Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2014 - Stefan Pannors Favoriten

Welches sind die besten Comics des zu Ende gehenden Jahres? Das wollen wir von unseren Lesern und von Comic-Kritikern wissen. Heute: Der Blogger und Fachautor Stefan Pannor.

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Nachschub gesucht? Unsere Jury und unsere Leser hätten da ein paar Tipps. Foto: picture alliance / dpa
Nachschub gesucht? Unsere Jury und unsere Leser hätten da ein paar Tipps.Foto: picture alliance / dpa

Derzeit fragen wir unsere Leserinnen und Leser, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren. Parallel dazu ist wie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt worden. Sie besteht aus Anne Delseit (AnimaniA, Comix), Lutz Göllner (zitty), Volker Hamann (Reddition), Matthias Hofmann (Alfonz), Martin Jurgeit (Comix, Buchreport), Stefan Pannor (Blogger, Spiegel Online), Frauke Pfeiffer (Comicgate), Andreas Platthaus (FAZ) und Lars von Törne (Tagesspiegel).

Jedes Jurymitglied ist aufgefordert, unter den im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen Titeln seine fünf Favoriten zu nennen, mit Punkten zu bewerten und die Auswahl kurz zu begründen. Daraus ergibt sich eine Shortlist, über die die Jury in Kürze endgültig abstimmt.

Hier dokumentieren wir die Favoriten von Stefan Pannor, Blogger (pannor.de) und Autor für diverse Fachmedien.

Platz 5
Mawil: Kinderland
(Reprodukt)
Sicher, man kann einiges an diesem Buch kritisieren: den pauspapierdünnen Plot (Junge macht Tischtennisturnier, und dann fällt die Mauer), die generische Charakterzeichnung vom Grundschüler-David gegen die Goliaths der höheren Klassen, das eine oder andere fehlerhafte Detail (ein „Sputnik“-Heft, 1989 – das Magazin war 1988 in der DDR verboten worden) und den mehr als plötzlichen Schluss. Was „Kinderland“ trotz allem so gut macht, ist seine Alltagsrekonstruktion. Die funktioniert über die Sprache – kaum zu glauben, so haben Schüler damals wirklich gesprochen – genauso wie über die vielen wie beiläufig eingestreuten Details: Wandzeitung, Westfernsehen, Ferienlager und Depeche Mode. Das Hintergrundrauschen des Alltags wird zum eigentlichen Akteur - Mawil hat nicht so sehr einen Comicroman über die Vorwendezeit gemacht, sondern vor allem ein Sittenbild über die letzten Wochen in einem Land, das sich in seinen eigenen Widersprüchen ungemütlich behaglich eingerichtet hatte und für dessen Bevölkerung der Umsturz selbst am überraschendsten kam.

Stefan Pannor. Foto: Privat
Stefan Pannor.Foto: Privat

Platz 4:
Sebastian Lörscher: Making Friends in Bangalore
(Edition Büchergilde)
Das Reisetagebuch ist ein Klischee in sich. Nahezu jeder Rucksacktourist führt es, in Indien kann man die eifrigen Tagebuchschreiber abends in den Motels beobachten. Wenige bringen es zur Eleganz von Sebastian Lörscher, dessen Reisetagebuch vor allem durch Konzentration der Situation auffällt: ein Monat nur für eine Stadt. Lörscher geht unbefangen an die unbekannte Situation heran, nein besser noch, er lässt die Situation an sich herankommen. Was dabei entstanden ist, ist eigentlich zu wenig und doch so atemberaubend überreichlich: wie Lörscher den indischen Alltag, die Aufbruchsstimmung der Gesellschaft, aber auch die Armut, den Dreck, die Traditionsverhaftung und die sozialen Stolperfallen in hochkomischen kurzen Sequenzen, herrlich reduzierten Spontanbildern und genau beobachteten Verhaltensweisen und Bewegungsabläufen skizziert. Unterstützt wurde der Aufenthalt vom Goethe-Institut, und man möchte sagen, wenn solche Bücher dabei rauskommen, dann schickt den Mann doch bitte noch ein bisschen rum.

Platz 3:
Vera Brosgol: Anyas Geist
(Tokyopop)
Ist es Zufall, dass die interessantesten jungen Comicerzähler Nordamerikas – Raina Telgemeier, Faith Hicks, Joelle Jones, um nur einige zu nennen, und eben Vera Brosgol – so oft Frauen sind? Die Umwälzungen des amerikanischen Comicmarktes im vergangenen Jahrzehnt haben es möglich gemacht, dass Titel, die früher allenfalls Indie-Achtungserfolge gewesen wären, jetzt mitunter sogar Bestseller sind. Vera Brosgol muss mit „Anyas Geist“ hier allenfalls als Vorbote gesehen werden: wo das herkommt, gibt’s noch sehr viel mehr. Ihre Geschichte steht durchaus typisch für die Vorgehensweise aller genannten Autorinnen, sie vermengt autobiografisches – Brosgol ist wie Anya Exilrussin – mit offen fiktivem, in diesem Fall dem Geist, der nach und nach Besitz von der Titelfigur ergreift. Das ist eine Gruselgeschichte, klar. Aber eine gut geerdete. Wie ihre Kolleginnen zeigt Brosgol ein Gespür für Details aus dem Teenageralltag, die sich selbst für alte Säcke wie mich einfach richtig anfühlen, und erzählt schnörkellos, von klarer grafischer Eleganz und mit dem Selbstbewusstsein jener Erzähler, die nicht mehr an das einengende Heftformat gebunden sind, spannend, temporeich und wahnsinnig unterhaltsam.

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