Antisemitismus : "Du Jude" - Ist das nur so ein Wort?

29.01.2012 16:37 UhrVon Caroline Fetscher
Karikatur: Stuttmann

Es war eine sehr deutsche Woche: 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, Holocaust-Gedenktag und die Veröffentlichung einer neue Studie zum aktuellen Antisemitismus. Sie zeigt: Der Hass ist immer noch weitverbreitet, virulent, aktiv. Was tun dagegen?

Also, seufzte die junge Frau schwärmerisch, sie bewundere die Juden. Wirklich. „Denen gehören doch in Amerika sämtliche Banken! Und fast alle Konzerne!“ Wie die das fertigbrächten, daran könne man sich echt ein Beispiel nehmen.

So sprach die aparte Brünette in einem Zugabteil der Deutschen Bahn, vor rund zwei Jahren. Sie meinte all das als Kompliment an einen Mitreisenden, mit dem sie ins Gespräch gekommen war, ein in Deutschland lebender Gastronom aus Israel. Ihr Gegenüber, schäbiges Sakko, um die sechzig Jahre alt, lächelte nachsichtig.

Nun, es gebe überall reiche und arme Juden, ihre wirtschaftliche Rolle sei weitaus geringer, als oft angenommen. „Ach?“, protestierte die junge Frau, „ganze Imperien haben Leute wie Rockefeller aufgebaut, Leute wie Henry Ford!“ Hier lachte der Mitreisende kurz. „Henry Ford war ein bekannter Antisemit, und Rockefeller ist auch nicht jüdisch.“ Dass jemand derart schlecht unterrichtet sei, noch dazu als Israeli, das wunderte die Frau ernsthaft. Schließlich wusste sie als Betriebswirtin diese Sachen von ihrem Chef, der in solchen Fragen allerhand auf die Juden hält. „Lesen Sie nach“, empfahl der Herr im Plauderton, „informieren Sie sich ein bisschen.“ Dann wechselten sie das Thema.

Noch eine Vignette aus dem Alltag der Gegenwart. In einer Stadt im Rheinland, das erzählte ein Journalist neulich unter Kollegen, ermunterte ihn ein gebildeter Jurist: „Geben Sie’s ruhig zu: Sie dürfen in Ihrer Zeitung nichts Negatives über irgendwelche Juden schreiben!“ Unsinn, erwiderte der, man dürfe in der freien Presse alles schreiben. „Verstehe schon“, begütigte der Mann leutselig, „Sie müssen so antworten, ist ja okay.“

Muss man immer wieder bei null anfangen? Kein Zweifel. Man muss immer wieder bei null anfangen, sollen stereotype Repräsentationen von Juden eines Tages zu hundert Prozent aus der Welt geschafft werden. Zwanzig Prozent der Deutschen, zu dem Schluss kommt eine aktuelle Studie, seien latent oder offen judenfeindlich. Der Bericht, Drucksache 17/7700 des Deutschen Bundestages, verfasst von einem unabhängigen Expertenkreis, trägt den Titel „Antisemitismus in Deutschland – Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze“. Wie Dutzende zuvor kommt er zu dem alarmierenden Schluss: Es gibt ihn noch, den Antisemitismus in Deutschland. Er ist weitverbreitet, virulent, aktiv.

Antisemitische Tendenzen aber, so heißt es in der Studie einführend, „berühren nicht nur die Frage nach Verlässlichkeit und Funktionstüchtigkeit der demokratisch-pluralen Grundlage dieses Staates und seiner Gesellschaft, sondern auch die notwendige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, der zum größten Völkermord in der Menschheitsgeschichte geführt hat“. Antisemitismus, heißt es, tarne sich heute gern als Israel-Kritik, und er durchzieht alle Milieus.

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