind die Begeisterung dafür, Sport zu machen: „In Spandau haben wir 225 000 Einwohner, davon 31 000 Kinder, und 3000 von ihnen sind beim TSV. Seitdem es die Winterspielplätze gibt, haben wir höhere Anmeldezahlen“, sagt Michael Pape, Vereinsmanager des TSV Spandau 1860 . Doch eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation der Kinder in Spandau sei so nicht wirklich messbar, sagt Jochum. Er freue sich aber, dass die Sporthallen sonntags stets gefüllt seien.

Eine Mutter in grauer Bluse mit starkem Übergewicht hat über Freunde von den Winterspielplätzen erfahren, mit ihrer zweijährigen Tochter ist sie vergangenen Sonntag zum ersten Mal hergekommen – aus Zehlendorf. Dort kennt sie kein vergleichbares Angebot. „Bei dem Wetter lohnt es sich nicht, rauszugehen. Hier kann meine Tochter sich austoben und lernen, mit ihrem Körper umzugehen“, sagt die 41-Jährige. „Natürlich kann man auch in ein Eltern-Kind-Café gehen, aber das ist meist ziemlich teuer.“

Die Veranstalter bemühen sich, dass ihr Vorreiterprojekt schon im nächsten Jahr auch auf andere Bezirke ausgeweitet wird. „Diese Form der Prävention ist nicht nur für Kinder in Spandau wichtig“, sagt Jochum.

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Winterspielplätze:

Noch bis zum 25. März sind die acht Spandauer Hallen sonntags geöffnet, jeweils von 14.30 bis 17.30 Uhr. Die Kinder müssen von einem Erziehungsberechtigten begleitet werden.

Für Kinder bis drei Jahre:

Sport-Centrum Siemensstadt, Buolstraße 14

Sporthalle Wolfgang-Borchert-Schule, Blumenstraße 13

Für Kinder bis zehn Jahre:

Schule an der Jungfernheide, Lenther Steig 1/3

Lynargrundschule, Lutherstraße 19

Astrid-Lindgren-Grundschule, Südekumzeile 5

Christoph-Földerich-Grundschule, Földerichstraße 29

Grundschule im Beerwinkel, Im Spektefeld 31

Siegerland- Grundschule, Hermann-Schmidt-Weg 4

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