Schwule und Lesben in Russland : Die Liebe in den Zeiten Putins

„Homo-Propaganda“ soll in Russland verboten werden. Müssen sich Schwule und Lesben in Zukunft verstecken? Fünf junge Menschen aus Russland erzählen von ihren Erfahrungen und ihrem Kampf gegen Diskriminierung.

Victor Trofimov
Verboten. Putin (links neben Medwedew) muss das „Gesetz gegen homosexuelle Propaganda“ noch unterschreiben, die Duma hat es in erster Lesung schon verabschiedet. Tritt es in Kraft, könnten Plakate wie diese Karikatur vom letztjährigen Berliner CSD in Russland nicht mehr gezeigt werden.
Verboten. Putin (links neben Medwedew) muss das „Gesetz gegen homosexuelle Propaganda“ noch unterschreiben, die Duma hat es in...Foto: AFP

JEWGENIJ, 25 JAHRE

kommt aus Wladiwostok und lebt in Dublin

Dass ich schwul bin, habe ich mit zwölf Jahren verstanden, als ich den Film „Titanic“ gesehen habe. Kurz darauf hatte ich erotische Träume, die sich um Jungs drehten. Als mir meine sexuelle Orientierung bewusst wurde, hat das sehr unterschiedliche Gefühle bei mir ausgelöst – von Freude bis Angst. Ich wusste nicht, wie ich leben sollte und was passieren würde, wenn ich jemandem davon erzähle.

In der Schule ahnten viele, dass ich schwul bin. Gesprochen wurde darüber allerdings nie. Ich habe mich damals in einen Mitschüler verliebt. Der hatte große Angst, sich zu outen, er wollte wie ein Hetero wirken. Einmal gingen wir auf eine Party zusammen, da hat er Mädchen geküsst und mit einer geschlafen.

Sein Verhalten hat mich genervt. Nach einem Streit mit ihm habe ich mich betrunken und meinen Eltern zu Hause gesagt, dass ich schwul bin. Meine Mutter war erschrocken und ging mit mir zu einer Psychologin. Die sagte mir, dass Homosexualität „nicht mehr in Mode“ sei. Mit einem Enzephalografen maß sie meine Gehirnströme und verschrieb mir Medikamente, die meine Gehirnaktivitäten stimulieren sollten. So sollte ich mich auf Mädchen umorientieren.

Schäden haben diese Medikamente nicht hinterlassen – im Gegenteil, in der Schule wurde ich nach der Einnahme besser. Meine sexuelle Orientierung hat sich natürlich nicht verändert. Meine Mutter hofft nach wie vor, dass ich von der Homosexualität „geheilt“ werde.

JEWGENIJ, 25 JAHRE kommt aus Wladiwostok und lebt in Dublin.
JEWGENIJ, 25 JAHRE kommt aus Wladiwostok und lebt in Dublin.privat

Nach der Schule ging ich an eine Universität in Wladiwostok. Da gab es keine Probleme mit meiner sexuellen Orientierung, wahrscheinlich, weil dort vor allem Kinder reicher Eltern studierten, für die es in Ordnung war, schwul zu sein. Ich wusste trotzdem früh, dass ich ins Ausland gehen wollte, weil ich nur dort die Chance haben würde, offen schwul zu leben. Nach der russischen Uni habe ich einen Abschluss in Ungarn gemacht. Inzwischen wohne und arbeite ich in Dublin. Nach Russland würde ich zurückkehren, wenn sich dort der Umgang mit Schwulen ändern würde.

SERGEJ, 27 JAHRE

kommt aus Smolensk und lebt in Moskau

Über einen Freund, der früher bei der Moskauer Aids-Hilfe gearbeitet hat, bin ich in eine politische Aktivistengruppe hineingerutscht. Zuerst habe ich mich nur in der Aids-Hilfe engagiert. Bald habe ich begriffen, dass wir, wenn wir die Probleme von Schwulen und Lesben in Russland lösen wollen, in die Politik gehen müssen. So wurde ich zum Mitglied verschiedener schwuler Gruppen in Moskau – zuerst der LGBT Rights und dann der Rainbow Asssociation.

SERGEJ, 27 JAHRE kommt aus Smolensk und lebt in Moskau.
SERGEJ, 27 JAHRE kommt aus Smolensk und lebt in Moskau.privat

Am Anfang unserer Arbeit in der Rainbow Association haben wir die jährliche Woche gegen Homophobie mitveranstaltet und Filmabende organisiert. Bald begannen wir, an politischen Demonstrationen mit befreundeten linken Gruppen teilzunehmen. Bei den großen Demonstrationen gegen Putin 2011 und 2012 haben wir gemeinsam einen LGBT-Block organisiert.

Bei den ersten dieser Demonstrationen kam es noch zu Konflikten mit anderen Teilnehmern aus dem linken und rechten Spektrum, danach wurde es völlig normal, dass wir dabei waren, und alle akzeptierten, dass Schwule und Lesben ihren Block hatten. Durch unsere Teilnahme an den Massendemonstrationen haben wir den Mythos zerstört, dass die russische Gesellschaft zu 100 Prozent homophob ist und nur uralte Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben hat.

Dass ich schwul bin, ist mir schon im Teenageralter klar geworden. Ich hatte damals sowohl mit Jungen als auch mit Mädchen Beziehungen, wobei mir schnell klar wurde, dass Jungen für mich sexuell attraktiver waren.

Das Gesetz gegen Homo-Propaganda empfinde ich als einen Versuch, die Wähler von realen Problemen wie den steigenden Lebenshaltungskosten abzulenken. Selbstverständlich hat unsere Gruppe gegen das Gesetz protestiert. Ich war auch auf der letzten Protestaktion vor der Staatsduma am 22. Januar dabei. Vor dem Eingang versammelten sich schwule Aktivisten und andere Gegner des Gesetzes. Als ich mein Protestplakat entrollte, kam ein Mann auf mich zu und bewarf mich mit Eiern. Anschließend griffen mich andere Männer an und schlugen mir die Nase blutig. Vor der Duma standen etwa 15 Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma, die unsere Abgeordneten schützt. Sie haben sich nicht in die Schlägerei eingemischt.

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