„Nick Cave - Mercy On Me“ : Wo die wilden Striche blühen

In „Mercy On Me“ verknüpft Comicautor Reinhard Kleist die Biografie des Musikers Nick Cave mit dessen Figuren. Ein gelungener Zugang - auch wenn ein Aspekt schmerzt.

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Harter, düsterer Strich: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Harter, düsterer Strich: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Carlsen

Am Ende steigt noch Robert Johnson mit seiner „Ten-Dollar-Guitar“ zu Nick Cave ins Auto und fragt irgendwann: „Wer sind sie eigentlich, Mann?“ Und Cave sagt: „In dieser Geschichte bin ich auch nur eine Figur.“ Es ist dies die Geschichte des Comicautors und -zeichners Reinhard Kleist, in der die Blues-Legende Johnson und sein legitimer, vom Punk zusätzlich beeinflusster Nachfahre sich befinden. Die Geschichte trägt den Titel „Mercy On Me“ und erzählt in Ansätzen Caves Biografie, unter Zuhilfenahme seiner Songs.

Aus diesen kommen sie hervor, die Figuren, die Cave erfunden oder wieder zum Leben erweckt hat, wie Johnson – und die er, was viel häufiger vorkommt, wieder sterben lässt. Sie stellen ihn bei Kleist zur Rede, begegnen Cave auf Augenhöhe, von Figur zu Figur gewissermaßen, von totem, songgewordenen Mythos zu lebender Legende. Es beginnt mit dem Jungen aus dem „Hammer Song“, geht weiter mit Elisa aus „Where The Wild Roses Grow“, dem stummen Eucrid Eucrow aus Caves Roman „Und die Eselin sah den Engel“ sowie dem Todeskandidaten aus „The Mercy Seat“, um schließlich mit einem ganzen Ensemble und dem „Higgs Boson Blues“ zu enden.

„Tac-tac-tac“ macht die Schreibmaschine ohne Unterlass

Also darf Nick Cave sich gleichermaßen in seinen Songs und seinem Leben gefangen fühlen, darf sich erinnern, trotz der Probleme damit, „Can’t remember anything at all“, darf Assoziation an Assoziation reihen, darf zurückblenden: in die Zeit mit seinen Bands Boys Next Door, The Birthday Party und Bad Seeds, nach London und Berlin, in kalte Wohnungen und Kneipen wie das „Risiko“.

Jetzt auf Lesereise: Reinhard Kleist in seinem Atelier in Berlin.
Jetzt auf Lesereise: Reinhard Kleist in seinem Atelier in Berlin.Foto: Carlsen

Kleist begleitet ihn und seine Mitmusiker und -musikerinnen von Roland S. Howard über Lydia Lunch bis Blixa Bargeld mit schnellem, oft hartem, oft aggressivem, düsterem Strich. Der junge wie der älter gewordene Cave, der gebeugte, drogenkranke oder immer wieder kreative Cave („tac-tac-tac“ macht die Schreibmaschine ohne Unterlass), sie alle wirken glaubwürdig, authentisch. So wie es sich geziemt für einen Musiker, der gern mit Leben und Tod spielt, der gern hochstapelt, der so viele Facetten hat, dass man ihn nur schwer zu fassen bekommt.

Man kann den Zugang von Reinhard Kleist zu Cave, der ihm immer wieder zugearbeitet hat, nur als im höchsten Maß gelungen bezeichnen, von den Zeichnungen und der Erzählweise her. Allein das sogenannte Artbook, das es zu „Mercy On Me“ gibt, mit vielen farbigen Vorstudien und alternativen Cave-Zeichnungen, lohnt die Anschaffung.

Der Unsterblichkeit näher gebracht

Was leider manchmal etwas schmerzt, das sind die wortwörtlichen deutschen Übersetzungen aus den Songs, zumal genug Songzitate im Englischen belassen wurden. Aber auch so manch anderer schlichte Satz, den die Figuren hier sprechen: „Schau dich um, hier tanzt der Wahnsinn“, sagt etwa Blixa Bargeld zu Cave, als dieser das erste Mal im Risiko herumsteht.

Das Buchcover.
Das Buchcover.Foto: Carlsen

Am besten dürfte es sein, die Cave-Songs zu hören und sich dann blätternd und in Ruhe und genauestens schauend durch diese düster-schillernde Nick-Cave-Welt zu bewegen. „Machen Sie mich unsterblich mit Ihrem Lied“, bittet der sowieso unsterbliche Robert Johnson am Ende der Fahrt nach Genf. Mit seinem Buch hat Reinhard Kleist nun auch Nick Cave wieder ein bisschen mehr der Unsterblichkeit näher gebracht.

Reinhard Kleist: Nick Cave – Mercy On Me. Carlsen, 328 Seiten, 24,99 €. Das Artbook hat 96 Seiten und kostet ebenfalls 24,99 €.

Reinhard Kleist präsentiert "Nick Cave" im September auf einer Lesereise:

7. September - Berlin: Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, 10719 Berlin, im Rahmen vom internationalen literaturfestivals berlin (ilb), Einlass: 18:30 Uhr, Beginn: 19:30 Uhr, Moderation: Jens Balzer, Karten: € 8,00/€ 6,00 ermäß./€ 4,00 Schüler über www.literaturfestival.de

13. September - Frankfurt/Main: Orange Peel, Kaiserstraße 39, 60329 Frankfurt am Main, in Koop. mit „Stories and Strips“, Einlass: 19:00 Uhr, Beginn: 20:00 Uhr, Moderation: Jakob Hoffmann, Karten: € 5,00/€ 3,00 ermäß., Infos: www.facebook.com/STORIESSTRIPS-in-FFM

14. September - Hagen: Die Pelmke, Pelmkestraße 14, 58089 Hagen, in Koop. mit Comic-Centrum Hagen, Einlass: 19:30 Uhr, Beginn: 20:00 Uhr, Karten: € 5,00, über www.pelmke.de

22. September - Berlin: „Nick Cave“-Comic-Releaseparty, SO36, Oranienstraße 190, 10999 Berlin, mit Gemma Ray & Band, Lolita Terrorist Sounds, Stefanie Gras und Vadda Cash, DJ Max Dax, DJ Karina Qanir, Beginn: 21 Uhr, Moderation: Maik Brüggemeyer, Karten: € 10,00 + VKK-Gebühren, AK: € 12,00, über www.so36.de

25. September – München: Live: Funeral Band, Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München, Einlass & Bar: 19:00 Uhr, Beginn: 20:00 Uhr, Moderation: Rainer Germann, Karten: 10,00 Euro, ermäß. 7,00 Euro, über www.literaturhaus-muenchen.de

27. September - Stuttgart: Mit DJ Michael Setzer, Stadtbibliothek, Mailänder Platz 1, 70173 Stuttgart, Einlass: 19:00 Uhr, Beginn: 19:30 Uhr, Moderation: Manfred Heinfeldner, Karten: € 5,00/€ 3,00 ermäß. über karten.stadtbibliothek@stuttgart.de

28. September - Köln: Mit DJ Martin Lippert, Blue Shell, Luxemburger Str. 32, 50674 Köln, In Koop. mit Literaturhaus Köln, Einlass: 19:30 Uhr, Beginn: 20:00 Uhr, Moderation: Wolfgang Frömberg, Karten: € 10,00/€ 8,00 ermäß.

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