Literatur : Der Park, ein Hirngespinst

Sabine Schiffner spielt mit romantischen Lyrikwelten

Michael Braun

In einem Garten bei Köln steht ein poetisches „Glückshäuschen“. Ein rheinländisches Refugium, in dem noch romantische Melodien tönen und die Welt zu singen anhebt. Alte Bekannte aus den Grimm’schen Märchen geistern hier herum, und die idyllische Ordnung der Naturzeichen scheint ungefährdet. Fasan, Rebhuhn und Birkhahn besiedeln diesen Garten ebenso friedvoll wie „Schneeweißchen“ und „Rosenrot“. Selbst die traditionsschweren „Wildgänse“ fliegen hier über das nächtliche Köln, als hätte es die missbräuchliche Usurpation solcher Naturmetaphorik nie gegeben.

Nur wenige Lyriker der Gegenwart riskieren so vorbehaltlos ein romantisches Setting wie die Dichterin Sabine Schiffner. In den drei Zyklen ihres Gedichtbands „Male“ (2005) hatte die Autorin noch Kindheitsmuster aus einer Bremer Kaufmannsfamilie präsentiert. Traumverlorene Blicke in einen scheinbar unversehrten Kindheitskosmos findet man nun auch im neuen Band – diesmal in eine rheinländische Lebenswelt. Das lyrische Ich verzeichnet zunächst Verluste: das Ende der Unschuld, eine unglückliche Liebe, den Tod einer Freundin. Die Töne des romantischen „Liedguts“ überkreuzen sich mit prosaischen Redegesten. Sabine Schiffner versucht der eigenen Emphase gegenzusteuern und streut gelegentlich ernüchternde Konterbande in ihre Gedichte. Aber gegen jede Ernüchterung triumphiert immer wieder die Sehnsucht nach dem poetischen locus amoenus. In einem Kapitel werden die Verheißungen der Fremde erkundet, die fremden Stimmen und extremen Landschaften der arabischen Welt. Hier treten dann die „Dschinns“, also die Dämonen auf, die dem Gedichtband den Titel geben, aber nicht so recht zum begütigenden Gestus von Schiffners Texten passen. Im letzten Gedicht des Bandes scheint sich das lyrische Ich zur schroffen Absage an die artifizielle Garten- und Parkherrlichkeit zu zwingen: „schau dieser park ist hirngespinst“. Aber am Ende erliegt das Ich bereitwillig den Glücksversprechen des Parks und auch dem zuvor beschworenen „rotblühenden Garten“: „der park tut alles damit du vergisst / nach draußen zu finden.“

Sabine Schiffner: dschinn. Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2007. 104 Seiten, 18,90 €.

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