Antisemitismus und Rassismus in Deutschland : Muslime sind nicht die neuen Juden

Der begehrte Opferstatus führe zu weniger Verantwortung der Muslime und motiviere sie nicht zum Handeln, antwortet Professor Jascha Nemtsov auf Armin Langer, der erklärt hatte, dass Muslime die neuen Juden seien. Aber anders als im Judentum gebe es mit dem Islam gravierende Probleme. Ein Gastkommentar.

Jascha Nemtsov
Koran-Verteilaktion am Potsdamer Platz vor zwei Jahren - initiiert von radikalen Salafisten.
Koran-Verteilaktion am Potsdamer Platz vor zwei Jahren - initiiert von radikalen Salafisten.Foto: dpa

Armin Langer, Koordinator der Salaam-Schalom-Initiative in Neukölln und Rabbinerstudent in Berlin, hatte vor wenigen Tagen auf unserer Seite einen Gastkommentar veröffentlicht, in dem er beschrieben hat, dass nicht mehr Juden mit Benachteiligungen leben müssten, sondern Muslime. Jetzt antwortet Jascha Nemtsov.

Ein Passagier wird in der Straßenbahn ohne Fahrschein erwischt. Er erklärt dem Kontrolleur, dass er keine Dokumente bei sich hat, seine genauen Daten aber gern mitteilen könne: er heiße Itzchak Goldstein und wohne in der Karl-Marx-Straße 14. Das überzeugt den Kontrolleur, denn kein Mensch würde sich freiwillig einen jüdischen Namen zulegen. Der blinde Passagier, der natürlich gelogen hat, entgeht der Strafe durch den einfachen psychologischen Trick: Jude zu sein und somit einer verfolgten und diskriminierten Gemeinschaft anzugehören, wäre das letzte, was man als Nichtjude möchte.

Diese Geschichte erzählte man sich früher in Russland, als dort der Antisemitismus allgegenwärtig war. Inzwischen hat sich Einiges in der Welt verändert. „Jude“ zu sein – natürlich nur im übertragenen Sinne – und folglich aber einen ganz realen Opferstatus zu genießen, ist nicht selten eine heiß begehrte Auszeichnung.

Statt der Leistungsschwachen gibt es heute nur noch „sozial Benachteiligte“

Als die Juden vor 70 Jahren fast überall in Europa Freiwild waren, wollte man mit ihnen möglichst nichts gemein haben. Seitdem es die Wiedergutmachung gibt, möchten viele diesen „Bonus“ mit ihnen teilen. Je toleranter und wohlhabender unsere Gesellschaft wird, desto mehr Menschen fühlen sich „wie die Juden damals“ behandelt – und verlangen nach zusätzlicher Unterstützung.

Seit im Mittelpunkt der Diskussionen immer mehr die Gerechtigkeit steht, ist man solchen Ansprüchen gegenüber sensibel geworden. Statt der Leistungsschwachen gibt es heute nur noch „sozial Benachteiligte“. Jeglicher Versuch, an deren Eigenverantwortung zu appellieren, wird als „Rassismus“ zurückgewiesen. Vielmehr seien es allesamt „neue Juden“. Der Staat versucht unermüdlich, die gestörte Gerechtigkeit durch noch mehr Unterstützung von Benachteiligten wiederherzustellen.

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