• UN-Aids-Konferenz in Durban: "Niemand muss an Aids sterben. Es sei denn, wir lassen es zu"

UN-Aids-Konferenz in Durban : "Niemand muss an Aids sterben. Es sei denn, wir lassen es zu"

Der UN-Aids-Gipfel in Südafrika war ein Moment des Innehaltens. Viel ist erreicht worden im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit. Doch wenn die Aufmerksamkeit und Großzügigkeit jetzt nachlässt, könnte das böse Folgen haben. Ein Gastkommentar.

Heidemarie Wieczorek-Zeul
Die Kinder, die im Hikisa Kinderheim in Kapstadt leben, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit noch lange leben, obwohl sie mit dem HI-Virus zurechtkommen müssen.
Die Kinder, die im Hikisa Kinderheim in Kapstadt leben, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit noch lange leben, obwohl sie mit dem...Foto: Nic Bothma/dpa

Das Kings Park Stadium in Durban ist gigantisch groß und schuf eine Kulisse, die Allen durch Mark und Bein ging: 10 000 Delegierte schauten auf die Bühne, als ein Junge zum Rednerpult ging. Der dunkle Anzug und die Krawatte hingen ein wenig von seiner schmalen Gestalt herunter. Er hatte seine Rede selbst verfasst und wochenlang geübt. Jetzt war es soweit. Er begann mit den Worten: „Hi, mein Name ist Nkosi Johnson. Ich lebe in Melville, Johannesburg, Südafrika. Ich bin elf Jahre alt, und ich habe Aids in vorgerücktem Stadium. Ich wurde HIV-positiv geboren.“

Das war im Juli 2000. Nkosi erzählte von seiner Mutter, die bereits an Aids verstorben war. Vom Stigma, das Menschen mit HIV erleben und das ihn um ein Haar darum gebracht hätte, überhaupt zur Schule gehen zu können. Und er berichtete von Babys, die mit HIV zur Welt kommen und deren Sterben in Behandlungszentren er nicht mehr miterleben wollte. Nkosi bat um mehr und bessere Therapien und um ein Ende der Diskriminierung. Der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki, der sich damals einer wissenschaftlich fundierten Bekämpfung der HIV/Aids-Epidemie widersetzte, verließ während der Rede des Jungen den Saal.

Südafrika hat sich gewandelt

Die Rolle der Regierung Südafrikas ist beispielhaft für die erheblichen Unterschiede zwischen damals und heute. Während in diesen Tagen die internationale Aids-Konferenz wieder in Durban stattfindet ist die Regierung in Johannesburg mittlerweile intensiv um den Kampf gegen die Epidemie bemüht und finanziert den ganz überwiegenden Teil der Maßnahmen selbst. Damals musste Nelson Mandela eindringlich warnen, die Geschichte würde uns als Menschheit hart bestrafen, wenn wir angesichts der katastrophalen Dimensionen der HIV/Aids-Epidemie unsere Bemühungen nicht vereinen. Auch dank so effizienter Instrumente wie dem Globalen Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria sind heute in fast allen Ländern Programme erheblich ausgeweitet worden. Im letzten Jahr konnten die Vereinten Nationen mit der Stimme Deutschlands das Ziel ausgeben, die Krankheit bis zum Jahr 2030 zu beenden.

Wird Deutschland helfen?

Das ist eine großartige, erhebende Aussicht. Doch ob es wirklich dazu kommt, ist alles andere als selbstverständlich. Noch immer erhalten Millionen von Betroffenen keine Behandlung oder kennen ihren Status nicht. Tag für Tag entstehen so Neuinfektionen. Zugleich warnen viele Forscher vor zunehmenden Resistenzen. Wie lange also werden die Medikamente, die wir haben, noch helfen? Und schließlich drohen mit der Aussicht auf Erfolg die gefährlichsten Feinde des Erfolgs: Selbstzufriedenheit und Nachlässigkeit. Der Globale Fonds muss schon wieder darum bangen, ob er im September die nötigen Mittel für die nächste Finanzierungsrunde im Kampf gegen HIV/Aids zusammenbekommt. Ob Deutschland bereit ist, hier entschieden zu helfen, ist derzeit noch alles andere als klar.

Heidemarie Wieczorek-Zeul, SPD, ehemalige Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Heidemarie Wieczorek-Zeul, SPD, ehemalige Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.Foto: Thilo Rückeis

Nelson Mandela nannte ihn eine „Ikone des Überlebenskampfes“, doch Nkosi Johnson starb am 1. Juni 2001, knapp ein Jahr nach seiner bewegenden Rede auf der Welt-Aidskonferenz, nur noch neun Kilo schwer. Auf einem seiner letzten öffentlichen Auftritte hatte er gesagt: „Es ist traurig, so viele Kranke zu sehen. Ich wünschte, allen könnte es gut gehen. “ Heute, 15 Jahre nach seinem Tod ist es so weit. Es kann allen gut gehen. Niemand muss an HIV/Aids sterben. Es sei denn, wir lassen es zu.

Die Autorin war von 1998 bis 2009 Entwicklungsministerin. Die SPD-Politikerin ist Vize-Präsidentin der Freunde des Globalen Fonds.

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