Rezension : Theosophische Luftschlösser

Der Berliner Privatdozent Helmut Zander dokumentiert in einer umfassenden Studie die Entstehungsgeschichte der Anthroposophie.

Andy Hahnemann
Helmut Zander
Foto: Promo

Wenn der Einfluss von Weltanschauungen und Religionsgemeinschaften auf die Kultur der Gegenwart an den von ihnen inspirierten Dingen bemessen wird, denen wir im Alltag begegnen, so stellt sich die Anthroposophie als außerordentlich einflussreich dar. Von den Demeter-Produkten, die die Regale der Reformhäuser füllen, über die Naturkosmetik von Weleda oder Dr. Hauschka bis hin zur Gestaltung der Zugabteile im neuen ICE der Deutschen Bahn, lassen sich Zeichen anthroposophischer Lebensart und Ästhetik finden. Wichtiger als die Erweiterung der ökologisch-alternativen Produktpalette sind die Beiträge anthroposophisch orientierter Institutionen zum Bildungs- und Gesundheitswesen: Mit über 200 Waldorf-Schulen in Deutschland, zahlreichen Kindergärten, Kliniken und Pflegestätten, darunter viele für geistig und körperlich behinderte – im Jargon heißt das 'seelenpflegebedürftige' – Menschen, stellen anthroposophisch orientierte Trägergemeinschaften zumindest in Deutschland einen guten Teil der nicht staatlichen Einrichtungen bereit. Aber auch international – man denke an die über 90 Camphill-Kommunen in der ganzen Welt – sind anthroposophische Einrichtungen äußerst gefragt.

Menschheitslehrer oder esoterischer Phantast

In nicht wenigen dieser Institutionen wird an prominenter Stelle eine große in Holz gerahmte schwarz-weiße Photographie von Rudolf Steiner hängen. Ernst und würdig blickt der ungefähr fünfzig Jahre alte Steiner darauf, ein wenig, als wäre er nicht von dieser Welt, oder doch, als würde er durch sie gleichsam nur hindurchschauen. Wer Rudolf Steiner war, darüber scheiden sich die Geister, vornehmlich entlang der Grenze zwischen Insidern der anthroposophischen Bewegung und den übrigen Menschen. Während für die einen Steiner eine außerordentliche geistige Potenz darstellt, dem als Menschheitslehrer höchstens Jesus, Buddha oder Plato an die Seite zu stellen wären, gilt er den anderen, soweit sie überhaupt von ihm Kenntnis genommen haben, als esoterischer Phantast mit obskuren oder autoritären, auf jeden Fall aber sehr problematischen Ansichten.

Unter diesen Umständen gibt es Weniges, auf das man sich einigen kann: Klar sind immerhin die biographischen Rahmendaten. Rudolf Steiner wurde 1861 in Österreich geboren, besuchte die technische Hochschule in Wien, war in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts als Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes tätig und veröffentlichte in den 90er Jahren einige philosophische Arbeiten, u.a. über Nietzsche. Mit Otto Erich Hartleben gab er kurz vor der Jahrhundertwende das Magazin für Litteratur heraus, unterrichtete an der Arbeiter-Bildungsschule, trieb sich eine Weile in den Berliner Literaten- und Bohèmekreisen herum, um schließlich – und hier beginnt der problematische Teil seiner Biographie – der Theosophischen Gesellschaft beizutreten. Recht schnell konnte sich Steiner als Generalsekretär des deutschen Zweiges der von Helena Blavatsky und Henry Olcott ins Leben gerufenen Adyar-Theosophie etablieren. Erst 1912 kam es zum Bruch zwischen dem deutschen Sektionsleiter und der Mutterorganisation – repräsentiert durch ihre Präsidentin Annie Besant – und Steiner gründete die Anthroposophische Gesellschaft, der er bis zu seinem Tod 1925 vorstand.

Steiners Werdegang wäre nicht besonders bemerkenswert, und man könnte darin getrost ein Beispiel unter vielen für eine orientierungslose und schließlich irrlichternde Intellektuellenbiographie der klassischen Moderne sehen, wenn eben nicht die Impulse, die von Steiner ausgingen, bis heute eine veritable kulturelle Prägekraft besitzen würden und zahlreiche Praxisformen ins Leben gerufen hätten, die auch Kritikern der anthroposophischen Weltanschauung Respekt abnötigen. Auch für Nicht-Anthroposophen ist es deshalb interessant zu erfahren, wie aus einem mittelmäßigen Goethe-Philologen, philosophisch ambitionierten Kulturredakteur und zeitweilig überzeugten Individualanarchisten und Nietzscheaner eine der charismatischsten Führergestalten der esoterischen Szene im Wilhelminischen Deutschland und der Weimarer Republik werden konnte, und, damit zusammenhängend, wie es Steiner gelang, einen an sich recht unbedeutenden Zweig der theosophischen Gesellschaft in einen Brutplatz wichtiger Reformansätze in Pädagogik, Landwirtschaft, Architektur und Medizin zu verwandeln.

Es ist dem Historiker Helmut Zander zu verdanken, dass nun zum ersten Mal eine umfassende Aufarbeitung der Geschichte anthroposophischer Weltanschauung und Praxis stattgefunden hat. Zanders monumentale Studie Anthroposophie in Deutschland ist, um es vorwegzunehmen, ganz zweifellos auf Jahre hinaus als das Standardwerk zu betrachten, an dem niemand, der sich in irgendeiner Form mit theosophischen oder anthroposophischen Themen beschäftigt, vorbeikommen wird. Auf fast 2000 Seiten und in zwei Bänden beschreibt Zander dicht und auf einen umfangreichen Quellenkorpus gestützt die Entwicklung der theosophischen Vereinskultur in Deutschland. Anders als der Untertitel Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945 suggeriert, bildet der Tod Steiners im Jahre 1925 den eigentlichen Fluchtpunkt der Arbeit, nur gelegentlich verfolgt er die Spuren in die 30er Jahre oder in die Gegenwart. Neben einer präzisen sozial- und vereinsgeschichtlichen Rekonstruktion kommt es Zander dabei schwerpunktmäßig auf eine philologische und ideengeschichtliche Rekonstruktion der Steinerschen Schriften an, mithin also eine kritisch-historische Aufarbeitung der zentralen weltanschaulichen Grundlagentexte. Im zweiten Band stehen die ästhetischen Ausdruckformen im Zentrum der Analyse. Auch hier geht es Zander um eine weitgehende historische Kontextualisierung dessen, was später als biologisch-dynamische Landwirtschaft, Eurythmie, Heilpädagogik usw. die Anthroposophie nach außen repräsentieren wird.

Universaler Kannibalismus

Zanders Ergebnisse sind dabei für heutige Anthroposophen alles andere als bequem. Schon der Titel enthält genau genommen eine Provokation, die das Selbstverständnis der Anhänger Steiners erschüttern dürfte. Indem Zander die Anthroposophie als eine bloß weiterentwickelte Form der Theosophie bestimmt und sehr genau die Abhängigkeit Steiners von seinen theosophischen Quellen belegt, kann die Originalitätsbehauptung Steiners kaum aufrechterhalten werden. Der Knackpunkt ist: Wenn Steiner, der die Autorität und Glaubwürdigkeit seiner Aussagen stets auf seinem Anspruch gründete, die Grundtatsachen der geistigen Wirklichkeit direkt erfahren zu können, als rühriger Kompilator (wo nicht Plagiator) theosophischen Materials erscheint, bricht die Legitimation als ‚Hellseher’ in sich zusammen. Das angeblich autonom Geschaute stellt sich bei näherer Betrachtung als intertextuelles Netzwerk da, in dem die Grundlagen der anthroposophischen Weltanschauung – Karma, Reinkarnation, die Wege zur ‚Erkenntnis der höheren Welten’, die Lehre von den Körperhüllen usw. – allesamt dem esoterischen Schrifttum des ausgehenden 19. Jahrhunderts entlehnt sind. Die theosophische Textproduktion um 1900, nicht nur die Steiners, wäre eher als Prozess eines universalen Kannibalismus zu beschreiben, in dem wechselseitig und unter strategischen Gesichtspunkten das verschiedenste Material angeeignet und variiert wurde. Steiner verstärkte etwa deutlich das christliche Moment seiner Theosophie, führte Goethe als Säulenheiligen ein und stärkte damit die traditionell bürgerlichen und westlichen Momente. Gegenüber den exotistischen Zügen der Adyar-Theosophie, die ihre Wurzeln in Indien suchte, domestizierte er die Fremdartigkeit der theosophischen Begründungszusammenhänge und machte sie so für breitere Schichten rezipierbar.

Im präzisen Textvergleich der verschiedenen Ausgaben von Steiners Schriften macht Zander deutlich, wie Steiner später versucht hat, seine besonders in den ersten Jahren nach 1900 ausgeprägte Benutzung theosophischer Literatur im nachhinein zu verschleiern. Sowohl durch die Selbstaussagen Steiners wie durch eine rigide Bearbeitung der Neuausgaben sollten die theosophischen Anteile marginalisiert werden; Steiner betrieb damit eine Textpolitik, die sich in der Herausgabe der gesammelten Werke Steiners durch die Nachlassverwaltung fortsetzte. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass der ehemalige Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in der wichtigsten historisch-kritischen Ausgabe der Zeit nun selbst ein Opfer des Philologen-Spürsinns wird.

König Artus’ Tafelrunde

Aber es wäre falsch, Zanders Buch lediglich als den Versuch einer groß angelegten Entlarvungsgeschichte zu lesen. Seine Einsichten betreffen zentrale Funktionsweisen marginalisierter religiöser Kulturen unter den Bedingungen der Moderne und schließt an zentrale soziologische und kulturwissenschaftliche Fragestellungen an: etwa in der Deutung der Anthroposophie als Form charismatischer Herrschaft, in der Thematisierung frauenspezifischer Freiräume in der theosophischen Vereinskultur oder besonders auch im Anschluss an eine Popularisierungsgeschichte des Wissens. Gerade in dieser Perspektive erweist sich Steiners scheinbar enzyklopädisches Wissen als Frucht zahlreicher populärwissenschaftlicher Abhandlungen und sein Versuch einer Synthesebildung aus Wissenschaft und Spiritualität als Überbietungsgeste. Vieles, was Steiner angeregt und aufgezeigt hat, ist deshalb nicht notwendigerweise falsch. Aber die Frage steht doch im Raum, welches Wissen er sich angeeignet und wie er es transformiert hat. An diesen Fragen, so die zentrale Aussage von Helmut Zander, wird die Anthroposophie in Zukunft nicht vorbei kommen ohne massiv an Glaubwürdigkeit zu verlieren und im Dogmatismus zu erstarren.

Natürlich besteht die Freude für den Leser von Zanders Studie aber dann doch in der Fallhöhe, die zwischen dem Anspruch universaler und spiritualistischer Welterklärung liegt und Steiners begrenzten Fähigkeiten als einem, wenn auch in mancher Hinsicht herausragenden, Intellektuellen seiner Zeit. So symptomatisch wie amüsant ist deshalb eine Geschichte wie diese: Als Steiner mit seinem Anhang im August 1924 das Schloss Tintagel in Cornwall besucht, das im 5./6. Jahrhundert die Residenz König Artus’ und seiner Tafelrunde gewesen sein sollte, passiert folgendes: „Als Rudolf Steiner dann auf der Höhe des Felsens die Mauerreste der alten Burg überschaute, … da wurde ihm aus der geistigen Schau die Vergangenheit gegenwärtig, und er schilderte uns nun in lebendigsten Bildern, mit der Hand auf die einzelnen Teile der Burg weisend, wo einst der Saal der Tafelrunde, die Räume des Königs und seiner Ritter gewesen waren.“ Später wurde nachgewiesen, dass das Schloss erst im 12. Jahrhundert gebaut wurde und dass sich die Geschichten um König Artus wohl nur im Reich der Literatur abgespielt haben. Freilich können auch diese Befunde den überzeugten Anthroposophen nicht wirklich erschüttern. Noch 1989 kam die Zeitschrift Goetheanum auf das Thema zurück und legte – unter Berufung auf neuere archäologische Funde – nahe, dass Steiner den richtigen Ort und die richtige Zeit angegeben habe. Zumindest ein Lagerplatz von König Artus sei dort gewesen.

Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und Praxis 1884-1945, 2 Bände, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007, 1884 S., 246 Euro.

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