Kultur : Mutter einer neuen Welt

Nach der Revolution: Ägypten könnte wieder zum kulturellen Zentrum der Araber werden

von
Goldene Jahre. Faten Hamama und Omar Sharif in „The Blazing Sky“, der 1954 auf dem Filmfest Cannes lief. Foto: mauritius images Foto: mauritius images
Goldene Jahre. Faten Hamama und Omar Sharif in „The Blazing Sky“, der 1954 auf dem Filmfest Cannes lief. Foto: mauritius imagesFoto: mauritius images

Al Qahira, „Die Siegreiche“ – so heißt Ägyptens Hauptstadt Kairo auf arabisch. Und die Ägypter nennen sie stolz und zärtlich Um ad-Dunja, „Mutter der Welt“. Stolz ist man auf die Pyramiden, eines der antiken Weltwunder. Deren Bau aber liegt lange zurück und die Berufung auf die pharaonischen Vorfahren bekommt etwas Tragisch-Pathetisches, wenn im heutigen Ägypten regelmäßig Neubauten einstürzen und ihre Bewohner unter sich begraben, weil am Bau gepfuscht wurde.

Dennoch trug die Metropole am Nil, in der heute etwa ein Drittel der Bevölkerung Ägyptens lebt, auch in der Moderne zu Recht ihren Ausnahmetitel. Denn Ägypten und seine Kapitale spielten seit Jahrhunderten eine politische und kulturelle Vorreiterrolle in der arabischen Welt. Hier begann im 19. Jahrhundert die Auseinandersetzung mit der westlichen Moderne, hier haben die islamische Reformbewegung und der politische Islamismus ihren Geburtsort. Der arabische Nationalismus, der nach Jahrhunderten ausländischer Einmischung von einem neuen Selbstbewusstsein kündete, wurde von Präsident Gamal Abdel Nasser verkörpert. Der moderne ägyptische Film schlug die ganze Region in ihren Bann, deren Helden die Stars der ägyptischen Musik waren.

Doch spätestens in den siebziger Jahren begann der Niedergang Ägyptens, das seine politische und kulturelle Strahlkraft einbüßte. Die Filmindustrie trifft sich heute in Dubai, die besten Ramadan-Fernsehserien kommen aus Syrien und Jordanien und der einflussreichste Fernsehsender sitzt in Qatar. Selbst im Nahostkonflikt, sozusagen im Hinterhof Ägyptens, hat der politische Zwerg Saudi-Arabien mehr Fäden in der Hand. Kommt nun die ägyptische Renaissance? Die Jugend vom Tahrir-Platz und die Millionen Ägypter, die sich aus eigener Kraft von der repressiven und visionslosen Herrschaft Hosni Mubaraks befreit haben, sind die neuen Helden der arabischen Welt. Das kleine, frankofone Tunesien mag den Anstoß gegeben haben, die Schockwellen aber hat der Umsturz in Ägypten ausgesendet. Wenn die Ägypter ihre Revolution vollenden und wieder Dynamik in ihr Land bringen, könnten sie ihre kulturelle Führungsrolle in der arabischen Welt und darüber hinaus zurückerobern.

Es waren die Ägypter, die das intellektuelle Ringen der arabischen Welt mit der westlichen Moderne besonders prägten. Der Reisebericht des islamischen Gelehrten Rifaa Al-Tahtawi, der von 1826 bis 1836 in Paris lebte, ist eines der einflussreichsten Werke. Die Beobachtungen der Tischsitten, des Erziehungssystems und des Verhältnisses von Mann und Frau sind nicht nur bis heute amüsant zu lesen, sondern Al-Tahtawi hat auch vorbehaltslos seiner Bewunderung für das Schul- und Ausbildungssystem oder die intellektuelle Neugier der Franzosen Ausdruck verliehen. Nach seiner Rückkehr nach Ägypten führte er die erste Generation modern ausgebildeter Intellektueller an. Al-Tahtawi legte die Grundlagen für die sogenannte islamische Renaissance, die die islamische Kultur mit der westlichen Moderne zu verbinden suchte und auf die gesamte Region ausstrahlte.

Auch die Übernahme westlicher Stadtplanung und Architektur war in Kairo stärker als anderswo – die westliche Innenstadt mit ihren Boulevards und Plätzen wurde im Stile des Franzosen Haussmann angelegt. Aus diesem Ringen um den eigenen Weg entstand 1928 die islamistische Muslimbruderschaft, die eine Rückkehr zu den angeblich eigenen Werten und Traditionen propagierte. Sie ist die Mutter aller islamistischen Bewegungen und sie wird darüber mitentscheiden, welchen Weg Ägypten nun geht.

Doch stärker noch gründet sich das ägyptische Selbstbewusstsein auf die Kulturproduktion. Ägyptische Filme und Musik dominierten jahrzehntelang die gesamte arabische Welt. Die ersten Filme wurden hier schon in den zwanziger Jahren gedreht, 1935 wurde mit der Gründung der Misr-Studios die Vormachtstellung zementiert: In den „Goldenen Jahren“ zwischen 1940 und 1960 wurden hier fünfzig Spielfilme pro Jahr produziert – 1950 waren es im Rest der arabischen Welt ganze zehn. Die Melodramen und Slapstick-Komödien faszinierten die Region mit urbanem Glamour und sozialkritischem Blick. Technisch konnten sie locker mit Hollywood mithalten. Der Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfouz schrieb Drehbücher, der Schauspieler Omar Sharif und seine zweite Ehefrau Faten Hamama gehörten in den Fünfzigern zu den gefeiertsten Stars. Doch die Nationalisierung der Filmindustrie unter Nasser, politische Zensur und Geldmangel führten zum dramatischen Niedergang der blühenden Branche. „Das Haus Jacubian“, nach dem Roman von Ala Al-Aswany, ist einer der wenigen Qualitätsfilme, die Ägypten in jüngster Zeit hervorgebracht hat.

Das Internationale Filmfestival Kairo gehört zwar formal immer noch zu den A-Festivals, doch laufen hier kaum Filme von Weltrang und schon gar keine Weltpremieren. Die größten Schlagzeilen machten die Veranstalter zuletzt damit, dass sie den hochgelobten israelischen Film „The Band’s Visit“ ablehnten, der vom Besuch einer ägyptischen Polizeikapelle in Israel handelt. Da verwundert es nicht, dass das erst wenige Jahre alte Dubaier Filmfestival Kairo den Rang abgelaufen hat – dort gibt es mehr Geld – und mehr Freiheit. Verloren hat Ägypten auch sein Monopol auf die Produktion von Fernsehserien, die während des Fastenmonats Ramadan in den meisten Haushalten der arabischen Welt gesehen und diskutiert werden. Die erste arabische Fernsehserie, die einen Internationalen Emmy gewann, war 2008 eine jordanische Produktion für das Ramadan-Programm – mit syrischen Schauspielern, tunesischem Regisseur und einer in Palästina angesiedelten Liebesgeschichte.

Vorbei sind auch die Zeiten, als die ägyptische Diva Um Kolthum die arabische Welt in Verzückung versetzte; oder als der frühe Tod des „Königs der arabischen Musik“, des Sängers und Schauspielers Abdel Halim Hafez die ganze Region in Trauer stürzte. Heute ist die kolumbianische Sängerin Shakira einer der größten Stars der Region, weil sie libanesische Wurzeln hat.

Noch sind sie mit der Vollendung der politischen Revolution beschäftigt. Doch wenn die Revolutionäre die Fernsehredaktionen erobern, die Schriftstellerverbände von den Dinosauriern der Nasser-Ära befreien und ihre Kreativität nicht mehr durch den Filmzensor beschnitten wird, könnte Kairo den Titel Um ad-Dunya bald wieder zu Recht tragen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben