Symposium zu Ehren von Edward Said : Vom Drinnen und Draußen

Sein Denken sprengte Grenzen, er selbst war zerrissen zwischen Amerika und Palästina – das Berliner Haus der Kulturen erinnert an Edward Said, den einflussreichen Theoretiker und Intellektuellen.

Adania Shibli
Das Gesicht der Rebellion. Porträt von Edward Said auf einer Hauswand in Tunesien.
Das Gesicht der Rebellion. Porträt von Edward Said auf einer Hauswand in Tunesien.Foto: Haus der Kulturen der Welt

Als Edward Said am 25. September 2003 in New York starb, war er als einflussreicher Theoretiker und Intellektueller weithin anerkannt, hinterließ er doch ein beeindruckendes kritisches Werk, von „Orientalism“ (1978) bis „On Late Style“ (2006 posthum veröffentlicht), das bis heute weltweit auf den unterschiedlichsten Gebieten nachwirkt. Mit Daniel Barenboim gründete er 1999 das West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge Musiker aus Israel und arabische miteinander musizieren. Die Barenboim-Said-Akademie befindet sich in Berlin im Aufbau. Beide Institutionen sollen Verständigung fördern, friedensstiftend wirken.

Saids Ideen haben nicht nur zu Paradigmenwechseln in den Geistes- und Sozialwissenschaften geführt, sie haben das Feld der akademischen Diskussion hinter sich gelassen. Während der politischen Unruhen in verschiedenen arabischen Ländern verwandelten Aufständische seine Konzepte in Slogans, seine Worte tauchten als Graffiti an Häuserwänden im revolutionären Tunesien auf. Der Begriff des „Orientalismus“ beschreibt den eurozentrischen Blick auf die arabisch-levantinische Welt. Da war viel Romantik im Spiel – und koloniale Praxis. Damit wurden kulturelle, geografische, politische Grenzen gezogen.

Ein zentrales Anliegen, das in Edward Saids Werk immer wieder aufscheint und für die Gegenwart von besonderer Relevanz ist, sei es in politischer, sozialer oder ökonomischer Hinsicht, ist der Versuch, die Logik binärer, oppositioneller Beziehungen zu durchbrechen. Bedauerlicherweise hat gerade diese Logik sich in der Analyse sozialer Beziehungen durchgesetzt. Said wurde nicht müde, deren simples Schema eines „Ich und Wir“ (wer immer das auch sein mag) gegen „den und die anderen“ zu problematisieren.

Said war Palästinenser und Amerikaner. Man mag sich daran erinnern, was er in „Out of Place“ (Am falschen Ort) über sich selbst schrieb und über das Dasein in zwei Sprachen: Arabisch und Englisch. Beide fungierten als seine Muttersprachen und beeinflussten sein Sprachgefühl in einer Art und Weise, dass es ihm unmöglich erschien, eine exakte Trennung vorzunehmen oder auch nur diesen Zustand vollständig zu erfassen. Eine solche Existenzform kann man heutzutage bei Immigranten immer häufiger beobachten. Unter diesen Umständen geraten Definitionen von Kulturen und Gesellschaften zu schwer fassbaren, hoch umstrittenen Angelegenheiten. Hier sind Erkenntnisse über „Gegenkulturen“ gefragt. Said versteht darunter Praktiken, die mit den unterschiedlichsten Außenseitern in Verbindung gebracht werden – nicht nur Immigranten, sondern auch Arme, Künstler, Bohemiens, Arbeiter und Rebellen.

Es verwundert nicht, dass Said im Rückgriff auf Frantz Fanon, den Vordenker der Dekolonisation, vehement für ein soziales Bewusstsein anstelle eines nationalen eintrat. Letzteres war für ihn ein rückwärtsgewandtes, geradezu atavistisches Festhalten an einer in sich geschlossenen Kolonial- oder Inländeridentität. Der Wunsch, Sozialbewusstsein über Nationalbewusstsein zu stellen, ist in seiner Forderung nach einer Ein-Staaten-Lösung in der Palästina-Israel-Frage deutlich erkennbar, ebenso wie in seiner Definition des Universalismus, den er vom Imperialismus klar absetzte.

Wer diese Problematik ignoriert, riskiert einen Riss im Selbst, insbesondere unter den Immigranten im Norden und Westen, aber auch im Süden. Bezeichnenderweise verrät Said in „Out of Place“, dass er an der Cairo School for American Children seine Arabischkenntnisse verheimlichte.

Die Bedeutung von Orten rührt in Saids Sicht daher, dass „ein Territorium der Ort ist, an dem du tust“. Eine unkompromittierte Denkweise hält einen Menschen in Bewegung, macht ihn zum Reisenden. Reisende setzen eingefahrene Routinen außer Kraft, erproben neue Rhythmen und Rituale. Im Gegensatz zum Sultan, der einen Ort absichern und dessen Grenzen verteidigen muss, begibt sich der Reisende über territoriale Grenzen hinaus und lässt fest umrissene Positionen hinter sich. Daher ist nach Said das Abweichen von ausgetretenen und klar zugewiesenen Pfaden ein Akt der Befreiung, der in einen „flüchtigen Augenblick der Freiheit“ mündet.

Räume haben vielschichtige Konnotationen, je nachdem, ob man drinnen ist oder draußen oder ob man sich deplatziert fühlt, wenn man kein Recht auf den Ort hat, was wiederum auf Saids Erfahrung in Bezug auf Palästina verweist. Es ist der „unversöhnliche Gegensatz, den dieser Ort vermittelt, zum einen sein Verlust, der sich in so vielen gebrochenen Lebensläufen einschließlich dem meinen niederschlägt, und zum anderen sein Status als gelobtes Land für sie (aber natürlich nicht für uns)“.

Said ergriff hier die Gelegenheit, die Reaktion seiner Familie, insbesondere seines Vaters, auf den Verlust Palästinas zu beschreiben: des Ortes, an den die Familie nach seiner Besetzung 1948 und der Neugründung des Staates Israel nicht würde zurückkehren können. Saids Vater scheint sich nach dem Fall Palästinas ins Kartenspielen zurückgezogen zu haben. Er erinnert sich, neben ihm gesessen – es war eine Art Bestrafung für schlechtes Benehmen – und dieses Kartenspielen als hoffnungslose Leere wahrgenommen zu haben. Als Weg, Angst und Beklemmung zu sublimieren. Als eine Flucht vor der Realität – und all dies unter Einsatz möglichst weniger Worte. Als Schweigen. Für Said lief das auf eine mentale und moralische Unterwerfung hinaus, die das Gefühl der Macht anderer über einen selbst noch verstärkte.

Machtstrukturen mit massiven destruktiven Auswirkungen sind gegeben. Viele davon hat Said offengelegt. Er sieht aber auch Möglichkeiten, ihnen entgegenzuwirken. Solche Gelegenheiten können an den unwahrscheinlichsten Orten auftauchen, in Verhaltensweisen oder Emotionen aufscheinen. Fragilität, Schmerz und Einsamkeit zählen zu den immer wiederkehrenden Gefühlen in seinen jungen Jahren. Daran wird sich auch nichts ändern, als physische, aber auch emotionale Schwäche bestimmte Abschnitte seines Lebens charakterisierten. Der Kritik durch Entkörperlichung, durch absichtliches Zurückbleiben, durch Trödelei oder Zappelei zu begegnen – all dies sind Strategien des Widerstands gegen die Mächtigen, sei es der Vater, seien es die Schulen, die er besuchte. Gerade die Techniken, die landläufig mit Schwäche und Versagen assoziiert werden – Musik machen gehört auch dazu –, können sich in bestimmten Situationen als nützlich erweisen, als individuelle Handlungsfähigkeit anstelle von kollektivem Determinismus.

Alles zu riskieren, um einen Weg zu finden, eine Brücke zu bauen, fantasievoll und kritisch, das birgt die Möglichkeit, der Passivität, dem Gefühl der Niederlage und der Hoffnungslosigkeit Einhalt zu gebieten.

Aus dem Englischen von Martin Hager. – Adania Shibli wurde in Palästina geboren und lebt und arbeitet zurzeit zwischen Jerusalem und Berlin. Sie schrieb Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen und Essays. Sie ist Kuratorin des Symposiums „A Journey of Ideas Across: Im Dialog mit Edward Said“, das zum 10. Todestag von Said vom 31. Oktober bis 2. November im Haus der Kulturen der Welt stattfindet.

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