Wohlstandsgefälle : Stuttgart kann sehr kalt sein

Anna Katharina Hahn erforscht das schwäbische Wohlstandsgefälle. Dank ihres unglaublichen Konstruktionsgefühls ist diese Geschichte mehr als nur eine bessere Seifenoper mit einer Prise Sozialkritik.

Olga Martynova

Man kann Erzählen als eine Kunst betreiben, die der Architektur verwandt ist, oder als Plauderei am Lagerfeuer, mit dem Anspruch einer Vorabendserie oder dem Stilwillen eines nächtlichen Fernsehspiels. Anscheinend kommt nun wieder eine Generation zu Wort, die Literatur wieder mit großer Ernsthaftigkeit schreibt. Anna Katharina Hahn könnte sich zu einer ihrer bemerkenswertesten Stimmen entwickeln. „Kürzere Tage“ ist der erste Roman der 1970 geborenen Stuttgarter Autorin, deren Erzählband „Kavaliersdelikt“ 2005 mit dem Brentano-Preis ausgezeichnet wurde.

Dabei spielt „Kürzere Tage“ an der Oberfläche ganz bewusst mit jenem Vorsichhinerzählen, das zu einer Plage der neueren Literatur geworden sind. Auf den ersten Blick könnte das Buch sogar den Eindruck erwecken, es sei eine schwäbische Ausfertigung der „Desperate Housewives“. Zwei gut situierte Frauen Mitte dreißig in einem besseren Stuttgarter Wohnviertel kommen mit ihrer Vergangenheit, ihrer Mutterrolle, ihrem Beruf, ihrer Sexualität und ihren intellektuellen Ansprüchen nicht zurecht.

Leonie geht arbeiten und ist weder mit ihrer Arbeit noch mit ihrer Familie zufrieden. Sie spürt, wie schnell die Jugend vergeht. Judith hat ein gescheitertes Studium und eine unglückliche, erniedrigende Romanze hinter sich und findet Trost in Tabletten sowie der anthroposophischen Pädagogik, der sie bei der Erziehung ihrer Kinder folgt. Die gepflegte Kulisse – sogar der türkische Gemüseladen, im gewissen Sinne das Zentrum des Geschehens, ist durch die dezente Eleganz des Ambientes und den Charme des Besitzers Nâzim gekennzeichnet – wird von der „anderen“ Realität, von der völligen sozialen Unsicherheit eines in der nächsten Straße stehenden Hochhauses durch eine unsichtbare Grenze getrennt. Von der grausamen Welt, die der Teenager Marco mit seiner Mutter und deren wechselnden Lebensabschnittspartnern bewohnt. Anna Katharina Hahn hat sich vorgenommen, diese Grenze sichtbar zu machen.

Sie katalogisiert die sozialen Zeichen: Bettelarmband, Tweedmantel, Glitzer-Tätowierungen, Baumwollbeutel von Bio-Läden, aprikosenrosa Unterwäsche, Hüftjeans, Goldketten und vieles mehr. Es ist streng geregelt, welcher gesellschaftlichen Stufe, welchem Alter, welchem Geldbeutel was gehört, wer was trägt, wer was isst, sogar wer wonach riecht. Die Tatsache, dass die Hierarchien nur durch materielle Dinge entstehen, deutet aber an, dass in dieser Welt etwas fehlt.

Anna Katharina Hahn schreibt mit Lust an der Sprache. Kinderreime kommen vor, sprichwortartige Wendungen und Umgangssprachliches: „Wer essend einen Toten anschaut, dem fallen die Zähne aus“, „Wenn ihr was verliert, müsst ihr zum heiligen Antonius beten“, „verdammte Fliege, wenn ich dich kriege...“. Es ist eine Freude, dieser alles trocken registrierenden Stimme zu folgen, obwohl sie uns in eine traurige Welt führt. Die greise Luise verliert ihren Mann und steht an der Schwelle zur Einsamkeit und Hilflosigkeit. Unglückliche junge Frauen haben keine Empathie für die Welt. Glück ruft Neid bei ihnen hervor, Unglück ekelt sie.

Die tiefe Tragik, die Anna Katharina Hahn schafft, macht aus ihren Romanfiguren ängstliche, allein gelassene Geschöpfe, die sich in der mit allen zivilisatorischen Errungenschaften ausgestatteten Welt genauso unsicher fühlen wie die Urmenschen in ihren Höhlen. Dadurch gibt sie ihnen ihre Menschlichkeit, ihre Dreidimensionalität zurück.

Trotzdem bliebe diese Geschichte womöglich eine bessere Seifenoper, mit einer Prise Sozialkritik und etwas psychologischem Tiefgang versehen, wenn die Autorin nicht ein unglaubliches Konstruktionsgefühl besitzen würde. Der Leser fühlt sich wie innerhalb eines Schiffsbaus, mit vielen vor seinen Augen wachsenden Bauelementen, deren Zweck erst mit fortschreitender Lektüre deutlich wird. Wo sie sich zusammenfügen, spürt man eine Genugtuung, die heute nicht alltäglich ist.

Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 223 Seiten, 19,80 €.

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