Comic-Kontroverse : Prügeln und vögeln

Helmut Wietz' '68er-Comic „Der Tod von Adorno“ spaltet die Kritiker. Lutz Göllner sah darin kürzlich eine „reizvolle Herausforderung“. Das provozierte eine Entgegnung von Thomas Hummitzsch: Er findet das Buch „eine Zumutung für jeden Comicfan“.

von
Sexuelle Revolution? Eine von vielen expliziten Szenen des Buches.
Sexuelle Revolution? Eine von vielen expliziten Szenen des Buches.Foto: Metrolit

Der Comic "Der Tod von Adorno" erzählt von den Abenteuern des Proletariers Trollscack im Berlin der '68er - und war 45 Jahre lang in Arbeit. Kürzlich schrieb unser Autor Lutz Göllner eine wohlwollende Rezension dieses Werkes, dem er allerdings auch attestierte, es sei „harter Stoff“. Unseren Autor Thomas Hummitzsch hat das zu folgender Entgegnung angeregt.

Alter schützt vor Torheit nicht. Dieser Satz rauscht einem unweigerlich durch den Kopf, wenn man Helmut Wietz' Triple-P-Comic „Der Tod von Adorno“ hinter sich gebracht hat. Die drei P stehen dabei für den Anspruch, Politik, Philosophie und Pornographie hier zu einem irgendwie sinnvollen Ganzen zusammenzufügen. Ein viertes P für die Pop-Art-Grafik des Machwerks könnte man dem Comic noch hinzufügen.

Im Mittelpunkt dieser 68er-Geschichte steht der Prolet Hermann C. Trollschack, der, von seiner Erscheinung an Stephen Kings Clown Pennywise erinnernd, als Fährmann alte Ausgaben von Bild, Zeit und Konkret liest, jedem nackten Frauenbein hinterhergiert und dessen erotische Fantasien wilde Züge annehmen. Und wenn es auch meist klappt mit den Frauen, ausgerechnet bei Kunigunde, seiner großen Liebe, will es nicht klappen.

Prügelnd und fickend stößt sich Trollschack bis in die pseudointellektuellen Kreise der linken Studentenschaft vor und wird Teil eines Projekts für „systemverändernde Pornofilme“. Das entsprechende Werbematerial für den Beate-Uhse-Versand wird mit freundlicher Genehmigung von Walter Ulbricht von KZ-Häftlingen in Mittelbau-Dora erstellt. Trollschack wird als linksextremer Vertreter des Proletariats in die Filmakademie aufgenommen. Sein Ziel aber ist der Elfenbeinturm zunächst der Uni in Frankfurt, „wo die Gralshüter der dialektischen Aufklärung sitzen“ und schließlich der Bundestag in Bonn, wo die Studenten Adorno zum Bundespräsidenten küren.

Studentische Parolen wie „Nonsens statt Konsens“ und „Macht kaputt was Euch kaputt macht“ sind die Klammern, die der Filmproduzent Helmut Wietz um dieses Sammelsurium dialogischer Platitüden, unterlegt mit grellbunten Pop-Art-Zeichnungen, gelegt hat, in dessen Mittelpunkt neben Trollschack auch der damalige Papst der Soziologie-Studenten Theodor Adorno steht. Das zweite Leitmotiv der freien Liebe beschränkt sich schnell auf die Penetration und führt die etymologische Verwandtschaft von penetrieren und penetrant unvermeidlich vor Augen.

Lichtenstein lässt grüßen. Das Buchcover.
Lichtenstein lässt grüßen. Das Buchcover.Foto: Metrolit

Die Zutaten für diese comicale Zumutung sind die linksextremen Argumente der rebellierenden Studentenschaft und die nationalkonservativen Positionen der etablierten Politiker, die politische Philosophie der Frankfurter Schule und die pseudophilosophische Berliner Kommunenpornografie, eine Farbpalette, einige Musterschablonen und ein paar Tüten Russisch Brot für die wenig erfrischenden Dialoge.

Ist „Der Tod von Adorno“ aber nicht vielleicht doch ein anarchistisches Underground-Comic für Liebhaber? Nein! Denn eine erweiterte Bedeutung von Text und Bild in ihrer Kombination, wie sie die Neunte Kunst auszeichnet, wird hier nicht ermöglicht. Was avantgardistisch sein will, ist am Ende nur Stückwerk, das nicht zusammengeht.

Wietz’ 1967 begonnener und erst jetzt beendeter Comic ist ein Beleg dafür, dass man nicht alles, was man in seinen revolutionären Zeiten begonnen hat, auch beenden muss. 

Helmut Wietz: "Der Tod von Adorno", Walde + Graf bei Metrolit Verlag, 60 Seiten, 22 Euro. Ein Interview mit Helmut Wietz zur Entstehungsgeschichte es Buches finden Sie unter diesem Link.

4 Kommentare

Neuester Kommentar