Im Sanatorium : Gerschenson und Iwanow phhilosophieren

Dialog im Sanatorium: Kein Holz zum Heizen. Lebensmittelmangel. Krankheiten. Ungewisse Zukunft. Trotzdem war das geistige Leben der russischen Intellektuellen nach dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution verblüffend rege. Im Sommer 1920 mussten ein Dichter und ein Wissenschaftler in einem Sanatorium „für erschöpfte Geistesarbeiter“ ein Zimmer teilen.

Olga Martynova

 Der eine war der Altphilologe Wjatscheslaw Iwanow, einer der bedeutendsten Lyriker des Symbolismus: In seiner Wohnung, dem sogenannten Turm, sammelten sich Künstler, Philosophen und Wissenschaftler. Der andere war der Historiker Michail Gerschenson. Beide respektierten einander. So schlug Iwanow einen Briefwechsel vor, vom einen Zimmerwinkel in den anderen.

Insgesamt entstanden zwölf Briefe. Es geht in erster Linie um das Verhältnis von Kultur und Religion in der modernen Welt. In den ersten Briefen bemüht sich der mystisch gestimmte Iwanow um die Seele des kulturpessimistischen Gerschenson. Die Erschütterung des Ersten Weltkrieges hatte Gerschensons Misstrauen gegenüber den abstrakten humanistischen Werten noch verstärkt: „Vielleicht ist der letzte Krieg nur eine noch nie gesehene Hekatombe, die einige intelligible Werte, die miteinander einen Bund schlossen, durch ihre Priester gemeinsam von Europa forderten.“ Die Oktoberrevolution wird (von beiden) in eine Reihe mit Luthers Reformation und der Französischen Revolution gestellt – den Ereignissen, die nach Gerschenson die einfachen persönlichen Werte von der Last der abgestorbenen abstrakten Werte der Kultur befreien. Iwanow entgegnet ihm als Apologet der traditionellen religiösen Ideale.

Am Ende sind beide Briefpartner gereizt. „Wenn Sie es für nötig halten, die Natur meines Durstes zu erforschen, so habe ich nicht weniger das Recht, die Ursache Ihrer Sattheit zu bestimmen“, erklärt Gerschenson sein Streben aus der sicheren Welt der Religion und Bildung. „Ich spreche von dem Wege aufwärts, Sie aber sagen mir, das die Flügel des Geistes beschwert sind und das Fliegen verlernt haben“, antwortet Iwanow.

1921 wurde der Briefwechsel als Buch in Petersburg, 1922 in Moskau und Berlin gedruckt. Er wurde nicht nur in Russland berühmt. Iwanow, der 1924 nach Italien ausreiste, entwickelte sich auch zum Verwalter dieses Werkes, denn Gerschenson starb 1925. Nikolai von Bubnoffs erste deutsche Übersetzung, in Martin Bubers Zeitschrift „Kreatur“ erschienen, wurde 1938 von Iwanow durchgesehen (und so 1949 gedruckt). Eben diese Fassung ist nun, von Fritz Mierau mustergültig kommentiert, erschienen. Ein großes kleines Buch. Olga Martynova

Michail Gerschenson, Wjatscheslaw Iwanow: Briefwechsel zwischen zwei Zimmerecken. Aus dem Russ. von Nikolai v. Bubnoff. Pforte Verlag, Dornach 2008. 132 S., 16,90 €

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