Europa 1900-1914 : Jungfrau und Dynamo

Fortschritt, Konsum, Ekstase: Philipp Blom über die fieberhaften Jahre vor dem ersten Weltkrieg.

Ernst Piper

Das „Die-Zeit-davor-Genre“ erfreut sich bei Autoren und Verlagen gerade großer Beliebtheit. Ob Jürgen Osterhammels „Verwandlung der Welt“ über das 19. Jahrhundert, ob Werner Biermanns „Sommer 39“ oder das für Juni angekündigte Werk von Richard Overy und Klaus Binder „Die letzten zehn Tage“ über Europa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs – fast könnte man den Eindruck gewinnen, in Zeiten der Krise seien Betrachtungen von Zeitläufen mit katastrophalen Zuspitzungen unentbehrliche intellektuelle Anregungen.

Selbst wenn das nicht so sein sollte – der Blick auf die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg ist, ja doch, ein äußerst lohnendes Sujet. Der Krieg selbst hat die politische Landkarte Europas verwandelt. Aber wenn die vier Jahre, die so viele Millionen Menschen das Leben kosten sollten, eine Zeit des Umbruchs waren, so waren die anderthalb Jahrzehnte, die dem Krieg vorausgingen, eine Zeit des Aufbruchs. Das „lange 19. Jahrhundert“, das von 1789 bis 1914 reichte, hatte sich selbst überlebt. Sein Ende war gekennzeichnet durch politische Krisen, militärische Konflikte in den verschiedensten Regionen der Welt, eine koloniale Expansion der europäischen Großmächte, aber zugleich gab es auch eine Vielzahl von Erfindungen, neue wissenschaftliche Theorien und Entdeckungen, den Durchbruch der Moderne in Kunst und Literatur und politische Reformbewegungen wie die Frauenrechtsbewegung. Philipp Blom, der diese Jahre in seinem anregenden Buch beschrieben hat, geht sogar so weit, dass „alles, was im 20. Jahrhundert wichtig werden sollte, zwischen 1900 und 1914 erstmals seine Massenwirkung entfaltete oder sogar erfunden wurde“.

Um diese These zu illustrieren, entwirft Blom in fünfzehn Kapiteln – eines für jedes Jahr – ein reiches Panorama jener Scharnierzeit, in der Menschen agierten, deren Großeltern noch das Ancien Régime erlebt hatten und deren Enkel im Fernsehen verfolgen würden, wie erstmals ein Mensch den Mond betritt. Es war eine Zeit des Übergangs, gekennzeichnet von fieberhafter Erregung, Nervosität, Expressivität und Ekstase. Alles schien möglich. Das bedeutete aber zugleich, dass nichts gewiss war. Die Kultur rang mit der Gegenkultur, die Zivilisation mit dem Untergang, der Wahn mit der Wirklichkeit.

Die gewaltigen Konsumtempel der neuen Kaufhauskultur machten Produkte aus aller Welt für jedermann verfügbar. Es waren Kathedralen der Globalisierung, die den Mittelstand bedrohten. Die traditionelle Exotik der Weltausstellungen mit „Eingeborenen“ aus fernen Ländern genügte nicht mehr. Star der Weltausstellung im Jahr 1900 war der Palast der Elektrizität: Zehntausende von Glühbirnen machten die Nacht zum Tage, während in der Nachbarhalle surrende Dynamos von einem neuen Zeitalter kündeten. „Jungfrau und Dynamo“ heißt das erste Kapitel des Buches, denn das Eingangstor zur Weltausstellung wurde von einer sieben Meter hohen Frauenstatue gekrönt, die nicht, wie bisher üblich, eine antikisierende Jungfrau war, sondern eine reife, moderne Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand. Sarah Bernhardt hatte Modell gestanden.

Deutschland schickte sich an, ein industrieller Gigant zu werden, der sogar den britischen Rivalen deklassieren mochte. 1903 erreichte eine Lokomotive der Firma AEG eine Geschwindigkeit von 210 Kilometern in der Stunde. Der Traum vom Fliegen ergriff mit Macht von den Menschen Besitz. Der Wunsch nach der Überwindung von Raum und Zeit gebar neue Helden: Rennfahrer, Fahrradchampions und Piloten waren die Heroen des Maschinenzeitalters. Zugleich verunsicherte viele die durch die Psychoanalyse neu entdeckte Welt des Unbewussten und der Sexualität. Sex wurde zum Synonym für Haltlosigkeit, Exzess und Degeneration.

Die Männer und Frauen jener Jahre waren „Übergangsmenschen“, Menschen, „die von ihrer eigenen Zerbrechlichkeit verfolgt wurden und die immer versuchten, den Anschluss an die um sie herum rauschende Welt nicht zu verlieren.“ Sigmund Freud schaute hinter die Fassaden der alten Kaiserstadt Wien. Frederick Taylor, Henry Ford, Virginia Woolf, Bertha von Suttner, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche sind andere Protagonisten in Bloms Panoptikum. Die Entdeckung von Radioaktivität und Röntgenstrahlen beflügelte die großen Science- Fiction-Autoren ebenso wie Entdeckungen der Kernphysiker. Zugleich wuchsen die Ängste vor dem Moloch der Großstadt, vor der Kraft der modernen Zivilisation. Die Menschen schwankten zwischen Neurasthenie und Newyorkitis.

Die jüdische Minderheit wurde – je erfolgreicher einige ihrer Vertreter waren, desto mehr – zur Projektionsfläche der Befürchtungen der Modernisierungsverlierer und derjenigen, die sich dafür hielten. Der Anspruch der Frauenbewegung auf Gleichberechtigung mit dem männlichen Geschlecht, wie er zum Beispiel von den Suffragetten artikuliert wurde, evozierte einen bemerkenswert aggressiven Frauenhass. Juden und Frauen, in der Vergangenheit vielfältig benachteiligte Gruppen, galten gleichermaßen als Bedrohung der althergebrachten Ordnung oder, wie Blom es formuliert, als „Hauptfeinde der Männlichkeit und der Individualität“. Mannfrauen und verweiblichte Männer waren die Dämonen der Moderne.

Dies alles vollzieht sich in dem von der wilhelminischen Gesellschaft gesetzten Rahmen. In Deutschland waren Staat, Armee und Nationalgeschichte eine liaison dangereuse eingegangen, die den Modernisierungsprozess immer wieder schweren Belastungen aussetzte. Die institutionalisierte Männlichkeit bewegte sich im Spannungsfeld von Homosexualität und Militarismus. Homosexualität galt in allen europäischen Ländern damals als Verbrechen. Damit in Verbindung gebracht zu werden, konnte Karrieren, ja Leben zerstören. Trotzdem gab es eine homosexuelle urbane Parallelkultur mit Lokalen, Clubs, Tanzabenden und anderem mehr.

Philipp Blom beschränkt sich nicht auf die anekdotischen Seiten seines Themas. Er berichtet nicht nur über den Massenmörder Ernst August Wagner oder den geisteskranken Daniel Paul Schreber, dessen Vater wir den Schrebergarten verdanken, sondern auch von den namenlosen Grausamkeiten des belgischen Kolonialismus im Kongo, er geht ausführlich auf die russische Revolution von 1905, die Haager Friedenskonferenz, die Mechanisierung der Arbeit, die Jugendkultur und den Kontext von Gewaltverbrechen, der Entwicklung der Kriminologie und dem Aufblühen der Kriminalliteratur ein. Es entsteht ein großes Kaleidoskop. Aber am Ende ist dem Leser etwas schwindlig vom Rausch der Farben, Gerüche und Geräusche. Ungeheuer vieles stürmt auf ihn ein, aber entsteht in seinem Kopf wirklich ein Bild der Epoche? Da sind Zweifel angebracht, denn die deskriptiven Fähigkeiten sind bei diesem Autor, der wie der Stalin- Biograph Simon Sebag Montefiore auch als Romancier tätig ist, ausgeprägter als die analytischen. Aber in jedem Fall liest man dieses Buch gerne. Es ist überaus anregend und man lernt eine Menge.

Philipp Blom ist ein eleganter Schreiber. Der Einfluss der angelsächsischen Schule der Historiografie ist seinen Büchern deutlich anzumerken. Er hat in Wien und Oxford studiert und anschließend in London und Paris gearbeitet. Heute lebt er in Wien, hat sein Werk aber dennoch zunächst auf Englisch geschrieben. Anschließend hat er es selbst ins Deutsche übersetzt. Diesem Umstand verdanken wir einige reizende Anglizismen, die wir dem Stilisten von Gnaden aber gerne verzeihen wollen.

Zu Beginn seines Buches präsentiert der Autor die These, dass unsere heutige Welt der damaligen gleiche: „Erst mit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs haben wir wieder eine offene Zukunft und mit ihr auch die Erregung und die radikale Ungewissheit der Jahre zwischen 1900 und 1914, als alles möglich schien.“ Vergleiche hinken bekanntlich, aber das Stichwort von der radikalen Ungewissheit wird wohl bei vielen gerade heute auf Zustimmung stoßen.

– Philipp Blom:

Der taumelnde

Kontinent. Europa 1900- 1914.

Hanser Verlag,

München 2009.

640 Seiten,

25,90 Euro.

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