Krimi-Comics : Mehr als ein Verbrechen

Kaum ein anderer Autor hat den französischen Krimi so geprägt wie Jean-Patrick Manchette. Jetzt sind zwei neue Comic-Adaptionen seiner Romane auf Deutsch erschienen.

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Kindesentführung, Geheimdienste, Waffenhändler: Eine Szene aus „Blutprinzessin“.
Kindesentführung, Geheimdienste, Waffenhändler: Eine Szene aus „Blutprinzessin“.Foto: Schreiber & Leser

Jean-Patrick Manchette, der 1995 im Alter von nur 52 Jahren verstarb und neben zahlreichen Kritiken, Essays und Drehbüchern ein knappes Dutzend Romane geschrieben hat, gilt als Wegbereiter des Néo-Polar, des modernen französischen Krimi. Manchette ließ sich von der revolutionären Stimmung der ausklingenden 60er inspirieren, und so entfalteten sich bei ihm ab den 70ern erstmals system- und sozialkritische Betrachtungen in der obligatorischen Düsternis des klischeefreudigen Roman Noir. Nun sind zwei neue Comic-Adaptionen erschienen, die auf den Büchern des Franzosen basieren, die im beschaulichen Distel Literatur Verlag mittlerweile allesamt in neuer Übersetzung auf Deutsch vorliegen.

Im Visier

Zum einen ist da der vielseitige, stets unverkennbare Altmeister Jacques Tardi, der mit Manchette als Szeneristen bereits 1978 „Der Schnüffler“ schuf und 2005 außerdem Manchettes Roman „Le petit bleu de la côte ouest“ („Westküstenblues“) in Panels und Sprechblasen umbrach. Tardi, der mit seinen Adaptionen zu Léo Malets Detektiv Nestor Burma noch einen anderen großen Meister des französischen Kriminalromans adaptiert hat, schildert in der vorliegenden Comic-Aufbereitung von „La Position du tireur couché“ („Position: Anschlag liegend“) das Scheitern der Ausstiegspläne eines Killers, der in „Im Visier“ mit fatalen Wahrheiten konfrontiert wird.

Lakonie und Härte: Eine Seite aus „Im Visier“.
Lakonie und Härte: Eine Seite aus „Im Visier“.Foto: Edition Moderne

Der Killer, der nicht aufhören darf – eine bewährte und noch heute gerne beackerte Ausgangssituation des Noir-Genres, die Manchette 1982 mal mit großer Lakonie, mal mit großer Härte anging und zum Vehikel einer gnadenlosen Gesellschaftsstudie gemacht hat, ohne den roten Faden je außer Acht zu lassen. Dass er hier und da dann etwas zu viel des Guten ist, liegt weniger an Manchette und viel mehr am Genre und den darin gepflegten Konstruktionsmechanismen, die sich letzten Endes bei allen anderen großen Noir-Autoren finden. Der Leser kann es verschmerzen und sich dennoch dem Sog der Story ohne Happy End hingeben, die sich auch hier den Gepflogenheiten des Noir-Sujets beugt. Wo die Hardboiled-Detektive der Hammett/Chandler-Schule öfters noch mit blauem Auge davon kommen und eine Art glückliches Ende kriegen, ist im Roman Noir für gewöhnlich kein Platz für einen glücklichen Ausgang. Aber man wird ja wohl noch hoffen dürfen - und tut es auch, und zwar bis zur letzten Seite. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es in Noir-Stoffen eigentlich nur selten um den Schlussakkord geht und der Weg zum Ziel entscheidend ist.

Blutprinzessin

Auch Max Cabanes ist schon eine ganze Weile in der französischen Comic-Szene aktiv. Anfang der 90er hat er dann mit „Herzklopfen“ und „Die Zeit der Halbstarken“ zwei außergewöhnliche Comic-Geschichten vorgelegt. In „Blutprinzessin“ setzt er nun einen ziemlich komplexen und abwechslungsreichen Thriller in Szene, in dem viele Elemente am Rotieren sind: Kindesentführung. Geheimdienste. Waffenhändler. Die allgemeine Krisenstimmung im Kalten Krieg. Zwischen exotischen Schauplätzen im kubanischen Dschungel und rauchverhangenen Pariser Büros entwickelt sich ein packendes Thriller-Drama, das innerhalb vertrauter Parameter die persönliche Ebene zum Schluss ganz verlassen und von geradezu globaler Bedeutung sein wird.

Unvollendet vollendet: Das Cover von „Blutprinzessin“.
Unvollendet vollendet: Das Cover von „Blutprinzessin“.Foto: Schreiber & Leser

Cabanes verfolgt – wie zu erwarten – einen völlig anderen zeichnerischen Ansatz als Tardi. Und ganz davon abgesehen, dass das gut zur Story passt und super aussieht, hat ja auch Manchette mit den beiden nur sechs Jahre auseinanderliegenden Büchern zwei völlig konträre Romane abgeliefert. Damit zeigte er, dass auch der französische Krimi bzw. der französische Thriller die Muskeln spielen lassen kann, wenn er denn möchte. Vor allem im zweiten Teil der Geschichte wird richtig Gas gegeben und manch ein Haken geschlagen, präsentiert sich das Ganze als ein actionreicher, verwinkelter Thriller von cineastischer Qualität.

Dass die zwischen 2009 und 2011 im Original in zwei Alben erschienene Comic-Version von „La Princesse du sang“ dabei lediglich auf einem unvollendeten Romanfragment basiert, das Manchettes Sohn Tristan Jean unter dem Pseudonym Doug Headline bearbeitet hat, stört nicht sonderlich. Natürlich ist es dennoch eine traurige Geschichte: Jean-Patrick Manchette wollte mit diesem ersten neuen Roman nach sieben Jahren in den großen Literaturbetrieb zurückkehren, aus dem er sich 1982 weitgehend zurückgezogen hatte, weil ihm das revolutionäre Klima, in dem seine Romane bisher entstanden waren, fehlte. Seine schwere Erkrankung machte diese Pläne jedoch zunichte. Der nicht mehr fertiggestellte Roman erschien 1996 einschließlich Manchettes Notizen nur noch posthum.

Hinter dem Verbrechen

Beide Comic-Adaptionen, die von der Edition Moderne und dem Verlag Schreiber & Leser im Hardcover präsentiert werden, passen hervorragend zum jeweiligen Stil von Tardi und Cabanes - Tardi an „Blutprinzessin“ hätte nicht wirklich funktioniert, und Cabanes hat sich ebenfalls genau die richtige Vorlage ausgesucht.

Ohne Happy End: Das Cover von „Im Visier“.
Ohne Happy End: Das Cover von „Im Visier“.Foto: Edition Moderne

Auf ihre Art beide manchmal etwas sperrig, zeigen „Im Visier“ und „Blutprinzessin“ wunderbar die wahre Bandbreite der von Jean-Patrick Manchette so nachhaltig geprägten französischen Krimi-Gattung, die nicht nur das eigentliche Verbrechen abbildet, sondern vor allem auch die Gesellschaft dahinter - durchaus wie die amerikanischen Vorbilder also, die Manchette übrigens sehr schätzte, aber am Ende dann eben doch auch gänzlich eigen und stets ausgesprochen europäisch.

Jean-Patrick Manchette/Jacques Tardi: Im Visier, Edition Moderne, 106 Seiten, 24 Euro, Leseprobe hier

Jean-Patrick Manchette/Doug Headline/Max Cabanes: Blutprinzessin, Schreiber & Leser, 160 Seiten, 24,80 Euro, Lesprobe hier

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