Berliner Kulturpolitik : "Wir brauchen eine eigenständige Comicförderung"

"Comic ist Kunst" - unter dem Titel beschäftigt sich das Berliner Abgeordnetenhaus am Montag mit der Comic-Kultur in Berlin. Gast der Anhörung ist der Vorsitzende des Comicvereins - wir haben ihn dazu befragt.

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"Comic ist Kunst": Das Comic-Manifest war im September 2013 in Berlin vorgestellt worden.
"Comic ist Kunst": Das Comic-Manifest war im September 2013 in Berlin vorgestellt worden.Foto: lvt

Am Montag, dem 13. Juni, beschäftigt sich der Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses zum wohl ersten Mal in seiner Geschichte mit der Comic-Szene in Berlin. Gast der vom Piraten-Kulturpolitiker Philipp Magalski beantragten Anhörung ist Stefan Neuhaus, 1. Vorsitzender des 2014 gegründeten Deutschen Comicvereins e.V. Im Tagesspiegel-Interview sagt er, was er von der Sitzung erwartet.

Wie bewerten Sie es aus Sicht des Comicvereins, dass sich das Abgeordnetenhaus jetzt mal mit dem Thema Comic beschäftigt?
Es ist jetzt bald drei Jahre her, dass auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin das Comicmanifest vorgestellt wurde, in dem eine öffentliche Unterstützung der Kunstform Comic und die Einrichtung eines Comicinstituts gefordert wurde. Bisher hat sich die Politik dazu nicht geäußert. Wir begrüßen es deshalb natürlich, dass sich das Abgeordnetenhaus endlich mit dem Thema Comic beschäftigt.

Was läuft gut in Sachen Comic-Kultur und Comic-Förderung in Berlin, was läuft schlecht?
Es gibt eine sehr lebendige Comic-Szene in Berlin und in letzter Zeit zunehmend mehr Veranstaltungen und Ausstellungen zum Thema. Um nur einige Beispiele zu nennen: Das Festival Comicinvasion Berlin fand dieses Jahr zum fünften Mal statt und präsentierte an zwei sehr gut besuchten Tagen die Arbeiten Berliner Zeichner bzw. Künstler, die z.Z. in Berlin arbeiten. Das internationale Literaturfestival veranstaltet seit vielen Jahren einen Graphic Novel Day mit internationalen Autoren. Auch das Literarische Colloquium widmete sich schon mehrfach dem Comic, z.Z. läuft dort die Ausstellung über den legendären argentinischen Comic „Eternauta“, dessen erste deutsche Ausgabe vom Berliner Avant-Verlag veröffentlicht wurde. Es gibt – einmalig in Deutschland - eine nur auf Comics spezialisierte Leihbibliothek, die „Renate“, die zugleich ein Treffpunkt Berliner und internationaler Zeichner ist. Sehr aktive Comic-Verlage haben ihren Sitz in Berlin, wie z.B. avant, jaja und Reprodukt. Erst vor wenigen Wochen wurden sie für ihre Bücher mehrfach auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen ausgezeichnet. Ausländische Kulturinstitute und Botschaften nutzen gerne die Berliner Repräsentanz, um ihre nationale Comicszene vorzustellen. So präsentierte vor kurzem das Tschechische Kulturzentrum den Zeichner Jaromir 99 und die kanadische Botschaft stellte zusammen mit dem Tagesspiegel einheimische Comicautoren vor. Uns schließlich trifft sich alle zwei Wochen das Berliner Comic-Kolloquium, in dem Wissenschaftler ihre aktuellen Ergebnisse im Bereich der Comicforschung vorstellen.

Stefan Neuhaus.
Stefan Neuhaus.Foto: Comicverein

Im Gegensatz zu diesen vielfältigen Aktivitäten gibt es in Berlin so gut wie keine Comic-Förderung: Das Festival Comicinvasion Berlin muss mit einem Micro-Sponsoring auskommen. Entsprechend ist der erste Preis im Zeichen-Wettbewerb dieses Festivals, der vom Comicverein beratend begleitet wurde, eher nur mit einer symbolischen Summe denn mit einem echten Fördergeld ausgestattet. Die Comic-Bibliothek Renate mit ihrem stetig wachsenden Bestand platzt aus allen Nähten und bräuchte dringend mehr Räume. Wir selbst als gemeinnütziger Verein können natürlich auch Förderungen beantragen und auf diese Weise u.a. Comic-Zeichenkurse vermitteln und kofinanzieren, dies sind aber natürlich nur bescheidene Aktionen. Generell werden comicbezügliche Förderungen eben nur sehr selten angeboten.

Was ist Ihre zentrale Botschaft ans Parlament in diesem Zusammenhang?
Erstens: Wir brauchen eine eigenständige Comicförderung, z.B. als Stipendium, die der Eigenständigkeit des Mediums Comic gerecht wird und sich nicht aus Fördertöpfen der anderen Künste, wie z.B. Literatur oder Bildende Kunst, speist. Es ist erfreulich, dass die Senatsverwaltung im Rahmen des Förderprogramms „Arbeitsstipendium für Autorinnen und Autoren“ dem Zeichner Dirk Schwieger 2015 ein Stipendium über 12.000.- Euro zuerkannt hat. Eine feste Etablierung der Förderung der Kunstform Comic ist damit aber nicht sichergestellt. Zweitens: Wir brauchen ein Comicinstitut in Berlin, das mit Bibliothek, Archiv, Vortrags-, Werkstatt- und Ausstellungsräumen ausgestattet ist. Es soll die Künstler und ihre Arbeiten zusammen führen, die wissenschaftlicher Reflektion ermöglichen und zur kulturellen Bildung beitragen. Berlin als ein Zentrum für Kunst- und Kreativwirtschaft eignet sich für so ein Institut besonders gut, denn hier gibt es eine zahlreiche und lebendige Comicszene, wichtige deutsche Comicverlage und umtriebige Partner wie das Internationale Literaturfestival oder die Comicinvasion Berlin. Da es ein solches Comic-Institut in Deutschland noch nicht gibt, könnte Berlin hier eine Vorreiterrolle einnehmen.

Wieweit haben politische Initiativen der Vergangenheit wie eben das Comicmanifest dazu geführt, dass der Comic als Kunstform mehr Anerkennung erfährt?
Nennenswerte Initiativen zur Unterstützung der Kunstform Comic hat es in letzter Zeit nicht gegeben. Eine entsprechende Reaktion verantwortlicher Stellen auf das Comicmanifest auch nicht. Dass Comics in letzter Zeit eine größere Aufmerksamkeit gefunden haben, liegt wohl eher daran, dass Comics im kulturellen Diskurs eine zunehmende Akzeptanz erfahren und eine junge Generation von Lesern, die wie selbstverständlich mit Comics aufgewachsen ist, frischen Wind in die Kultur-Szene bringt.

Was sind die wichtigsten Ziele des Comicvereins in Bezug auf die Comic-Kultur in Berlin?
Wie oben schon genannt setzen wir uns für die Einrichtung eines Berliner Comic-Förderpreises und längerfristig für die Etablierung eines Comic-Instituts in Berlin ein. Die Zeichnerszene unterstützen wir u.a. durch Mitarbeit an der Ausrichtung des Zeichenwettbewerbs der Comicinvasion Berlin und durch Vermittlung von Zeichenworkshops. So konnten wir im April einen Comicworkshop mit Kindern aus einer Flüchtlingsunterkunft durchführen, den wir im Juli fortsetzen werden. Dies sind Angebote, die auch für viele Berliner Institutionen interessant sind: So bereiten wir aktuell Comic-Kooperationen u.a. mit Schulen und Bibliotheken vor, um ihnen den Zugang zum Medium Comic zu erleichtern.

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