Festival Pop-Kultur : Im Zentrum des Craft-Pop

Hier der Boykott, dort Erobique und Balbina:  zum Auftakt des Festivals in der Kulturbrauerei.

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Talking Acts. Im Soda-Club wurde das Pop-Kultur-Festival mit Musik und Diskussionen eröffnet.
Talking Acts. Im Soda-Club wurde das Pop-Kultur-Festival mit Musik und Diskussionen eröffnet.Foto: dpa

Berlins Kultursenator Klaus Lederer spricht das Dilemma an, in dem Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die Musicboard-Geschäftsführerin Katja Lucker und er selbst stecken, als sie am Mittwochabend das Pop-Kultur-Festival auf dem Gelände der Kulturbrauerei eröffnen. Man solle diese Kampagne nicht noch größer machen, als sie ist, und nicht noch mehr Worte darüber verlieren. Doch ohne eine Erwähnung und ein paar Sätze dazu gehe es eben auch nicht.

Gemeint ist der Boykottaufruf der antiisraelischen Kampagnenplattform BDS, kurz für „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen für Palästina“, dem nicht nur mehrere für das Festival gebuchte Musikerinnen und Musiker aus dem arabischen Raum gefolgt sind, sondern kurz vor der Eröffnung auch noch Bands aus Großbritannien und Finnland, unter anderem der Hauptact am Freitagabend, die schottischen Young Fathers. Der Grund für diesen Boykott: die finanzielle Unterstützung der israelischen Botschaft in Höhe von 500 Euro für die Israelin Riff Cohen. Die Musikerin lebt in Tel Aviv und ist algerisch-tunesisch-französischer Abstammung.

Also sagt Lederer abermals, wie inakzeptabel der Boykott sei, wie „absolut unerträglich“ er ihn mitsamt den kolportierten Unwahrheiten finde; also weist Katja Lucker den Vorwurf verhement zurück, womöglich etwas naiv bei der Vorbereitung gewesen zu sein; und also betont auch Monika Grütters, dass die Musik doch gerade eine gemeinsame Sprache zu kreieren verstehe und das ideale Medium sei, „wenn Worte als Mittler der Verständigung versagen“. Sie könne es nicht akzeptieren, diesem Boykottaufruf zu folgen. Und dann verweist Grütters noch auf die „aus meinem Etat finanzierte“ Barenboim-Said-Akademie, in der arabische und israelische Künstler und Künstlerinnen gemeinsam Musik machen.

Kopfschütteln über den Boykottaufruf

Wie das nun die BDS-Leute alles finden? Sicher ziemlich großartig. Denn ohne viel Aufwand haben sie den größtmöglichen Resonanzraum in den Tagen vor dem Festival und nun auch währenddessen bekommen, selbst wenn dem nicht anders als hanebüchen zu bezeichnenden Boykottaufruf und den Bands, die ihm gefolgt sind, fast überall mit Verständnislosigkeit und Kopfschütteln begegnet wird. Grütters, Lederer und Lucker rennen mit ihren Statements gewissermaßen offene Türen ein.

Einen Imageschaden dürfte das zum dritten Mal stattfindende Pop-Kultur-Festival ohnehin kaum erleiden, so vielfältig ist es, so sehr bemüht es sich mit seinen Gesprächsrunden nicht zuletzt um politische Relevanz und lässt zum Beispiel den Zusammenhang von Kunst und Globalisierung diskutieren oder stellt in einem Talk die selbstkritische Frage: „Popkultur – brauchen wir das überhaupt?“ Eine Diskussionsrunde zu dem Boykott, zur Haltung auch anderer, viel bekannterer Musiker zu Israel und Auftritten in dem Land würde dem Festival allerdings genauso gut anstehen. Nicht zuletzt gelten die Gesetzmäßigkeiten der Aufmerksamkeitsökonomie auch für dieses Festival und das Interesse an ihm dürfte durch den Boykott der Bands eher größer geworden sein. Es ist halt nicht einfach ein Festival mehr im prall gefüllten Berliner Veranstaltungskalender, sondern vielleicht doch etwas Besonderes, Anderes. Insofern sollte es sich im nächsten Jahr erst recht von der israelischen Botschaft unterstützen lassen und trotzdem arabische Musiker und Musikerinnen einladen.

Jung und Wild - wie die CDU

Immerhin sorgt die ganze Boykott-Angelegenheit dafür, dass sich Grütters und Lederer eindeutig positionieren können. So fällt es weniger auf, dass sie sich an diesem Abend im Soda-Club auf ungewohntem Terrain bewegen. Insbesondere die Kulturstaatsministerin, deren Ministerium das Festival mit einer halben Million Euro unterstützt. Grütters sorgt für manches Stirnrunzeln und einige unfreiwillige Lacher, als sie zum Beispiel – von wegen Kulturbrauerei! – mal schnell die Brau- und die Popkultur in Zusammenhang bringt und von „Craft-Pop“ und „musikalischen Geschmackserlebnissen“ spricht. Oder davon, dass man beim Pop-Kultur-Festival genau wie in ihrer Partei doch sehr von den „jungen Wilden“ profitiere (ob sie die JuWis meint?). Von deren Enthusiasmus, Fantasie und Experimentierfreude, mit denen diese „eine ganze Branche aufmischen“ würden: „Wie die Craft-Bier-Brauer sind Sie die sympathischen Rebellen der Branche“. Hm. Deswegen also der Craft-Pop.

Was Grütters anscheinend nicht weiß: dass viele der an diesem Festival Beteiligten so jung und wild nicht mehr sind, auch nicht die beteiligten Künstler. Viele gute alte Bekannte aus dem Berliner oder Hamburger Szeneleben der letzten 20, 25 Jahre treten hier auf, von Gudrun Gut über Masha Qurella bis zu Mo Loschelder, von Hein Gericke über Roland Galenza bis zu Carsten Meyer aka Erobique und Andreas Dorau.

Was nicht gegen das Festival und seine Qualität spricht. Man braucht sich zum Beispiel nur den Auftritt von Meyer im Palais der Kulturbrauerei anzuschauen. Als Erobique ist Meyer nicht nur Komponist und Easy-Listening-Musiker, sondern auch ein begnadeter Entertainer, eine Art Conférencier, der eigentlich „mit zwei, drei Freunden“ angekündigt war. Die sind aber nicht gekommen, „they let me im Stich“, wie er sagt. Also sucht Meyer für seine Stücke noch einen Drummer, „four-to-the-floor, nicht mehr“, einen Bassisten („drei Noten“!), Handclapper und einmal auch einen Background-Chor. Das funktioniert, nach manchem guten Zureden, „Don’ t be so German!“, das ist unterhaltsam und lustig, und alle haben in der knappen Dreiviertelstunde ihren Spaß.

Nicht immer innovativ

Nur innovativ ist es nicht, mehr so die Schule von Peter Thomas im Neunziger-Jahre-Gewand. Die Auftritte von Elektronikerinnen wie Sophia Kennedy, der Grime-Musikerin Lady Leshurr oder der großartigen R-&-B-Performerin Abra sind da von einem, sagen wir, moderneren Kaliber, wenngleich natürlich weniger lustig.

Allerdings täuschen Kennedy, Leshurr und Abra nicht darüber hinweg, dass beim Herumstreifen mancher Act so großartig wieder nicht ist, etwa die französische Sängerin Flora Fischbach mit ihrer biederen Band oder eben jene Riff Cohen. Gut sieht die Berliner Musikerin Balbina ganz in Weiß aus, auch ihre ganz in Weiß gekleideten drei Musiker, die im Hintergrund hinter einer Art Bande agieren, einer weißen selbstredend. Nur fragt man sich, was das Ganze soll, zumal man die Texte kaum versteht. Was will Balbina mit ihrer theatralen Performance kommunizieren? Ist egal, die Popkultur hält eine Menge aus.

Am Freitag gibt es auf dem Gelände der Kulturbrauerei noch Veranstaltungen von 18 Uhr bis 2 Uhr. Weitere Infos unter: www.pop-kultur.berlin.

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