Interview : „Mit dem Tod ist nicht alles vorbei“

Felix Pestemers Erzählung „Der Staub der Ahnen“ schildert eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund der mexikanischen Totenkultur. Im Interview erklärt der Berliner Künstler, wie es dazu kam.

Andreas Hartung
Zwischen Leben und Tod: Eine Doppelseite aus „Der Staub der Ahnen“.
Zwischen Leben und Tod: Eine Doppelseite aus „Der Staub der Ahnen“.Illustration: Pestemer

In der kürzlich veröffentlichten Graphic Novel „Der Staub der Ahnen“ des Berliner Zeichners Felix Pestemer erinnert sich der Wächter eines Maskenmuseums in einem Brief an die verstorbenen Mitglieder einer befreundeten Familie. Für ihn – und auch für den Leser – leben die Toten durch die Erinnerung weiter. Eingebettet ist die Erzählung in die Feierlichkeiten um den mexikanischen „Tag der Toten“. Dieser ist der größte und bekannteste Feiertag Mexikos. 2003 wurde er sogar zum Weltkulturerbe erklärt. Andreas Hartung hat Pestemer für den Tagesspiegel interviewt.

Tagesspiegel: Der „Tag der Toten“ - was ist das für ein Feiertag?

Felix Pestemer: Das Fest ist den Verstorbenen gewidmet. Die Familien gedenken ihrer Toten. Vor allem in den indigenen Strukturen herrscht der Glaube, dass die Geister die Seelen der Toten an diesem Tag, dem 1.November, zurück auf die Erde kommen und mit den Lebenden feiern. Die ursprüngliche Version von „Staub der Ahnen“ war noch gar kein Graphic Novel, sondern ein Bildband mit erklärenden Tafeln. Diese habe ich 2009 mit Unterstützung einiger Sponsoren selbst produziert. Da ging es eher darum pseudodokumentarische Bilder zu schaffen, die einen Einblick in die mexikanischen Traditionen geben. Vor allem um das größte Fest des Jahres, den Tag der Toten. Wo zu Hause die Totenaltäre aufgebaut und mit vielen persönlichen Artefakten der Verstorbenen geschmückt werden. Wie das zu deuten ist, war mir lange nicht klar. Heute glaube ich, dass diese ganzen Skelette und Totenschädel aus Zuckerguss zwar den Tod verkörpern, aber der Umgang mit den Toten ist eher ein Geisterglaube und nicht so makaber.

Das heißt das Skelett steht zwar in Mexiko auch für den Tod, aber es ist nicht wie bei uns eine Allegorie, die den Tod personifiziert als Sensenmann dargestellt?

Genau…es gibt zwar diese Skelette und Zuckerschädel, aber ich glaube nicht, dass Mexikaner sich ihre Liebsten und Verstorbenen als Skelette vorstellen. Das war bei meiner Arbeit für viele Mexikaner auch sehr exotisch, dass da jemand kommt, der das so darstellt. Aber es war deswegen nie jemand beleidigt.

Bei uns in Europa ist ja um dieses Datum Allerheiligen und anschließend Allerseelen. Und das ist ja durchaus ähnlich. Allerseelen ist der Tag des Totengedenkens. Jedoch feiert man nicht mit den Toten, sondern gedenkt ihrer -  was früher wichtig war für das Seelenheil der Verstorbenen. Je mehr Leute sich an einen erinnern und ins Gebet einschließen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit der Erlösung.

Das ist ja katholisch… und der Tag der Toten ist eine Vermischung von dem, was in der vorspanischen Zeit schon dagewesen ist, und dem was die Spanier mitgebracht haben. Also eine Mischung aus Katholizismus und indigenen Religionen. Ich glaube die Spanier haben bald erkannt, dass sie mehr Erfolg haben, wenn sie versuchen das zu integrieren, was da an Traditionen schon vorhanden ist und immer wieder durchschlägt. Deswegen haben sie auch den Tag der Toten auf dieses Datum gelegt. Ich glaube jedoch, dass die indigenen Einflüsse kulturell viel stärker waren. Schau dir an: Wie bildhaft das heute noch ist und wie abgefahren im Vergleich zu dem, was wir hier in Europa kennen.

Woher stammt Dein Interesse für dieses Thema? Hast Du ein Interesse an kulturellen Bräuchen, oder bist Du generell interessiert am Umgang mit dem Tod und dem Tod als Phänomen?

Ich war 2000/2001 ein halbes Jahr in Mexiko. Das war eher zufällig. Und weil ich kein Spanisch konnte, habe ich natürlich einen Sprachkurs besucht. Die Lehrerin hat viel Wert darauf gelegt, dass man auch einen Einblick in die mexikanische Kultur bekommt. Als dann der Tag der Toten kam, hat sie uns Schüler mit zu sich nach Hause genommen. Das war mein erster Kontakt und das hat mich stark beeindruckt und sehr fasziniert… Außerdem habe ich ein Faible für Friedhöfe oder für Dinge, die im Verfall begriffen sind. Jedoch immer in dem Zusammenhang, dass daraus etwas Neues entsteht. Das kann auch ein ganz vergessenes Grab sein. Wer liegt hier? Wer ist das gewesen? An solchen Orten sieht man Zeit und dass sie letztendlich die größte Macht hat. Alles ist irgendwann vergessen und geht dann vielleicht in irgendwas Anderem auf.

Premiere: Der Berliner Comicautor Felix Pestemer in einer Ausstellung zu seinem Erstlingswerk, die kürzlich auf dem Comicfestival Angouleme zu sehen war..
Premiere: Der Berliner Comicautor Felix Pestemer in einer Ausstellung zu seinem Erstlingswerk, die kürzlich auf dem Comicfestival...Foto: Lars von Törne

Empfindest Du das als Morbide? Zeit ist ja etwas Natürliches.

Nein, eigentlich empfinde ich das nicht als Morbide. Aber es kann für Außenstehende so aussehen. Viele Sachen finde ich nur schön, wenn sie auch etwas verfallen sind.

Anschließend warst Du von 2005/2006 noch mal über den Deutschen Akademischen Austauschdienst dort…

Zu dem Zeitpunkt wusste ich dann auch schon, was ich machen will. Ich bin viel herumgereist und habe recherchiert und angefangen Skizzen zu machen.

Der Umgang der Mexikaner mit dem Tod scheint ein leichter zu sein…

Das ist die positive Leseart.

Was ist die negative?

Der mexikanische Schriftsteller Octavio Paz hat gesagt, dass es dadurch auch eine Verachtung gegenüber dem Leben gibt. Das geht dann damit einher, dass man sich über den Tod lustig macht. Wir vermuten darin eher eine Wertschätzung des Lebens im Angesicht des Todes. Aber die ist dort nicht unbedingt gegeben.

Aber dieser Umgang scheint faszinierend, weil es konträr ist, wie wir den Umgang mit dem Tod bei uns erleben. Da scheint das befreiend leicht zu sein.  Das europäische  Memento Mori des Mittelalters beinhaltet zwar auch viel Spielerisches und hat mitunter auch etwas Drastisches, meint es aber eigentlich todernst.

Ja, das spätmittelalterliche Memento Mori ist ziemlich angstgesteuert. Und in Mexiko ist der Tag der Toten ein cooles Fest. Die wissen dort auch, wie man feiert. Und jene, welche daran glauben, die freuen sich auch auf ihre Toten. Für mich ist das natürlich eher eine abstrakte Sache. Aber dort ist das dann auf einmal total materialisiert, haptisch und sinnlich. Bei uns ist das ja eher karg.

Es hat zumindest immer etwas Getragenes.

In Mexiko gibt es am Tag der Toten zum Beispiel keine Berührungsängste mit Lautstärke. Es wird geböllert und mit Waffen in die Luft geschossen. Zum Teil auch richtig gesoffen. Es gibt eine Szene im Buch, wo ein Besoffener auf einem Grab liegt - das habe ich einfach so gesehen. Das habe ich am nächsten Tag in mein Skizzenbuch gezeichnet. Ob der auf einem fremden Grab zusammen gebrochen ist oder er auf einem Grab liegt, wo jemand liegt, der ihm ganz nah war, weiß ich nicht. Es gibt aber auch eher besinnliche Rituale, wo die Familie nachts am Grab der Toten wacht. Ich habe versucht beides in meiner Erzählung darzustellen.

Im Übergang: Eine Szene aus dem Buch.
Im Übergang: Eine Szene aus dem Buch.Illustration: Pestemer

Es gibt also in Mexiko einen anderen Umgang mit dem Sterben?

Ich denke schon. Wir hängen auf jeden Fall mehr am Leben und es wird mehr wertgeschätzt. Aber ich glaube, der Tod ist dort auch näher. Ich glaube nicht, dass die Mexikaner keine Angst vor dem Tod haben. Vielleicht haben sie weniger Angst. Sie machen sich immerhin darüber lustig, was ich eine beneidenswerte Art und Weise finde mit dem Fakt umzugehen, der uns irgendwann blüht.

Das gibt es bei uns ja eigentlich auch. Es ist ja noch nicht lange so, dass der Tod im Alltag und in der Öffentlichkeit, außer in den Nachrichten, keine Rolle mehr spielt. Man sieht ja auch keine Leichenwagen mehr in der Öffentlichkeit. Beziehungsweise sind sie nicht mehr zu erkennen. Es muss ja noch welche geben. Wir sehen welche, aber wir erkennen sie nicht mehr, weil sie getarnt sind.

Es ist ja auch nicht mehr üblich, dass die Toten zu Hause aufgebahrt und betrachtet werden, was ich aber prinzipiell als eine gute Art und Weise finde, sich damit ab zu finden. Ich war als Zivi in der Geriatrie und habe da auch ein paar Mal Sterbebegleitung gemacht. Das waren sehr prägende Erlebnisse. Und ich glaube, dass so ein Ritual, ein gutes Vehikel ist damit umzugehen. Aber bei mir im Buch geht es vor allem um persönliche Beziehungen… um Liebe letztendlich.

In deinem Buch gibt es eine Art Jenseits, wo die Figuren deren Lebensgeschichte bzw. Sterbensgeschichte wir erfahren, als Skelette solange weiter existieren, wie sich noch jemand an sie erinnert. In dem Moment, wo das Maskenmuseum abbrennt, löst sich auch das fröhlich speisende Skelett des Maskenschnitzers auf.

Ja, die Angst vor dem Tod wird da ein Leben weitergeschoben.

Nach dem Motto: Du bist erst richtig tot, wenn der letzte Mensch, der sich an dich erinnern kann gestorben ist. Das ist aber keine typische mexikanische Jenseitsvorstellung, oder?

Nein, das ist einfach eine persönliche Lesart von dieser Form der aktiven Erinnerung. Der Tod ist ja ein starker Einschnitt, aber solange sich jemand erinnert, haben die Verstorbenen noch eine gewisse Existenz. Jemand stirbt, wird zu Erde und dann wächst da neues Leben heraus. Die Identität löst sich zwar auf, aber etwas bleibt zurück und ohne das, würde alles auch etwas anders aussehen. Viele Bilder, die ich benutzt habe, haben mit dem Tag der Toten zu tun, aber die Lesart ist eine andere, bzw. was ich daraus mache. Normalerweise wären die Toten nach dem Feiertag wieder weg und würden erst ein Jahr später wiederkommen. Aber bei mir haben die eine Parallellexistenz. Sie feiern eine Party und leben ein Alltagsleben. Jedoch als Skelette, um auch zu verdeutlichen, dass sie tot sind.

Aber diese Parallelexistenz in deiner Erzählung ist ja endlich. Genauso wie ihre vorherige menschliche Existenz und danach folgt die totale Auflösung…

Staub.

… na das wäre ja die totale Auflösung.

Aber das muss ja auch nicht sein. Man könnte das ja auch immer weiter erzählen. So wie bei den Brüdern Löwenherz.

Aber hast Du ja nicht. Der Maskenbauer löst sich endgültig auf, als das Letzte, was noch Zeugnis von seiner Existenz ablegte, zerstört wird. Diese Auflösung hat zwar etwas Friedliches…

Immerhin lächelt er dabei.

Druckfrisch: Kürzlich ist das Buch parallel auf Deutsch und Französisch erschienen.
Druckfrisch: Kürzlich ist das Buch parallel auf Deutsch und Französisch erschienen.Foto: Pestemer

Aber es ist das Ende seiner Existenz, wie er sich versteht. Seines Bewusstseins.

Naja… vielleicht ist es an dem Punkt auch nur die Auflösung der materiellen Existenz. Alles was ihm noch am Leben erhalten hat, war sein Werk. Und als das zerstört wird, zerfällt auch er. Ich persönlich sehe das jetzt zwar nicht so, aber hier ist das die Logik innerhalb des Buches. Ich war mal auf einem unglaublichen Friedhof und habe auf einer alten Müllhalde einen alten offenen Sarg gesehen. Da lagen noch die Seile drin und man sah die Abdrücke, wo der Tote gelegen hat. Dieser Abdruck war wie eine Aura. Und das war ein ganz materialistisches Erlebnis. Der Unterschied zwischen Sein und Nichtsein. Und das habe ich dabei im Hinterkopf gehabt, als ich die letzte Szene mit dem Maskenschnitzer gezeichnet habe. Vermutlich habe ich das so verarbeitet.

Glaubst Du an ein Leben nach dem Tod?

Na, ich glaube auf jeden Fall, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist. Aber was da ist - keine Ahnung. Das ich Erinnerung habe, an Menschen die gestorben sind und die ich gekannt habe. Das ist ja auch schon was. Aber, was passiert mit der Erinnerung? Davon handelt das Buch ja auch. Der erste Tod, der des Jungen ist ganz nah und der Schmerzlichste. Der nächste ist von alten Leuten. Das ist auch die einzige Abbildung von Sterben, wie bei uns die meisten sterben. Die anderen sind eher heftige Anekdoten. Je weiter sie in der Vergangenheit liegen, umso mehr verändert sich die Erinnerung. Erst sind sie Erinnerung, dann sind sie eine Geschichte, dann eine Legende und am Ende ein Symbol. Und was kommt dann? Vielleicht ist das die Frage, die ich mir gestellt habe. Gibt es dann einen Punkt, wo nichts mehr bleibt? Der tröstliche Aspekt in der „Staub der Ahnen“ ist genauso relativ, wie die Endgültigkeit des Todes. Denn das Dasein im Jenseits - in der Geschichte: in der Gruft - ist nicht mehr als ein Aufschub. Dahinter stehen zwei Intentionen, die sich eigentlich widersprechen, denen ich unterschwellig aber anscheinend beiden entsprechen wollte. Als erstes keine Angst vor dem Tod zu haben. Wer weiß schon, was danach kommt und wer kann sich schon ein endgültiges Ende vorstellen. Und zweitens Aufhören so zu tun, als wäre man unsterblich. Wer sterblich ist, sollte auch so handeln. Also tut es!

Felix Pestemer: Der Staub der Ahnen, Avant, 88 Seiten, 24,95 Euro. Zu Pestemers Website geht es hier. Eine Leseprobe steht hier. Und zu seinem Verlag geht es hier.

1 Kommentar

Neuester Kommentar