Lyrikline.org : Internationale der Dichter

50 Sprachen, 600 Poeten, 5500 Gedichte: Das Internetportal „lyrikline.org“ wird zehn Jahre alt – und feiert eine Woche lang.

Michael Braun
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Freies Spiel. Die südafrikanische Lyrikerin Leobogang Mashile.Foto: Literaturwerkstatt

Hier weht er noch einmal, der inständige und zarte Sehnsuchtston von Inger Christensens Schöpfungsgedicht „alphabet“. Hier hören wir die kratzige Stimme und den schweren Atem des schelmischen Lyrik-Anarchisten Adolf Endler. Und wir folgen den rhythmischen Suggestionen und magischen Litaneien des palästinensischen Weltpoeten Mahmud Darwisch. Die Stimmen der großen Toten und ihre besten Gedichte sind in der Lyrikline, dieser stetig wachsenden auditiven Bibliothek der Weltpoesie, gespeichert und durch wenige Mausklicks abrufbar. Schon allein aus diesem Grund ist die Plattform „lyrikline.org“, das größte und international bedeutendste Online-Portal für moderne Dichtung, ein unverzichtbares Projekt.

Als es im November 1999 von der Literaturwerkstatt Berlin ins Leben gerufen wurde, dominierte im Netz in Sachen Poesie noch wüstester Dilettantismus. Auf den einschlägigen Seiten zelebrierten Amateurdichter ihre mediokren Produkte, die Anbieter mit Archiv-Ambitionen verbreiteten ihre Gedichtbestände mit einer erschreckenden Fehlerquote. Erst die Gründung von „lyrikline.org“ hat diese Kinderkrankheiten erfolgreich therapiert und eine verlässliche Plattform geschaffen, die diesen Namen auch wirklich verdient. Die Sorgfalt, mit der hier an der Ausgestaltung eines internationalen Poesie-Netzwerks gearbeitet wurde, ist von der internationalen Öffentlichkeit früh honoriert worden. Die Unesco prämierte die „lyrikline“ im Jahr 2001 für ihren Beitrag zum „Dialog zwischen den Kulturen“, 2005 folgte der Grimme-Online-Award in der Sparte „Kultur und Unterhaltung“.

Thomas Wohlfahrt, der Leiter der Literaturwerkstatt, und Heiko Strunk, der Projektleiter von „lyrikline.org“, haben von Beginn an auf internationale Kooperationen gesetzt. Nachdem die „lyrikline“ zwischenzeitlich in schwere finanzielle Nöte geraten war, kann man nun auf einer stabilen Basis das poetische Netzwerk weiter ausbauen. Als Träger agieren die Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“ sowie die Goethe-Institute und die Berliner Zentral- und Landesbibliothek nebst einigen deutschen Verlagen. Hinzu kommen als Kooperationspartner sechzehn europäische und außereuropäische Botschaften und internationale Kulturinstitute.

Mittlerweile sind über 600 Dichter in fünfzig Sprachen auf „lyrikline.org“ präsent. Nicht ohne Stolz verweist Christiane Lange von der Literaturwerkstatt auf die Erfolgsgeschichte des Portals: „Den rund 5500 Gedichten lauschten in aller Welt schon über vier Millionen Internetnutzer.“ Im erst kürzlich eingerichteten Blog von „lyrikline.org“ übermitteln die aktuelle Deutsche Buchpreisträgerin Kathrin Schmidt und der junge Berliner Lyriker Jan Wagner ihre Geburtstagswünsche: „Es ist inzwischen so, dass man auf der lyrikline beinahe jeden treffen kann, nach dem einem lyrisch verlangt. Steht dir der Sinn nach Ulf Stolterfoht oder Gozo Yoshimasu, kombinierst du Tasten und hörst zu.... Dem Klang der Dichterstimmen habe ich nichts hinzuzufügen als den Wunsch, es möge immer genug neue, noch ungehörte geben, die es aufzunehmen lohnt in die weltweite Poetenband.“

Tatsächlich kann man mit wenig Aufwand auf der durch ihre schlichte Funktionalität überzeugenden Website in der Weltsprache der modernen Poesie umherwandern. Dichtung und ihre Übersetzung sind in einer glücklichen Symbiose vereint. So sind zum Beispiel der libanesische Dichter Fuad Rifka und die Irakerin Amal Al-Jubouri in verlässlichen Übersetzungen zu besichtigen. Der poetische Transfer findet auch in die Gegenrichtung statt: Die Gedichte Uljana Wolfs oder Ulrike Draesners werden in arabischer Übertragung präsentiert. Hier ist jenes planetarisch sich ausbreitende „Museum der modernen Poesie“ entstanden, das sich Hans Magnus Enzensberger in seiner legendären Anthologie aus dem Jahr 1960 nur erträumen konnte. Und auf schönste Weise werden die Zweifel widerlegt, die Enzensberger damals an der Übersetzbarkeit der immer regionaler und heterogener ausdifferenzierten Dichtung befielen.

Die „lyrikline.org“ hat auch das Gespenst des Eurozentrismus verscheucht, denn selbst die von Hans Magnus Enzensberger als unübersetzbar markierten Dichtungen aus dem Arabischen, Hebräischen, Persischen, Koreanischen und Japanischen sind integriert worden. Gegen den clash of civilizations beharrt „lyrikline.org“ geradezu störrisch auf dem Pluralismus der Poesie. Eine ästhetische Hierarchie wird nicht angestrebt, auch wenn momentan noch die Sektion der deutschsprachigen Dichter eindeutig dominiert. Weitere Anbauten an das digitale Museum der modernen Poesie sind aber angekündigt. Im freien Spiel mit den Gedichten aus fünfzig und bald noch mehr Literatursprachen vollzieht sich hier die Globalisierung der Dichtkunst.

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